Aus: Ausgabe vom 15.04.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schicksalsorte

Auf dem fünften Kontinent stößt der Besucher auch auf die Vergangenheit des Landes als britische Sträflingskolonie

Von Thomas Berger
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Historische Stadtansicht von Sidney mit den von Francis Greenway entworfenen Gebäuden: Für den Bankrotteur und Bilanzfälscher wurde die Deportation zum Karrieresprungbrett

Das Gesicht des berühmtesten Insassen von Hyde Park Barracks zierte früher sogar die australische Zehn-Dollar-Note. Ausgerechnet mit dem Konterfei eines verurteilten Bilanzfälschers schmückte sich die Staatswährung. Damit hatte sich jener Francis Greenway nämlich zu retten versucht, nachdem seine zuvor angesehene Firma daheim im guten alten England bankrott gegangen war. Die Verurteilung brachte Greenway, wie so vielen anderen schon mit kleineren Delikten straffällig Gewordenen, die Deportation ans andere Ende der Welt ein. Für den Architekten eröffneten sich im fernen Sydney ungeahnte Karrierechancen.

Greenway, 1814 eintreffend, hatte ein Empfehlungsschreiben von Arthur Phillip, dem nach England zurückgekehrten Gründer der noch jungen Kolonie New South Wales, im Gepäck – und ein Bündel Zeichnungen. Beides überzeugte Gouverneur Lachlan Macquarie, ihn zum städtischen Architekten zu machen. St. James Church, die älteste Kirche Australiens, das Fort, der Leuchtturm, das Hospital und auch Hyde Park Barracks selbst entstanden nicht nur nach seinen Entwürfen, sondern auch unter seiner Aufsicht. Zunächst Freigänger, erhielt er 1819 die komplette Begnadigung – zeitgleich mit der offiziellen Inbetriebnahme von Hyde Park Barracks als neuer zentraler Sträflingsunterkunft.

Heute ist das Gebäude das wohl wichtigste Museum, das an Australiens Vorgeschichte als britische Sträflingskolonie erinnert. Zwischen 1819 und 1848 wurden hier 55.000 Neuankömmlinge durchgeschleust. Einige scheiterten mit einem Neuanfang fernab der alten Heimat und wurden zu Dauergästen. Andere bauten sich später erfolgreich ein selbstbestimmtes Leben auf. Jede Mauerritze hier atmet Vergangenheit, ein Hauch von Leid und Verzweiflung, Hoffnung und Standhaftigkeit, betrogenen oder erfüllten Träumen. Von Tausenden ist kaum mehr als Name und Herkunftsort bekannt. Doch es gibt einige Dutzend herausragende Geschichten, die an einer interaktiven Datenbankstation im zweiten Obergeschoss erzählt werden.

Brutales Regime

Zum Beispiel war da John Dwyer – mit neun Jahren der Jüngste, der hier einst Insasse war. Sogar Kinder ab sieben Jahren konnten nach damaliger Rechtsprechung verurteilt und deportiert werden. Johnny, ein schmächtiges, pockennarbiges Kerlchen von gerade mal 1,20 Metern, war wegen des Diebstahls einer Uhr in die Fänge der Justiz geraten. Sieben Jahre gab es dafür, sein Deportationsschiff, mit dem er 1831 anlandete, war die »Norfolk«. Inmitten der großen Gruppe zumeist harter Kerle, die bis hin zum Mord einiges auf dem Kerbholz hatten, fiel er zwangsläufig auf. Für Fluchtversuche und »aufsässiges Verhalten« wurde er mindestens vier Mal ausgepeitscht, kam einmal auch 14 Tage bei Wasser und Brot in Einzelhaft. Kein Wunder also, dass er nur 13jährig im Häftlingshospital von Macquarie Harbour auf Tasmanien starb. Dorthin wurden besonders widerspenstige Gefangene weitergeschickt. Die der Nachbarkolonie Victoria vorgelagerte Insel Sarah galt als Hölle auf Erden, die Aufseher dort als noch brutaler als ihre Kollegen anderswo.

