Aus: Ausgabe vom 04.04.2017, Seite 7 / Ausland

Erfolg für Mumia

Politischer Gefangener setzt medizinische Behandlung seiner Hepatitis-C-Infektion mit Grundsatzurteil juristisch durch

Von Jürgen Heiser
67727754.jpg
Internationale Solidarität: Demonstranten fordern in Berlin die Freilassung von Mumia Abu-Jamal (24.4.2016)

Exakt zwei Jahre nach Beginn seiner schweren Erkrankung erhielt der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal am vergangenen Donnerstag die Mitteilung der Gefängnisbehörde, dem »Department of Corrections« (DOC), von Pennsylvania, im Laufe dieser Woche werde mit der medizinischen Behandlung seiner Hepatitis-C-Infektion begonnen. Einen Tag später reichte die Behörde beim zuständigen US-Bundesberufungsgericht einen Bericht ein, wonach der seit 1981 inhaftierte Journalist nunmehr »für die Dauer von zwölf bis 24 Wochen täglich die erforderliche Medikation eines neuen antiviralen Wirkstoffs erhalten wird«, mit dem der Pharmakonzern Gilead eine Monopolstellung auf dem Arzneimarkt einnimmt. Diese Therapie verspricht nach klinischen Untersuchungen eine 95prozentige Heilungschance, was die Verantwortlichen des DOC jedoch bislang ignorierten. Die einige zehntausend US-Dollar kostende Therapie war ihnen für die generelle Anwendung bei den schätzungsweise 7.000 infizierten Gefangenen Pennsylvanias zu teuer. Deshalb bekamen bislang nur wenige Häftlinge das Medikament verabreicht, wenn sie sich bereits in einem lebensbedrohlichen Zustand befanden. Der tödliche Verlauf der Leber­infektion konnte dann in keinem der Fälle aufgehalten werden.

Sofern das DOC seine nunmehr gegebene Garantie einhält, geht ein fast zwei Jahre dauernder Rechtsstreit zu Ende, in dem jW-Kolumnist Abu-Jamal eine Pilotklage gegen die Gefängnisbehörde angestrengt hatte, um für sich und seine infizierten Leidensgenossen endlich das Menschenrecht auf angemessene medizinische Versorgung durchzusetzen. Eine wachsende internationale Unterstützerbewegung stärkte ihm und seinen Anwälten Bret Grote und Robert Boyle im Interesse aller betroffenen Häftlinge von Beginn an den Rücken, zerrte die Ungeheuerlichkeit der verwehrten Behandlung ans Licht der Öffentlichkeit und spendete 130.000 US-Dollar für die Klagekosten.

Das Internetradio Prison Radio, das Häftlingen seit vielen Jahren eine öffentliche Bühne bietet, stand dabei im Zentrum der Bewegung. Am Freitag konnte Produzentin Noelle Hanrahan endlich vermelden: »Um es klar zu sagen – wir haben es geschafft!« Als letzten Winkelzug in seinem Zermürbungskrieg gegen die wehrlosen Gefangenen hatte das DOC laut Hanrahan zwar kurz zuvor noch einen Berufungsantrag bei der nächsthöheren Instanz gestellt, die von Abu-Jamal schon im Januar per einstweiliger Anordnung erstrittene unverzügliche Behandlung weiterhin auszusetzen. Dieses US-Bundesberufungsgericht des dritten Bezirks hatte den Antrag jedoch am Montag vergangener Woche abgelehnt. Hanrahan erklärte dazu: »In den letzten 53 Tagen haben das DOC, das medizinische Anstaltspersonal sowie die Anstaltsjuristen sich der Missachtung des Gerichts schuldig gemacht«, indem sie der einstweiligen Anordnung vom 3. Januar nicht Folge leisteten und damit den Zustand ihres von den Richtern als verfassungswidrig bezeichneten Verweigerns der Behandlung aufrechterhielten. Denn wie Grote damals der Presse mitteilte, war die Behörde angewiesen worden, Abu-Jamal »innerhalb von 21 Tagen die unmittelbar wirkenden antiviralen Medikamente gegen seine Hepatitis-C-Infektion zu verabreichen«.

Wie Hanrahan mitteilte, hätten die Anwälte mit ihrem juristischen Sieg nicht nur die Therapie für ihren Mandanten durchgesetzt, bei dem im Zuge der jüngsten Untersuchungen bereits eine beginnende Leberzirrhose festgestellt worden war. Vielmehr sei »auch der Weg dafür geebnet, dass 200 Schwerkranke in Pennsylvanias Gefängnissen« nun sehr bald ebenfalls von ihrer Hepatitis-C-Infektion kuriert werden und Tausende ihre Ansprüche auf diese Therapie werden durchsetzen können. Die Öffentlichkeit müsse indes »wachsam bleiben«, so Hanrahan, »und darauf bestehen, dass die Behandlung vollständig durchgeführt« werde.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland