Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 5 / Inland

Weiblich, ledig, befristet

Viele Arbeitsverträge werden nur temporär geschlossen

Von Claudia Wrobel
Agentur_fuer_Arbeit_52921122.jpg

Immer mehr befristete Stellen gibt es in Deutschland, besonders für Frauen und junge Menschen – in den vergangenen 20 Jahren hat sich der Arbeitsmarkt nicht zum Besseren verändert. So könnte man die Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag zusammenfassen, über die die Abgeordnete Jutta Krellmann am Freitag informierte. Ein Drittel der Betroffenen arbeite demnach sogar unterhalb der Niedriglohnschwelle. Insgesamt gab es in Deutschland im Jahr 2015 rund 2,8 Millionen befristet Beschäftigte. Deren Zahl hat sich damit seit 1996 mehr als verdoppelt. Vergleichsweise hoch sind die Anteile in Berlin (9,7 Prozent), in Hamburg (9,7) und in Mecklenburg-Vorpommern (8,9), doch auch in den Bundesländern, in denen sie in Relation niedrig sind, haben immer noch viele Mitarbeiter einen Vertrag mit Ablaufdatum: Rheinland-Pfalz (6,0 Prozent), Bayern (6,2).

Dabei kann man deutliche Unterschiede zwischen Beschäftigtengruppen ausmachen: In acht Bundesländern erfolgt mehr als jede zweite Neueinstellung bei Frauen befristet. Der Anteil Betroffener, die für einen Niedriglohn von 10,36 Euro pro Stunde oder weniger arbeiten, ist mit 30,8 Prozent deutlich höher als derjenige aller abhängig Beschäftigten (20,6) und fast dreimal so hoch wie der Anteil derer mit einem unbefristeten Vertrag (10,7).

Das hat neben beruflichen Einschränkungen und Einbußen bei der späteren Rente auch negative Auswirkungen auf das Privatleben der Betroffenen. »Befristete Arbeitsverträge wirken wie die Antibabypille. Zukunftsplanung oder die Gründung einer Familie bedürfen jedoch der Sicherheit eines unbefristeten Jobs. Befristet Beschäftigte überlegen sich zweimal, ob sie Betriebsrat und Gewerkschaft offen unterstützen, um ihre Weiterbeschäftigung nicht zu gefährden«, kommentierte Krellmann die Zahlen. Sie forderte deshalb zumindest das Verbot der sogenannten sachgrundlosen Befristung. Damit sind nur temporär geltende Arbeitsverträge gemeint, für die es keinen betrieblichen Grund gibt, wie etwa eine notwendige Elternzeit- oder Krankheitsvertretung.

Und wirklich ist laut den Zahlen der Anteil der sachgrundlosen an allen Befristungen in den Westbundesländern überdurchschnittlich hoch. Bundesweit liegt er bei 48 Prozent, aber in Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern sind es mehr als 50 Prozent. Die Anzahl der sachgrundlosen Befristungen hat sich allein in Nordrhein-Westfalen fast vervierfacht: von 94.000 im Jahr 2001 auf 353.000 im Jahr 2015.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Mutmaßlicher Attentäter spekulierte auf Aktienverluste des BVB
    Anselm Lenz
  • Ob soziale Rhetorik der SPD in Schleswig-Holstein ankommt? Die Linke hofft auf Wiedereinzug in den Landtag
    Kristian Stemmler
  • »Selber machen!«: Linke Gruppen stellen »bisherige Kampagnen- und Szenepolitik« auf den Prüfstand
    Claudia Wangerin
  • Wachsender Andrang bei der Armenspeisung: Mehr Rentner, mehr Kinder und mehr Flüchtlinge brauchen Essen von der Tafel
    Susan Bonath