Was einem auf Tasmanien blühte, sprach sich schnell herum. Das führte dazu, dass 1829 ein gewisser William Swallow gemeinsam mit anderen Gefangenen das Schiff, mit dem sie von Hobart nach Macquarie Harbour verlegt werden sollten, in ihre Gewalt brachten. Den Kapitän, die Besatzung und einige Häftlinge setzten sie aus und segelten mit dem gekaperten Untersatz nach Neuseeland, Japan und China. Das Glück war Swallow und seinen Kumpanen aber nicht ewig hold, schließlich gelangten sie doch wieder in englische Gefangenschaft und landeten in London vor Gericht. Eigentlich hätte man sie anhand ihrer erweiterten Anklageliste sofort dem Henker übergeben. Die Geschichte, die sie zu erzählen hatten, sorgte aber für eine gewisse Milde im Urteil: Es lautete »nur« auf erneute Deportation nach Australien. 1831 traf Swallow in Sydney ein, und als er später nach Tasmanien verlegt wurde, vermutlich wegen erneuten Aufbegehrens, schloss sich damit sozusagen der Kreis seines Häftlingsschicksals.

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Wem die Stunde schlägt: Das ehemalige Gefängnis von Wentworth im Grenzgebiet von Victoria und New South Wales blieb bis ins 20. Jahrhundert Hinrichtungsstätte

Gleich dreimal, immer unter anderem Namen, wurde der Londoner Angestellte James Hardy Vaux deportiert – nach einer ersten Verurteilung zu sieben Jahren war er 1807 schon wieder zurück in England, als er wegen Raubes in einem Juweliergeschäft in Piccadilly mit lebenslänglich bestraft wurde. In Sydney dennoch mit einer Freigangserlaubnis ausgestattet, floh er unter Bruch der Auflagen nach Irland, wo er der Polizei nunmehr als Geldfälscher ins Netz ging. Der Nachwelt hat dieser offenbar unbelehrbare Kriminelle ein Buch über den Slang der Sträflingssprache hinterlassen, das er 1812 zusammengestellt hatte.

Auch Piraten und Blaublütige tauchen in den Listen der Häftlinge auf. Der Grieche Adonis Manolis hatte gemeinsam mit neun Landsleuten ein britisches Schiff gekapert, welches das von den Ottomanen kontrollierte Alexandria ansteuerte. Als 22jähriger, verurteilt wegen dieses Aktes der Piraterie, kam Manolis 1829 in Sydney an, fand wegen seiner Spezialkenntnisse als Oliven- und Zitrusbauer aber schnell Anstellung bei einer Farmerfamilie. Als die Griechen 1836 begnadigt wurden und nach Hause durften, blieb er aus freien Stücken in dem Land, das seine neue Heimat wurde.

Aufgefallen sein dürfte auch Daniel Detloff von Ranzow – als einer von wenigen der in Hyde Barracks Inhaftierten entstammte er der Oberschicht, sein Vater Baron Carl Ludwig von Ranzow war Gouverneur in Niederländisch-Indien (heute Indonesien). Verurteilt wurde Sohn Daniel, gerade 16jährig, weil er dem Vater im benachbarten britischen Malakka beim Mordanschlag auf einen Richter geholfen haben soll. Als einer der »Lebenslänglichen« erhielt er 1841 schon drei Jahre nach der Ankunft weitgehende Freiheit, weil er bei der Ergreifung entflohener Mithäftlinge geholfen hatte, erfährt der Besucher des Museums.

William Buchanan wiederum war Teilnehmer des Sklavenaufstandes auf Jamaika, wo sich 1831 etwa 40.000 Schwarze erhoben hatten. Schon zwei Monate nach Ankunft in Sydney gelang Buchanan die Flucht – in der Folge wurde er zu einem der berüchtigsten Bushranger. Doch nach einem Jahr gelang die Festnahme des Räubers. Der Jamaikaner wurde 1851 endgültig begnadigt, auch ihm eröffnete Australien damit eine neue Chance. Zu jenen, die aus allen nur denkbaren Ecken des britischen Empire nach Down Under verbannt wurden, gehörte Pierre-Hector Morin, der mit seinem Sohn Achille 1839 im jungen Sydney eintraf. Beide hatten an der sogenannten Lower Canadian Rebellion, einem Aufstand im Norden Amerikas für die Unabhängigkeit, teilgenommen. Morin war Kapitän eines französisch-kanadischen Dampfschiffes gewesen. Die HMS Buffalo brachte ihn und andere nun unter Deck als Gefangene von Quebec bis nach Sydney, einmal halb um den Globus. Obwohl gebildet, sprach Morin kein Englisch: Als er 1842 ein »Ticket of Leave« erhielt, die erste Stufe beschränkten Freigangs, verhinderte diese Sprachbarriere, dass er sich eine Arbeit besorgen konnte. Lediglich Notrationen, die er weiterhin von Hyde Park Barracks erhielt, sicherten dem Ex-Kapitän sein Überleben. Immerhin gehörte Morin senior zu den ganz wenigen Häftlingen, die per königlichem Gnadenerlass freikamen. Bald nachdem ihn dieser 1847 erreichte, ging er zurück in seine alte Heimat Kanada, wo er es noch bis zum Hafenmeister von Montreal brachte.

