Aus: Ausgabe vom 04.04.2017, Seite 6 / Ausland

Wiederaufbau und Notstand

Peru: Soziale und ökonomische Probleme Perus werden durch Überschwemmungen verschärft

Von Eleonora Roldán Mendívil, Lima
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Naturkatastrophe mit menschlichem Anteil: Die Straßen der Stadt Piura sind von den Wassermassen verschluckt (27.3.2017)

Die andauernden Überschwemmungen und die damit einhergehenden Verwüstungen sind die bestimmenden Themen in Peru. Mindestens 91 Menschen sind laut offiziellen Angaben durch die Katastrophe, die durch das Wetterphänomen »El Niño« ausgelöst wurde, ums Leben gekommen. Kritik wird vor allem an der weitverbreiteten Korruption geübt. Doch auch der Umgang mit den Bewohnern der betroffenen Armenviertel wird kritisch diskutiert. »Solche Häuser sollten niemals am Berghang oder so nah am Fluss gebaut werden«, erklärt eine Bankangestellte gegenüber junge Welt. Das Problem sei, »dass die Menschen diese Flächen einfach besetzen, erst mit Hütten, und später bauen sie ihre Häuser darauf. Einige machen dies als Geschäft und verkaufen ihre so erlangten Grundstücke nach Monaten oder Jahren für viel Geld. So läuft das hier.«

In Peru gibt es weder einen sozia­len Wohnungsbau noch einen Sozialstaat. Wer nicht arbeitet, verhungert. Der Krieg, der von 1980 bis 2000 vor allem in den Provinzen der Anden wütete, führte zu einer massenhaften Flucht vom Land in die Städte. Letztere waren auf eine solch starke Zuwanderung nicht vorbereitet. Tausende Menschen siedelten sich an den Rändern der Küstenstädte an: »Pueblos jóvenes« junge Dörfer genannte Barackensiedlungen wuchsen aus dem Boden. Oft ließen sich die Menschen in der Nähe großer Flüsse nieder. Sobald die Ufer besetzt waren, wuchsen diese Viertel die Hänge hinauf. Genehmigungen hatte am Anfang keiner. Irgendwann kamen die Politiker, die sich sonst wenig um das prekäre Leben der Menschen in den Slums kümmern, und warben um deren Wählerstimmen. Sie versprachen ein Abwassersystem, fließendes Wasser, Elektrizität und Straßen. Von alldem ist kaum etwas passiert.

Die Überschwemmungen überlebten die Menschen in den betroffenen Armenviertel nun auf ihren Dächern und in provisorischen Zelten. »Bringt uns Essen«, ruft eine Frau auf ihrem Dach einer Fernsehreporterin zu, die zurückfragt: »Gute Frau, warum lassen Sie sich nicht evakuieren?« »Ich habe doch außer diesem Haus nichts. Ich gehe hier nicht weg. Und das Wasser wird schon sinken.« Solche Szenen werden in den peruanischen Me­dien gerne gezeigt, um zu zeigen, wie scheinbar irrational die Armen sind.

Im ganzen Land gibt es seit mehr als zwei Wochen Zentren, um private Spenden zu sammeln. Einige sind von der Zentralregierung, Kirchen, Nachbarschaften sowie internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder der Caritas eingerichtet worden. Es wurde bereits soviel Kleidung gesammelt, dass die Regierung dazu aufrief, diese nicht mehr zu spenden. Vor allem Trinkwasser und haltbare Lebensmittel sind knapp. Beides wird nach und nach mit Lastkraftwagen und Hubschraubern zu den teils von den Wassermassen eingeschlossenen Menschen gebracht.

Überall werden Freiwillige gesucht: zum Sortieren der Spenden, für deren Transport und für den Wiederaufbau. Nancy kam vor 17 Jahren nach Lima, sie hat mit ihren drei Söhnen und vier Enkeln am Sonntag Essen mit ihrem Fahrzeug in eines der von den Überschwemmungen betroffenen Gebiete nördlich der Hauptstadt gebracht. »Die Kinder müssen lernen, solidarisch zu sein«, sagt die Kleinunternehmerin zu jW vor ihrem Restaurant in einem proletarischen Viertel.

Kommende Woche wird Miriam, eine zierliche junge Frau mit kräftiger Stimme, von Lima nach Piura fliegen. Sie lehrt an Schulen Ballett und verkauft von ihr entworfene und genähte Kleider, um ihr geringes Gehalt aufzubessern: »Ich fühle mich machtlos hier in Lima. Deswegen werde ich nach Piura gehen, um wenigstens ein wenig mehr machen zu können«, sagt sie zu jW. Miriam kommt aus einer sozialistischen Familie. Ein Onkel von ihr war mehr als 20 Jahre lang politischer Gefangener, sie hat ihn als Kind im Knast besucht. Nun bereitet sie sich mental auf die Entrümpelungsarbeit vor, selbst wenn sie nur vier Tage helfen kann. Dann muss sie zurück zur Arbeit.

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