Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 10 / Feuilleton

Honecker war nicht Kinski

Tim Mohrs Buch »Stirb nicht im Warteraum der Zukunft« ist ein Ostpunk-Mixtape

Von Robert Mießner
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Punk-Rock-City Ostberlin, im Plänterwald 1983

Hat David Thomas doch recht behalten? Der Pere-Ubu-Sänger bemerkte mehrmals, Punk sei erfunden worden, um Klamotten zu verkaufen. Lässt sich das erweitern, taugt Punk auch zur Hauptstadtwerbung? Die Frage, sie ist ein böser Verdacht, drängt sich auf, wenn man im Vorwort von Tim Mohrs »Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer« liest: »Was macht das heutige Berlin so einzigartig? Es ist eine Punkrockstadt, eine Punk Rock City.« »Die Punk Rock City«, fügt Mohr hinzu. Sein Buch, ein Ziegelstein von 550 Seiten, gemixt und gebrannt aus Interviews, Stasiakten und der Fachliteratur, will dann aber doch etwas anderes.

Wunschgast Angela D.

Tim Mohr, nordamerikanischer Autor, Journalist und Übersetzer, der unter anderem beim Playboy für Hunter S. Thompson zuständig war und als Ghostwriter für Gil Scott-Heron arbeitete, kam 1992 in das ehemalige Schaufenster des Warschauer Pakts, nach Ostberlin, und lernte die Stadt lieben – im Zuge eines offenbar fachmännisch verbrachten Nachtlebens. Mohr wurde DJ, traf in Schuppen wie dem Eimer, im Tacheles oder in der Schönhauser 5 auf Akteure des DDR-Punk. Er sei damals nicht sonderlich politisch interessiert gewesen, meint Mohr in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Nur dass er »die Vereinigten Staaten unter Reagan und Bush nicht mochte«. Was und wen er an den USA schätzt, wird deutlich, wenn Mohr in einem Fragebogen seines Verlags sagt, eine der drei lebenden Schriftstellerinnen, die er zum Abendbrot einladen würde, wäre Angela Davis. Die Kommunistin und Bürgerrechtlerin wurde 1970 unter Terrorismusverdacht gestellt und verhaftet. Ihr drohte die Todesstrafe. In der DDR gab es eine große Solidaritätskampagne unter dem Motto »Eine Million Rosen für Angela Davis«. Tausende schickten ihr Briefe ins Gefängnis. 1972 wurde sie in allen Punkten der Anklage freigesprochen.

Einen der Absender macht Mohr zum Protagonisten seines Buches: »In seinem Brief schrieb Speiche, wenn er könnte, würde er sie befreien, damit sie zusammen die ganze Welt befreien könnten.« Speiche, einer, bei dem das Pseudonym reichen muss, war damals acht Jahre alt. Ein vielversprechender Einstand, möchte man meinen, aber: »Als er zehn Jahre alt war, hatte man ihn als hoffnungslosen Fall abgestempelt, aus dem sich niemals ein guter sozialistischer Staatsbürger formen lassen würde.« »Du bist zur Norm geboren«, textete ein anderer von Mohrs Protagonisten, Dieter »Otze« Ehrlich, für seine Thüringer Punkband Schleimkeim.

Sex Pistols in der Bravo

Wie sich das mit Verve zurückweisen ließ, davon erzählt Mohr in acht Kapiteln, deren Überschriften er Henryk Gericke, X-Ray Spex, The Clash, Weimarer Punks, Black Flag, Ton Steine Scherben, The Cure und Iggy Pop entlehnt hat. Seine Punkgeschichte der DDR beginnt 1977 in Köpenick mit Britta Bergmann alias Major, einer Fünfzehnjährigen, die bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, einer Antifaschistin, die der DDR skeptisch gegenüberstand. Majors Punk-Erweckung darf exemplarisch genannt werden: Nach den Sommerferien entdeckte die Schülerin in der Bravo ein Foto der Sex Pistols. Die Musik dazu hörte sie erst später. Punk kam in die DDR über das nichtsozialistische Rundfunkgebiet, auf Schleich- und Umwegen und über Mundpropaganda. Nicht anders also als die vorhergegangenen Jugendkulturen – Beat, Rock, Hippies etc. –, die von offizieller Seite erst beargwöhnt, befeindet und später steif umarmt wurden. Ihnen ließ sich immerhin ein progressiver Gehalt attestieren, was bei Punk mit seinem offenkundigen Nihilismus, seiner gewollt bedrohlichen Bricolage – Joe Strummer im T-Shirt der Brigate Rosse, Siouxsie Sioux im Fetischoutfit mit Hakenkreuzarmbinde – ungleich schwerer fiel. Und ausgerechnet das fand seinen Resonanzboden in der DDR.

Wie und in welchem Ausmaß dafür die Beteiligten, unter ihnen noch Minderjährige, in das real existierende Räderwerk gerieten, ist bereits in zahlreichen Veröffentlichungen dargelegt worden. 1999 erschien Ronald Galenzas und Heinz Havemeisters »Wir wollen immer artig sein – Punk, New Wave, HipHop, Independent-Szene in der DDR 1980–1990«, 2006 Galenzas und Alexander Pehlemanns »Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990«, 2007 Michael Boehlkes und Henryk Gerickes »Too Much Future – Punk in der DDR«. Die Geschichte von Schleimkeim lässt sich nachlesen in Anne Hahns und Frank Willmanns »Satan, kannst du mir noch mal verzeihen« von 2008, Willmann gab 2012 darüber hinaus die Anthologie »Leck mich am Leben – Punk im Osten« heraus. Die genannten Titel sind eine kurze Auswahl.

Die neue Erbepolitik

Mohr bekennt sich ausdrücklich zu seinen Vorgängern und sagt, er wolle »eine möglichst große Leserschaft gewinnen«, Leser erreichen, »die an Punkrock oder dem Kalten Krieg wenig Interesse haben«. An Berlin fasziniert ihn das Untergründige und Widerständige, dessen Wurzeln er im Ost-Punk verortet. Wenn Mohr dies am Beispiel so unterschiedlicher Clubs wie des Köpi 137 und des Berghain auch personell begründen kann, so ist das doch sehr linear gedacht. Zugespitzt gesagt, erinnert es ungewollt an die Erbepolitik der DDR, der es gelang, sowohl Thomas Müntzer als auch Friedrich II. in ihre Ahnengalerie zu stellen.

Mohr möchte ein Kompliment machen. Man kann es annehmen, sollte es sich aber auch sehr genau anschauen. Sein Verlag hätte seinem Autor ein gründlicheres Lektorat spendieren sollen. In Mohrs Erzählung finden sich motivische Wiederholungen, die sich nicht zu Leitmotiven aufschwingen wollen. Arg aus dem nachhinein gerät die Beschreibung eines Polizeiverhörs: »Aus einem gerahmten Foto an der Wand starrte ihnen Erich Honecker entgegen.« Das Amtsstubenporträt des lächelnden Generalsekretärs versprühte allenfalls die Dämonie eines ewigwährenden Bewerbungsfotos; Honecker war nicht Klaus Kinski und Erich Mielke, der als Minister für Staatssicherheit über Punks feststellte: »Wir haben keinen Anlass, mit diesen Figuren zart umzugehen«, nicht Peter Lorre. Das macht die damalige Situation nicht besser.

Die Eisenacher Punkband Die Fanatischen Frisöre haben einige als phantastisch in Erinnerung, doch trug sie das nicht in ihrem Namen. L’Attentat aus Leipzig schließlich veröffentlichten 1987 tatsächlich eine Platte im Westen, doch hieß sie »Made in GDR« und nicht »Live in Paradise DDR«. Die wiederum gab es da schon seit zwei Jahren, sie versammelte Aufnahmen der Ostberliner Bands Happy Straps, Aufruhr zur Liebe, Ornament & Verbrechen und Der Demokratische Konsum. Das ist schade, so wie Mohrs Begeisterung und Sympathie spürbar sind. Mitnehmen lässt sich aus einem Buch eine Haltung. Mohr akzentuiert deutlich das anarchische Moment im Punk. Das ist nicht wenig. Selbstachtung und Selbsthandeln sind es dergleichen, wie der Kapitalismus eine klägliche Ausrede bleibt, es zu unterlassen.

David Thomas übrigens hatte, als er 2016 in der Berliner Volksbühne auftrat, etwas von einem nonchalant-verlotterten LPG-Vorsitzenden.

Tim Mohr: Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer. Übersetzt von Harriet Fricke und Frank Dabrock. Heyne Hardcore, München 2017, 560 S., 19,99 Euro

Buchvorstellung zusammen mit Brezel Göring von Stereo Total am heutigen Samstag in Berlin um 19 Uhr im Monarch; 23.4. Hamburg, Hafenklang, 19 Uhr; 24.4. Leipzig, naTo, 20 Uhr; 25.4. Dresden, Schauburg, 20 Uhr; 26.4. Erfurt, Frau Korte, 21 Uhr; 27.4. Mannheim, Kombinat, 20.30 Uhr (wird fortgesetzt)

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