Aus: Ausgabe vom 15.04.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im Dienst der Finsternis

Von Arnold Schölzel

Trump-Nörgler wie Trump-Euphoriker meiden den Hinweis: Der Herr im Weißen Haus macht imperialistische Politik. Was sonst. Nicht als Wiederkehr des Gleichen, sondern mal auf Diktatfrieden aus, »Deal« genannt, mal auf Blitzkrieg. Bei letzterem erhält er von deutschen publizistischen Vorkämpfern für »Putin und Assad müssen weg« gute Kopfnoten. So hält Julian Hans, Oberlehrer in der Süddeutschen Zeitung, am Donnerstag befriedigt fest, dass nach dem Trump-Befehl zum Angriff auf Syrien »der russische Präsident plötzlich wieder isoliert« dastehe. Hans schwelgt in Erinnerung an 2014, »als eine Boeing der Malaysia Airlines von einer russischen Flugabwehrrakete aus dem Separatistengebiet im Osten der Ukraine abgeschossen wurde«. Da hatte Hans’ publizistische Kopfjagd auf Putin endlich Erfolg: »Nachdem die Weltgemeinschaft zuvor tatenlos zugesehen hatte, wie Russland einen Krieg im Nachbarland anfachte, brachte der Schrecken über 298 tote Passagiere die Entschlossenheit, dem etwas entgegenzusetzen.« So ist geklärt, warum die NATO sich gegen Russland kurz vor Moskau verteidigen muss.

Nun besteht »die Weltgemeinschaft«, die Julian Hans stets meint, allein aus EU und der nordatlantischen Allianz. Beide waren schon seit November 2013 aktiv, um Faschisten und Nationalisten in Kiew an die Macht zu bringen. Das gelang, und so wurde flugs ein Krieg gegen die russischsprachige Bevölkerung im Osten des Landes entfacht. Deren Widerstand erklärte die westliche Wertegemeinschaft zum Krieg Russlands.

Seitdem ist sie zu so ziemlich allem entschlossen, und dazu passt, wie Hans den Untersuchungsbericht zum Abschuss von »MH 17« zusammenfasst: einfach die Tatsache weglassen, dass darin kein Verantwortlicher genannt wird. Das ist nur fast eine Fälschung, die Hans sofort zu einer vollständigen macht, indem er vom Tod der Passagiere des malaysischen Flugzeuges eine direkte Verbindung zu dem halluzinierten Krieg Russlands zieht. Zeitliche Reihenfolgen umkehren, anschließend Ursache und Wirkung vertauschen, fertig ist Hetze à la Hans.

Aber er kann noch mehr. Der SZ-Mann schreibt die neuste Fortsetzung des Märchens von der angeblichen Isolation Putins (erinnert sei an die »Tagesschau«-Reportage vom G-20-Gipfel in Brisbane im November 2014, als Korrespondent Philipp Abresch zu entsprechenden Bildern textete, Putin sei beim Barbecue »einsam und verlassen«. Tatsache war: Er saß mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff zusammen): »Um aus der Isolation zu kommen, eröffnete Putin ein Jahr später einen neuen Schauplatz in Syrien und rief zum gemeinsamen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus auf.« Schön, dass Hans nicht erfindet, der isolierte Putin habe auch den syrischen Krieg angefacht. Aber Eröffnung eines neuen Schauplatzes klingt ähnlich und ist bei Hans so gemeint. Denn: »Fast wäre das Kalkül aufgegangen.« Der Schurke im Kreml hätte fast den Trump reingelegt, »bis die Bilder der Kinder von Khan Scheikhun um die Welt gingen, die am Gift erstickten«. Denn nur in einem solchen Fall lässt ein US-Präsident feuern. Wie schon 1990 bei den angeblich von irakischen Soldaten in Kuwait aus Brutkästen gerissenen Babys. Als die PR-Firma, die das inszeniert hatte, sich ihres Beitrags zum Irak-Krieg von 1991 rühmte, war der Feldzug lange vorbei.

Laut Hans werden Kriege heute ausschließlich von Putin gemacht, der sich »mit finsteren Kräften« verbündet. Und Trump? Der ist einer, so Hans, den Putin »sehr wahrscheinlich mit Hackerattacken, ganz offensichtlich aber mit der ganzen Kraft der russischen Auslandsmedien« gefördert hat. Trump ist demnach eine Macht im Dienst der Kreml-Finsternis. Hans hat das zwingend nachgewiesen und damit zugleich: Putin beherrscht die Welt. Vielleicht aber auch nicht.

Laut Hans werden Kriege aber ausschließlich von Putin gemacht, der sich »mit finsteren Kräften« verbündet.

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