Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 15 / Medien

»Nicht unsere Schwestern«

Perus Frauenbewegung ist geprägt von Klassenwidersprüchen. Arbeiterinnen und Indigene kritisieren bürgerlichen Feminismus

Von Eleonora Roldán Mendívil
S 15.jpg
Demonstration zum internationalen Frauenkampftag am 8. März in Lima

Anfang März in Lima: Die Vorbereitungen zu den Veranstaltungen am Internationalen Frauenkampftag laufen auf Hochtouren. Verschiedene linke Kollektive wollen sich an der Großdemonstration beteiligen. Es wird diskutiert, ob rote Fahnen eine zu große Zumutung für diese Art von Demo sind: »Die Feministinnen sind oft gegen uns Sozialistinnen«, erklärt uns Chasca vom Frauenkollektiv »Sisary Warmi«, das sich nicht als feministisch versteht. Zu sehr ist dieser Begriff in Peru von einem bürgerlich-westlichen Feminismus geprägt. »Wir verteidigen die Ideologie des Proletariats als Befreiungsinstrument aller Männer und Frauen unserer Klasse«, so Chasca. »Das Problem ist, dass die bürgerlichen Feministinnen keine materialistische Analyse vom Patriarchat haben.« Dieses sei historisch mit dem Privateigentum und den Klassengesellschaften aufgekommen.

Gulpi, Sympathisantin von Sisary Warmi, schüttelt den Kopf über »diese NGOlerinnen«, also bürgerliche Feministinnen aus Nichtregierungsorganisationen, die keine Ahnung hätten, wovon sie sprechen. »Sie versuchen, machistische Auswüchse mit ihrem westlichen NGO-Geld zu bekämpfen. Dabei müssen wir uns als Arbeiterinnen organisieren und sowohl das Kapital als auch die machistische Denkweise angreifen«. In den ersten Märztagen probt Sisary Warmi ein eigens konzipiertes Theaterstück, das am 8. März beim »1. Nationalen Treffen der arbeitenden Frau in der Textilindustrie« aufgeführt werden soll. Es zeige »die Rolle der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft« mit Blick auf die Kämpfe der Arbeiterinnen in Peru, so Chasca. Auch in der Andenmetropole Cusco, bekannt für die Nähe zur Inkastadt Machu Picchu, haben sich junge Marxistinnen und Marxisten für den 8. März zusammengefunden. Deren Gruppe »Renovemos« hat den mit rund 50 Personen sehr gut besuchten Workshop »Feminismus und Postkolonialismus« am Vorabend organisiert und ein Banner mit der Aufschrift »Alle gegen die Ausbeutung« gemalt. In dessen Mitte: ein Portrait von Micaela Bastidas Puyucahua – »eine der Frauen, zu der wir als andine Frauen aufschauen«, erklärt uns Ingrid, während sie das Bild an den Stoff tackert. Bastidas Puyucahua ist eine der bekanntesten antikolonialen Kämpferinnen der Anden-Region. Als Tochter eines schwarzen Vaters und einer indigenen Mutter 1744 geboren, übernahm sie 1780 eine sowohl politisch als auch militärisch führende Rolle im Aufstand der indigenen Gruppen gegen die spanische Kolonialverwaltung. »Wir haben hier unsere eigenen Heldinnen und müssen nicht ständig zu europäischen Frauen aufschauen«. Auch für die Genossinnen in Cusco ist »Feminismus« ein imperialistisch geprägter Begriff.

Am 8. März füllt sich in Cusco der Platz vor dem zentralen Mercado San Pedro nur langsam. Sozialistinnen und Sozialisten stellen mit knapp einem Dutzend Teilnehmenden einen verschwindend geringen Anteil. »Viele unserer Genossen müssen arbeiten oder können ihre Kinder bei niemandem lassen«, sagt Ingrid. Rund 300 Menschen, mehrheitlich Frauen, aber auch viele Männer sind zur Demonstration gekommen. Einige haben ihre Kleinkinder mit Mantas, andinischen Decken, auf den Rücken geschnallt. Bürgerlich-feministische Gruppen, mehrheitlich weiße Frauen, einige Mestizas, führen den Zug an. Nur vereinzelt sind junge Quechua sprechende Frauen zu sehen und zu hören. Keine trägt Tracht, alle sind in Jeans und meist lila T-Shirts gekleidet. Ihre Slogans: »Wir sind die Töchter der indigenen Frauen, die ihr nicht sterilisieren konntet!« und »Sie vergewaltigen und töten uns. Und keiner sagt etwas!« In Cusco spricht die große Mehrheit der Bevölkerung Quechua.

Zurück in Lima erzählt Gulpi von Auseinandersetzungen mit bürgerlichen Feministinnen auf der Demo zum 8. März in Lima. Nachdem sich eine Gruppe von mehreren Dutzend Sozialistinnen und Sozialisten mit dem Banner »Wir streiken alle gegen das Kapital« dem Demonstrationszug anschloss, wurde sie von Feministinnen angegriffen: »Sie bezichtigten uns, unpolitische Frauen zu sein«, so Gulpi, »Handlangerinnen von Männern«. Ein Kampf gegen das Kapital habe nach Meinung dieser Frauen absolut nichts mit Feminismus zu tun. In den »sozialen Medien« hätten sich dann verschiedene Lager lange Diskussionen geliefert. »Diese Feministinnen sind nicht unsere Schwestern. Sie bestärken das kapitalistische System. Deswegen haben wir nicht vor, mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern wollen uns weiterhin auf die Arbeit in den Fabriken, in den Barrios und an den Schulen und Universitäten konzentrieren.« Nur hier lasse sich eine revolutionäre Frauenbewegung aufbauen.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio: