Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 4 / Inland

Raus aus der Nische

»Selber machen!«: Linke Gruppen stellen »bisherige Kampagnen- und Szenepolitik« auf den Prüfstand

Von Claudia Wangerin
Konferenz  GEGENMACHT UND AUTONOMIE.png
Grafik auf der Internetseite www.selbermachen2017.org

Wie leben, was tun, wo anfangen, fragen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, für die eine »marktkonforme« Demokratie keine echte ist. Angesichts von Kriegen, sozialen Verwerfungen und Umweltzerstörung, die das Profitstreben mit sich bringt, reicht es einigen nicht mehr, nur auf Vorstöße von rechts zu reagieren und »eventorientiert« auf die Straße zu gehen. Um neue Strategien und solche, die im Ausland bereits erprobt werden, soll es an den drei Tagen vor dem 1. Mai auf der bundesweiten Konferenz »Selber machen!« in Berlin-Kreuzberg gehen. »In Zeiten weltweiter autoritärer Machtübernahmen ist es für uns wichtig, Gegenmacht von unten aufzubauen. Die bisherige Kampagnen- und Szenepolitik radikaler Linker stößt an ihre Grenzen«, erklärte die Mitorganisatorin Yagmur Albayrak am Freitag. »Wollen wir einen Ausweg aus kapitalistischer Krise und Rechtsruck finden, müssen wir über den Aufbau von Räten und Kommunen sprechen und uns eine Reihe schwieriger Fragen beantworten«, so die mietenpolitische Aktivistin aus Berlin. Das Bündnis »Zwangsräumung verhindern!« zählt ebenso zu den Unterstützern der Konferenz wie der Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK), das Lower Class Magazine, die Erwerbsloseninitiative Basta sowie verschiedene antifaschistische und internationalistische Gruppen.

Vom 28. bis zum 30. April soll es Podiumsdiskussionen, Workshops und ein Rahmenprogramm mit Ausstellungen, Filmvorführungen und einer Stadtführung zu historischen Orten in Kreuzberg geben. Die ehrgeizige Leitfrage: »Wie können wir uns als Gesellschaft abseits von Staat und Kapitalismus selbst organisieren und das Neue im Hier und Jetzt aufbauen?« Bisherige Versuche mit Tendenzen zu Nischenpolitik – etwa in Hausprojekten und linken Betriebskollektiven – sollen dabei auf den Prüfstand gestellt werden. »Neben Fragen der Mitbestimmung und wirtschaftlichen Konkurrenz, Isolierung und Selbstausbeutung möchten wir auch besprechen, wie eine gesellschaftliche Alternative auf Basis von Betriebskollektiven aussehen kann und welche Möglichkeiten der Einbindung in die sozialen Bewegungen bestehen«, heißt es im Programm.

Das Thema »Gesundheit und das gute Leben für alle – Selbstorganisierte Versorgung und Infrastruktur« soll mit Vertretern solidarischer Gesundheitspraxiskollektive aus Thessaloniki, Hamburg und Berlin diskutiert werden.

Weitere Erfahrungsberichte von Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Ausland sind angekündigt, etwa aus der Türkei, den kurdischen Gebieten, der Schweiz und Italien. Das Organisationsteam rechnet nach eigenen Angaben aber auch mit Interessierten aus der direkten Nachbarschaft des Kreuzberger Kulturzentrums Bethanien, in dessen Südflügel die spendenfinanzierte Veranstaltung stattfindet.

Vorgestellt wurde sie bereits am vergangenen Wochenende in Hamburg – auf der thematisch verwandten Konferenz »Die kapitalistische Moderne herausfordern III«. Internationale Referentinnen und Referenten bezogen sich dort positiv auf die anfangs kurdische, inzwischen längst multiethnische Revolution in Rojava, dem Selbstverwaltungsgebiet, das 2016 zur Demokratischen Föderation Nordsyrien ausgerufen wurde. Aber auch Vertreterinnen der Landlosenbewegung in Brasilien und des Kongresses der Völker in Kolumbien hatten in Hamburg über ihre Erfahrungen berichtet.

In Berlin soll »Selber machen!« am Sonntag, den 30. April, mit einer Abschlussdiskussion »zur Neuausrichtung linksradikaler Strategie« enden. Dies solle keine »losgelöste« Debatte werden, betonen die Organisatoren. Die Relevanz der Strategie für die konkrete Praxis soll herausgearbeitet werden. »Umgekehrt sehen wir in der Strategie, die ja irgendwann ›unsere gemeinsame‹ werden soll, auch selbst ein praktisches Vorhaben.«

Programmübersicht: www.selbermachen2017.org

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Mutmaßlicher Attentäter spekulierte auf Aktienverluste des BVB
    Anselm Lenz
  • Ob soziale Rhetorik der SPD in Schleswig-Holstein ankommt? Die Linke hofft auf Wiedereinzug in den Landtag
    Kristian Stemmler
  • Wachsender Andrang bei der Armenspeisung: Mehr Rentner, mehr Kinder und mehr Flüchtlinge brauchen Essen von der Tafel
    Susan Bonath
  • Viele Arbeitsverträge werden nur temporär geschlossen
    Claudia Wrobel