Glück im Unglück

Die Kartei des ehemaligen Durchgangsknastes ist voll von eigentümlichen Schicksalen. Schon auf geringe Delikte, aus blanker Not geboren, stand damals in England die Todesstrafe – oder eben als Alternative die Deportation nach Australien. Zu jenen, die etwas mehr auf dem Kerbholz hatten, gehörte Patrick McManamy, ein irischer Viehhändler, der wegen Totschlags verurteilt war. Als er 1836 in Sydney von Bord der »Earl Grey« ging, war er bereits 75 und damit einer der ältesten Sträflinge, die je hier gelandet waren. McManamy lebte lang genug, um 1847 ein »Ticket of Leave« zu erhalten. Als er 1861 in Paramatta, heute ein Vorort von Sydney, starb, hatte er das biblische Alter von 100 Jahren erreicht.

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Buschräuber und legendärer Volksheld: Im Gefängnis-Museum von Wentworth wird natürlich auch an Ned Kelly erinnert

Israel Chapman wiederum, der in London als Kutschenfahrer gearbeitet hatte, war wegen Raubes zu lebenslänglicher Deportation verurteilt worden. In Australien legte er – ähnlich Greenway – eine erstaunliche Karriere hin: Schon als 24jähriger hatte er es zum Chefaufseher von Hyde Park Barracks gebracht, erhielt 1821 eine eingeschränkte Begnadigung und wurde Polizist, der sich sogar damit hervortat, einen berüchtigten Bushranger zu verhaften. Dafür 1827 vollends begnadigt, hatte Sydney in ihm nunmehr seinen ersten Detective. Die Tätigkeit als Kriminalbeamter währte nicht allzu lange. Kurzzeitig in der alten Heimat England, war Chapman 1833 als freier Siedler in Australien zurück und stand alsbald, obwohl erneut im Polizeidienst, wegen eines Raubes vor Gericht. 1868 starb er in Liverpool in einem Armenhaus und wurde dort auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.

Insgesamt 50 außergewöhnliche Geschichten haben die Mitarbeiter von Hyde Park Barracks recherchiert und aufbereitet. Ein winziger Bruchteil der insgesamt 55.000 Häftlingsschicksale, die in den drei Jahrzehnten von 1819 bis 1848 mit dem Objekt verbunden sind. Die Härte des Sträflingsalltags damals lässt sich selbst mit reichlich Phantasie nur erahnen: Brutalität gab es nicht nur seitens des Wachpersonals, auch untereinander herrschte ein grausames System von Macht und Unterordnung. Nicht alle waren stark genug, das durchzustehen.

In mehreren Vitrinen eines Raumes im heutigen Museum ist das zu sehen, was sich beim Abtragen der Fußböden anfand. Ratten, die darunter wohnten, verschleppten eine Vielzahl kleiner Habseligkeiten der unglücklichen Häftlinge. Abgebrochene Tabakspfeifen liegen da zwischen Bekleidungsfetzen, ein paar Geldmünzen und anderen Utensilien.

Gepflegtes Erbe

Hyde Park Barracks ist ein wichtiges Puzzleteil, um die Ursprünge des heutigen Australien als Sträflingskolonie zu begreifen. Der fünfte Kontinent ist reich an einstigen Gefängnissen, die nun als Museen dienen. Das gilt auch für die Anlage von Wentworth, einer kleinen Stadt im Grenzgebiet der Bundesstaaten New South Wales und Victoria – und vor allem bekannt dafür, dass sich dort die beiden mächtigen Ströme Murray und Darling vereinigen. Der alte Gefängnisbau liegt nur zwei Straßenzüge abseits dieser Stelle. Ein bestens saniertes Gebäudeensemble, das von außen noch keine Ahnung aufkommen lässt, welche Geheimnisse und Geschichten das Innere birgt.

Beim Rundgang ist beispielsweise zu erfahren, dass Wentworths ehemaliger Bürgermeister Harold Bear als Junge einmal mutwillig Feueralarm auslöste. Bei anderen wäre das vielleicht als Streich abgetan worden. Harold war jedoch der Sohn von Sergeant Joseph Bear, dem lokalen Polizeichef, dem es als Strafe angemessen erschien, seinen Filius über Stunden in eine der Zellen des Gefängnisses zu stecken. Ein nachhaltig bedrückendes Erlebnis dürfte das gewesen sein. Das spürt schon, wer einen Blick ins Innere des einstigen Männertraktes wirft, wo sich hinter den Türen an den Seiten des langen Korridors winzige Räume von schätzungsweise vier Quadratmeter befinden. Jede dieser Zellen beherbergte seinerzeit einen, drei oder vier Gefangene. Niemals jedoch zwei, wie eine Inschrift verrät. Kam es zu Vorfällen, konnten die Wachen so klarere Informationen einsammeln, statt bei einem Streit zweier Insassen nur mit Behauptung und Gegenrede konfrontiert zu sein. Die im hinteren Teil gelegenen, geringfügig größeren Zellen waren sogar oft mit 12, 15 oder gar 18 Mann belegt, die dort zur Ausnüchterung für bis zu zwei Tage weggesperrt wurden.

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Durchgangsort für Zehntausende: Das Hyde Park Barracks Museum in Sydney symbolisiert Australiens Vergangenheit als britische Sträflingskolonie

Als 1863 in Wentworth ein Gericht gebaut wurde, verfügte das Gebäude auch gleich über drei Räume zur Unterbringung von Gefangenen. Das reichte bald nicht mehr aus, weshalb man ein neues großes Gefängnis errichtete, das alle Verurteilten aus einem Umkreis von bis zu 600 Kilometer, einem Gebiet, so groß wie ganz England, beherbergen sollte. Als Architekt wurde James Barnet, ein aus Schottland stammender Architekt, beauftragt, der 1854 im Alter von 27 Jahren zusammen mit seiner Frau nach Australien gekommen war. In New South Wales brachte er es bis zum Chefarchitekten der Kolonie (1862 bis 1890), dem sämtliche öffentlichen Bauvorhaben mit Ausnahme von Schulen und Bahnhöfen unterstanden.

Für den 1879 errichteten und bis 1927 als solchen genutzten Knast von Wentworth wurden eine Million Ziegel verarbeitet, allesamt handgefertigt von der Firma des deutschstämmigen lokalen Ziegelmachers Joseph Fritsch. Trotz des Baus dreier weiterer Gefängnisse bis 1892 blieben in Wentworth mindestens die beiden Zellen für Frauen regelmäßig überfüllt. Unter deren 14 Insassinnen im Oktober 1898 waren allein sieben Vertreterinnen der Heilsarmee – Mitglieder einer Gruppe, die sich als religiöse Abweichler häufig hinter Gittern wiederfanden. Als Vorwand für die Verhaftungen diente meist das Singen religiöser Lieder auf offener Straße.

Wentworth war nicht nur Haftort, sondern auch bis 1965 Hinrichtungsstätte. Nicht fehlen darf in einem solchen Museum der Verweis auf den berühmtesten »Bushranger« Australiens, Ned Kelly. Dieser ist auf dem fünften Kontinent geradezu zur Volkslegende geworden. Über ihn und seine Gang gibt es mehr Bücher, Lieder, Gemälde oder Filmwerke als zu jeder anderen australischen Persönlichkeit. Das hat damit zu tun, dass der 1855 geborene Sohn eines nach Australien deportierten und später aus der Gefangenschaft geflüchteten Iren mehr war als ein einfacher Bandit. Immer wieder äußerte er sich sozialkritisch, auch noch im Gefängnis von Melbourne, wo er 1880 am Galgen endete. Die vierköpfige Kelly-Gang soll mindestens einmal durch Wentworth gekommen sein.

Und auch an andere seiner Sorte wird erinnert: Die Bande von Frank »Darkie« Gardiner (1830-1903) ist vor allem mit dem Goldraub bei Eugowra Rocks am 15. Juni 1862 in die Geschichtsbücher eingegangen. Zwei Mitglieder der Bande lagen scheinbar tot auf der Straße, als der Goldtransport per Kutsche anrollte. Die Kumpane eröffneten dann das Feuer auf die Polizeibegleitung, diese in die Flucht treibend. Die Täter entkamen mit Banknoten und Gold im Wert von 14.000 Pfund Sterling, damals ein kleines Vermögen. Darüber hinaus ist es der einzige größere Goldraub, der für New South Wales aktenkundig ist. Drei Bandenmitglieder gingen später der Polizei ins Netz und wurden zum Tode verurteilt, nur in einem Fall jedoch wurde die Strafe vollstreckt. Ihr Anführer »Darkie« Gardiner, 1864 im nördlich benachbarten Queensland gefasst und am 8. Juli des gleichen Jahres in Sydney verurteilt, kam zehn Jahre später wieder frei.

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