Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Kindergeburtstag auf LSD

Alles im Fluss bei den Flaming Lips

Von Michael Saager
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Wirkt wie auf Helium hängengeblieben: Wayne Coyne, 56

Ach ja, die Flaming Lips. Man muss immer auf fast alles gefasst sein bei dieser Band, zumal auf der Bühne, wo es ungefähr so zugeht wie auf einem Kindergeburtstag auf LSD. Rosa Riesenkaninchen und mannshohe Stoffeinhörner tummeln sich dort gern, es gibt meist sehr viele bunte Luftballons, und auf dem letzten Konzert in Berlin Ende Januar zwängte sich der 56jährige, auf Helium hängengebliebene Sänger Wayne Coyne in einen aufblasbaren Gummiball und rollte damit von der Bühne ins Publikum.

So was und noch vieles mehr gibt es tatsächlich nur live bei den Flaming Lips. Gäbe es sie nicht seit mittlerweile 34 Jahren, müsste man sie aus unterhaltungstechnischen Gründen sofort herbeihalluzinieren. Das gilt nicht ganz so zwingend für die Platten, für die mehr als Sänger Coyne der Multiinstrumentalist Steven Drozd verantwortlich zeichnet. Aber gut: Man muss ja nicht unbedingt das arg verkrampfte, so gar nicht schöne Antipopalbum »Embryonic« (2009) hören, die melodienseligen Neopsychedelic-Großwerke »The Soft Bulletin« (1999) und »Yoshimi Battles the Pink Robots« (2002) sind dagegen kaum zu toppen. Lange her? Stimmt schon, und stimmt auch wieder nicht, denn das aktuelle Album »Oczy Mlody« (was »junge Augen« auf polnisch bedeutet) ist vielleicht ein bisschen einförmiger, ja langweiliger als die Meisterwerke, doch so ätherisch verstrahlt, so wundervoll psychedelisch poppig floss schon sehr lange kein Flaming-Lips-Album mehr dahin.

Und während andere Traditionsbands in aller Regel vor allem ihr angestaubtes Erbe pflegen wie Blümchen auf dem eigenen Grab, arbeitet der neugierige Geist Coyne mit der 30 Jahre jüngeren Miley Cyrus, mit der er das Album »Miley Cyrus & Her Dead Petz« aufgenommen hat, und sagte zuletzt Dinge wie: »Die Arbeit mit Computern und Musiksoftware war das Punkrockigste, was mir je passiert ist.« Den modernen hiphopartigen Beats und herrlich satten und tiefen Bässen auf dem neuen Album hört man zwar den Punk nicht an, aber mit einem cool-verdrogten HipHop-Trap-Beat wie auf »We A Family« hätte man jetzt nicht zwingend rechnen müssen. Hm, oder vielleicht doch?

The Flaming Lips: »Oczy Mlody« (Bella Union / PIAS)

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