Aus: Ausgabe vom 06.04.2017, Seite 10 / Feuilleton

Das Backfischchen und der Bullenkittel

Gewaltverherrlichend? Oh ja: Der deutsche Coming-of-Age-Film »Tiger Girl«

Von André Weikard
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»Piss ans Ende der Welt!« Vanilla (Maria Dragus) und Tiger (Ella Rumpf)

Es beginnt mit einer Bauchlandung nach einem Bocksprung. Die blassblonde Margarete plumpst vom Turngerät und fällt damit gleich auch durch die Aufnahmeprüfung bei der Polizei. Pech. Zum Glück hat die schüchterne Schülerin, die es nun mit einer Ausbildung beim Sicherheitsdienst versucht, fürderhin einen Schutzengel. Auf magische Weise ist die schnittige Tiger zuverlässig zur Stelle, wenn die hausbackene Maggie Ärger am Hals hat. Wenn der Exkollege aufdringlich oder die besoffene Männerhorde in der U-Bahn übergriffig wird, beißt Tiger sie weg.

So brav und ängstlich die eine, so trotzig und wild ist die andere. Und klar, so ist das im Film, die beiden ungleichen Mädchen werden Freundinnen. Bald hat Blondie ihren Spitznamen Vanilla weg und findet Gefallen an Kiffen, Trinken und Prügeln. »Ich piss in alle Ecken, piss ans Ende der Welt!« feiert sie ihren Aufbruch in den Punk. Das Mäuschen wird zur Ratte.

Das Coming-of-Age-Drama ist dabei von Backfischchens Tagebüchern so weit entfernt wie das Zünden eines Tischfeuerwerks von der Detonation einer Stange Dynamit. Zum Elektropop der Band Großstadtgeflüster splittert Glas, Baseballschläger werden geschwungen, Überwachungskameras zertreten. Gewaltverherrlichend? Oh ja, herrliche Gewalt gibt es da zu sehen. Mit Vorliebe gegen Schwächere und Uniformierte. Das Feuilleton hält das Ganze für »Martial Arthouse«. Dabei ist ganz so viel Kunst oder Gekünsteltes gar nicht im Spiel. Im Gegenteil, das meiste Filmmaterial entstand spontan.

Regisseur Jakob Lass, mit »Love Steaks« (2013) bekannt geworden und mit »Tiger Girl« im Februar zum zweiten Mal auf der Berlinale vertreten, hat sich das Drehbuchschreiben wieder gespart und die Schauspieler jede Menge improvisieren lassen. Dieser Vorgehensweise verdankt der monothematische Neunzigminüter um zwei prügelnde Rotzgören seine stärksten Momente. So pubertär witzeln können nur Pubertierende. Niemand jenseits der 30 hätte ihnen diese Dialoge schreiben können. Der autoritäre Berufsschullehrer Feldschau (Orce Feldschau), der Zuspätkommer mit Liegestützen drillt, verbreitet eine Atmosphäre, die schlimmste Erinnerungen an die eigene Schulzeit wach werden lässt. Ein Glücksfall sind aber auch die beiden Hauptdarstellerinnen, die kaugummikauende Ella Rumpf als Tiger und die biedergesichtige Maria Dragus als Vanilla.

Letztere bringt es im Film zum Beinamen »the Killa«. Weil sie die Pistole ihres Lehrers aus dem Safe stiehlt, fliegt sie von der Schule. Die Bestürzung darüber hält nur kurz an: »Irgendwie war’s auch geil.« Während Tiger in ihrer verkrachten Existenz mehr und mehr Probleme bekommt – ihre Freunde wandern als Drogendealer in den Knast, werden als Obdachlose von Dachböden vertrieben, auf denen sie gehaust haben – schlägt das Pendel bei der ehemaligen Polizeianwärterin weit in Richtung Rebellion aus. Auf der Straße schlägt Vanilla the Killa wahllos Passanten zusammen, einer Polizistin zieht sie die Uniform ab. Mit glitzersteinbesetzter Gasmaske und Bullenkittel streift das umprogrammierte Blondchen ziellos umher.

Und die Moral von der Geschicht: Wut macht noch keinen Sommer. Jakob Lass feiert starke Frauen ab, indem er sie zu machtlüsternen Gewaltprolls aufbläst. Das sprengt Rollenklischees, hat eine gewisse Coolness und frischt den eingeschlafenen deutschen Problemfilm sicher auf. Wenn’s ein bisschen mehr Handlung gegeben hätte, »Tiger Girl« nicht immer nur um seine Hauptfiguren kreisen, sondern auch etwas erzählen würde, wenn Vanilla sich nicht bloß immer in eine Richtung entwickeln würde, sondern da auch ein Zweifel gewesen wäre, wär’s ein noch besserer Film geworden.

»Tiger Girl«, Regie: Jakob Lass, D 2017, 90 min, Kinostart heute

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