Aus: Ausgabe vom 11.04.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Nur 48 Stunden

Vor 15 Jahren wurde in Venezuela Präsident Hugo Chávez gestürzt. Die Putschisten konnten sich nicht lange freuen

Von André Scheer
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Die Soldaten der Präsidentengarde eroberten am 13. April 2002 den Palast Miraflores zurück und verbündeten sich mit den Demonstranten, die gegen den Sturz von Hugo Chávez protestierten

Am 11. April 2002 – heute vor 15 Jahren – spitzte sich die Lage in Venezuela zu. Ein rechtes Bündnis hatte seit Tagen versucht, die Regierung von Präsident Hugo Chávez mit einem Generalstreik unter Druck zu setzen. Der Unternehmerverband Fedecámaras, der sozialdemokratisch dominierte Gewerkschaftsbund CTV, der katholische Klerus und sämtliche Oppositionsparteien empörten sich darüber, dass Chávez soziale Veränderungen im Interesse der breiten Bevölkerungsmehrheit anpackte, und warfen ihm vor, ein »castrokommunistisches« System einführen zu wollen.

Nach mehreren Tagen Streik, der außerhalb der Mittelschichtsviertel im Osten von Caracas nur mäßig befolgt worden war, mobilisierte die Opposition zu einer Großdemonstration, die zum Sitz des staatlichen Ölkonzerns PDVSA in Chuao im Norden der Hauptstadt führen sollte. Unterwegs entschieden die Organisatoren jedoch »spontan«, den Marsch zum Präsidentenpalast Miraflores im Zentrum der Metropole umzulenken. Dort jedoch hatten sich Tausende Anhänger der Regierung versammelt, um die »Revolution zu verteidigen«.

Die der Zentralregierung unterstehende Nationalgarde versuchte vergeblich, den Vormarsch der Rechten aufzuhalten, doch Beamte der Policía Metropolitana, die dem Oberbürgermeister von Caracas, Alfredo Peña, unterstanden, stellten sich auf die Seite der Oppositionellen. Unweit des Präsidentenpalastes kam es zur Konfrontation: Heckenschützen eröffneten das Feuer auf Demonstranten beider Seiten, Polizisten schossen auf regierungstreue Demonstranten. 19 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen getötet.

Die privaten Fernsehsender, die den Protest der Regierungsgegner offen unterstützten, verbreiteten manipulierte Berichte über die Ereignisse und behaupteten, »Chavistas« hätten auf die Oppositionellen geschossen. Das Oberkommando des Militärs kündigte dem Präsidenten per Video die Gefolgschaft auf. Panzer umstellten Miraflores, eine Abordnung des Generalstabs forderte Chávez zum Rücktritt auf. Der weigerte sich jedoch, seine Demis­sion zu unterzeichnen, begab sich in die Hände der Offiziere und wurde an einen zunächst unbekannten Ort verschleppt. Am nächsten Morgen legte Pedro Carmona im Palast den Amtseid als Staatschef ab – und erklärte unmittelbar darauf alle Parlamentsabgeordneten, die Richter des Obersten Gerichtshofs, die Direktoren des Nationalen Wahlrats und den Ombudsmann für abgesetzt. Ebenso änderte er den Namen des Landes in »Republik Venezuela«. So hatte es bis 1999 geheißen, als es durch die neue Verfassung zur Bolivarischen Republik wurde. Dieses verfassungswidrige Dekret wurde von 400 im Präsidentenpalast versammelten Personen unterzeichnet, so von Kardinal Ignacio Velasco, Unternehmern und Oppositionspolitikern. Auch aus Washington und Madrid erhielten die Putschisten Unterstützung, die internationalen Medien vermieden den Begriff »Staatsstreich«, der Spiegel etwa erschien noch am 15. April mit der Schlagzeile »Ende eines Populisten – Südamerikas letzter Autokrat wurde aus dem Amt gejagt«.

Zu diesem Zeitpunkt war Hugo Chávez jedoch schon wieder im Amt. Womit die Putschisten und ihre Hintermänner ebensowenig gerechnet hatten wie deutsche Journalisten, war eingetreten: Hunderttausende Menschen waren gegen den Sturz ihres gewählten Präsidenten auf die Straße gegangen, und auch die Mehrheit der Streitkräfte stellte sich auf die Seite der verfassungsmäßigen Ordnung. Am späten Abend des 13. April 2002 wurde Hugo Chávez in einem Hubschrauber zurück nach Caracas geflogen, wo er begeistert empfangen wurde und sich in der Nacht zum 14. April an die Öffentlichkeit wandte: »Was in den vergangenen Stunden in Venezuela geschehen ist, ist weltweit einmalig. Das venezolanische Volk und seine wirklichen Soldaten haben eine neue, eine großartige Seite der Geschichte Venezuelas, Lateinamerikas und vielleicht der ganzen Welt geschrieben.«

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