Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 2 / Inland

Marktradikaler Terrorismus

Mutmaßlicher Attentäter spekulierte auf Aktienverluste des BVB

Von Anselm Lenz
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Sollte mitsamt dem 20-köpfigen Équipe gesprengt werden, um Börsengewinne zu erzielen: Ein Mannschaftsbus des BVB, hier beim Rückspiel in Monaco am 19.4.

Der Attentäter, der am 11. April den Bus mit der Fußballmannschaft Borussia Dortmunds vor dem Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco zu sprengen versuchte, wollte damit vermutlich Börsengewinne erzielen. Am Tattag hatte der am Freitag morgen festgenommene Tatverdächtige laut Staatsanwaltschaft entsprechende Aktienderivate, sogenannte Put-Optionen, gekauft: Hochspekulative Wetten auf den Kursverlust des als »Kommanditgesellschaft auf Aktien« börsennotierten Sportunternehmens. Verbraucherkredite, die er für diese Wetten aufnahm, summieren sich laut NRW-Innenministerium auf 79.000 Euro.

Für das minutiös geplante Attentat soll er ein Zimmer im Dachgeschoss des Hotels »L'Arrivée« in Dortmund angemietet haben, um von dort aus die Sprengsätze auf Sicht bei Abfahrt des Mannschaftsbusses fernzuzünden. Ausschlaggebend für seine Ergreifung war wohl, dass er noch am Morgen des Anschlags von diesem Hotelzimmer aus Börsenwetten auf den Kursverlust der Aktie des BVB im Internet abschloss. Die IP-Kennung des Hotels machte ihn nachträglich identifizierbar.

Vermutlich war er es selbst, der am Tatort durch Hinterlassen schlecht gefälschter Flugblätter mit islamistischen Parolen den Tatverdacht in diese Richtung lenkte. Zusätzlich waren zwischenzeitlich weitere widersprüchliche Bekennerschreiben aufgetaucht.

Am Freitag morgen, zehn Tage nach dem Anschlag, wurde nun der tatverdächtige Deutschrusse Sergej W. bei Tübingen von der »GSG9«-Spezialtruppe festgenommen. Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes ließ ihn am Nachmittag inhaftieren. Es wird nun wegen 20fachen Mordversuches gegen ihn ermittelt. Die professionelle Machart der eingesetzten Sprengsätze deutet auf militärisches Hintergrundwissen hin. Laut Bundesanwaltschaft ist Sergej W. gelernter Elektrotechniker. Die Behörde wollte auf Nachfrage von jW aber unter Berufung auf das Persönlichkeitsrecht nicht sagen, ob und, wenn ja, wie lange er bei der Bundeswehr gedient habe.

Der Anschlag scheiterte nur, weil die Sprengsätze zu hoch und zu spät zündeten, und so nur das Heck des Busses zerstörten, der sich im Moment der Zündung laut Staatsanwaltschaft bereits mit einer Geschwindigkeit von 28 Kilometern pro Stunde bewegte. So wurden der BVB-Profi Marc Bartra und ein Polizist verletzt. Die Höhe des Gewinns, der bei Ermordung des Sportteams zu erzielen gewesen wäre, ist noch nicht geschätzt.

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