Aus: Ausgabe vom 22.03.2017, Seite 7 / Ausland

Drei Stunden Ratlosigkeit

Elf Millionen Franzosen sehen Präsidentschaftskandidaten im TV-Duell. Hälfte der Wähler noch unentschlossen

Von Hansgeorg Hermann, Paris
S 07.jpg
Marine Le Pen (links) kurz vor Beginn der TV-Debatte am Montag

Rund 45 Millionen Wahlberechtigte, die Hälfte von ihnen noch unentschlossen, die meisten ziemlich ratlos: Die politische Situation im Nachbarland Frankreich mit seinen 67 Millionen Einwohnern ist etwas mehr als einen Monat vor dem ersten Durchgang zur Präsidentschaftswahl so unübersichtlich wie nie zuvor. Konnte die vom TV-Kanal TF1 am Montag abend organisierte Debatte der angeblich »wichtigsten« Kandidaten Klarheit bringen? Elf Millionen Franzosen schalteten ihren Fernseher an, ihre Entscheidungsfindung hat die lahme, dreistündige Sendung wohl kaum beflügelt. Die Redaktion hatte im übrigen nur fünf der elf Bewerber um das höchste Staatsamt ins Studio gebeten, ein im Vorfeld allseits kritisierter Verstoß gegen gute demokratische Sitten.

Dennoch bleibt das Fernsehen wohl nach wie vor das Medium, das vor einer auch für Europa so wichtigen Wahl wie der des französischen Staatschefs den Wählern mehr zu helfen vermag als das Internet. Die Tageszeitung Libération zitierte am Dienstag den Pariser Politikwissenschaftler Christophe Piar, nach dessen Ansicht »das Fernsehen längst nicht tot ist, besonders in Augenblicken wie diesem«. Das Internet? Wichtig, aber nur »in der Fusion mit dem Fernsehen«. Im Jahr 2007 hatten mehr als 20 Millionen Fernsehzuschauer die Debatte zwischen dem Rechtskonservativen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal von den Sozialisten verfolgt. Ein Rekord, der als nicht wiederholbar galt. Bei den kommenden Duellen, vor allem jenem der beiden Finalisten im Mai, könnte er diesmal dennoch übertroffen werden, ahnt Piar: »Mehr und mehr Franzosen wissen nicht mehr, wo sie politisch zu Hause sind, der Einfluss des Fernsehens ist daher wichtiger als jemals zuvor.«

Das liegt auch daran, dass es am 23. April und am 7. Mai nicht nur um das vermeintlich bessere politische Angebot der einzelnen Kandidaten an ihr Wahlvolk geht. Am Montag standen zwei Präsidentschaftsbewerber vor den Kameras, gegen die die Justiz des Landes Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Marine Le Pen vom faschistischen Front National muss sich ebenso gegen den Vorwurf wehren, Partei und Familie illegal aus der Staatskasse versorgt zu haben, wie ihr Kollege François Fillon von den rechtskonservativen »Les Républicains«. Seit zwei Monaten beherrschen die Skandale der beiden die Berichterstattung in den Medien. Beim Thema »moralische Erneuerung der Politik«, das die beiden TF1-Journalisten in den Themenkatalog der Sendung eingebaut hatten, blieben Le Pen und Fillon daher so still, wie das die anderen drei – Jean-Luc Mélenchon (Parti de Gauche), Benoît Hamon (Parti socialiste) und der »Nicht-links-nicht-rechts«-Kandidat Emmanuel Macron – zuließen.

Mélenchon und Hamon, die in diesem kuriosen Wahlkampf wohl einzigen Präsidentschaftsbewerber, die nicht über »Veruntreuung«, »Betrug« oder den »Einfluss des großen Geldes« auf ihre Kampagne reden mussten, hatten beide ein erfolgreiches Wochenende hinter sich. 130.000 Menschen versammelte Mélenchon am Samstag auf der Place de la République. Die wollen ihn wählen, weil er die »vermoderte 5. Republik« abschaffen und sie mit Hilfe einer Verfassungsreform durch eine »Republik des Volkes, des Friedens und der Ökologie« ersetzen will. Er werde daher, sollte es so kommen, »der letzte Präsident dieser 5. Republik« sein. Darüber herrscht Einigkeit mit Hamon, der am Sonntag in der riesigen Messehalle von Paris-Bercy rund 30.000 Anhänger darin bekräftigte, dass die »Herrschaft des Geldes«, wie auch immer, beendet werden müsse. Die Frage, ob bei so vielen Gemeinsamkeiten die beiden doch noch irgendwie zusammenfinden könnten, blieb auch an diesem Abend offen. Dass es nötig sein wird, wenn es einer der beiden am 7. Mai ins Finale der beiden stimmstärksten Kandidaten schaffen will, wissen sie.

Von der Ratlosigkeit vor allem der linken Wähler hat bisher nur Macron profitiert. Sein Diskurs im Kandidatenwettbewerb blieb allerdings auch am Montag schwammig. Dass er mit seiner Bewegung »En Marche!« von ungenannten, mächtigen Geldgebern unterstützt wird, wie Hamon ihm unterstellte, dementierte er nicht.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland