Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 16 / Sport

Schaut ihn euch an

Das war das Tennisturnier von Indian Wells

Von Peer Schmitt
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Hatte dann eine Magenerkrankung: Nick Kyrgios nach seinem Sieg gegen Novak Djokovic

In seiner letztjährigen Ausgabe war das Turnier von Indian Wells mal wieder schwer von Skandalen überschattet worden, hausgemachten (der erzwungene Rücktritt des damaligen Turnierdirektors Raymond Moore wegen übler sexistischer Äußerungen) sowie fremdgemachten (Scharapowa-Doping-Pressekonferenz in Los Angeles im direkten Vorfeld).

Das gab kein gutes Bild für ein Turnier, das immerhin den Anspruch erhebt, nach den vier Majors das wichtigste der Welt zu sein. Der neue Turnierdirektor, es ist tatsächlich kein geringerer als Wahlkalifornier Tommy Haas, hatte besseres Geschick. Kaum drohten die Dinge, auch nur leicht aus dem Ruder zu laufen, so etwa als Nick Kyrgios wegen einer Magenerkrankung quasi über Nacht nicht zu seinem Viertelfinale gegen Roger Federer antreten konnte, griff Haas einfach selbst zum Schläger und absolvierte gewissermaßen als Lückenbüßer einen spontanen Schaukampf gegen den kanadischen Doppelspezialisten Vasek Pospisil (in dem dieser dann nach Verlust des ersten Satzes aufgab). Das ist der Vorteil, wenn man einen zumindest noch teilaktiven Spieler zum Chef hat.

Nick Kyrgios wiederum hatte zuvor im Achtelfinale den Indian Wells seit Jahren dominierenden Titelverteidiger Novak Djokovic 6:4, 7:6 ausgeschaltet. Schon in der Vorwoche hatte er den Serben beim ATP 500 in Acapulco 7:6, 7:5 besiegt. Auch seine bisher einzige Begegnung gegen Federer, ein sensationelles Zweitrundenmatch 2015 in Madrid, hatte übrigens der Australier gewonnen (6:7, 7:6, 7:6). Ein Dünnpfiff verhinderte, wie gesagt, diesmal die Revanche. Der 21jährige Australier ist dennoch ganz offensichtlich das größte Talent, das die ATP seit langem gesehen hat. Er ist zur Zeit sechzehnter der Weltrangliste.

Federers Achtelfinale war ein Rematch des Australian-Open-Finals gegen Rafael Nadal. Es offenbarte, wie sehr sich der 35jährige Schweizer 2017 verbessert hat. Im Match-up gegen Nadal war seine einhändige Rückhand traditionell seine Achillesferse. Plötzlich ist sie, mit viel Topspin die Linie entlanggeschlagen, eine seiner effektivsten Waffen. Federer deklassierte seine alte Nemesis Nadal 6:2, 6:3.

Nachdem der Weltranglistenerste Andy Murray sich bereits in seinem Auftaktmatch gegen den eingangs erwähnten Vasel Pospisil 4:6, 6:7 verabschiedet hatte, kam es in diesem Jahr in Indian Wells schließlich zu einem rein Schweizer Endspiel. Federer gegen den Weltranglistendritten Stan Wawrinka, der überhaupt erst zum zweiten Mal in seiner gesamten Karriere im Finale eines Masters-1.000-Turniers stand. Das erste war 2014 auf Sand in Monte Carlo, ebenfalls gegen Federer. Damals siegte Wawrinka. Auf Hartplatz jedoch hatte er noch nie in Match gegen seinen übermächtigen Landsmann gewinnen können. Dabei sollte es bleiben (Gesamtbilanz auf Hardcourt zwischen den beiden 15:0). Federer gewann also seinen insgesamt fünften Indian-Wells-Titel 6:4, 7:5. Bemerkenswerterweise hat der wundersam verjüngte 35jährige im gesamten Turnierverlauf nur ein einziges eigenes Aufschlagspiel abgegeben, das erste im zweiten Satz des Finales. Ansonsten war sein Service nicht zu durchbrechen. Wawrinka bewahrte den Humor. Er gratulierte seinem Landsmann: »Schaut ihn euch an, wie er lacht. Er ist ein Arschloch, aber das ist o. k.«

Direkt vor diesem ziemlich vorhersehbaren Match gab es eine drei Stunden dauernde Schlacht im rein russischen Damenfinale von Jelena Wesnina gegen Swetlana Kusnezowa. Sexistische Kommentatoren entblödeten sich nicht, dabei zu berichten, dass aufgrund der Länge dieses Matches der Beginn des Herrenfinals »verzögert« worden sei. Die Absurdität eines solchen Kommentars ist offenkundig, abgesehen davon, dass Qualität und Spannung des russischen Damenfinales die ihm folgende Schweizer Tennisroutine weit überragten. Es war allerdings auch ein ziemlich nervöses Match zweier Veteraninnen, die (analog zum Herrenfinale) beide ebenfalls die 30 schon überschritten haben. Kusnezowa gewann den ersten Satz im Tiebreak bezeichnenderweise mit einem Netzroller, führte im zweiten Satz 4:1 und im dritten 4:2 jeweils mit einem Break und verlor das Match dennoch. Eher schmilzt der Gletscher im Zentrum der Hölle, als dass Jelena Wesnina ihren Aufschlag hält, sobald sie zu Satz- oder Matchgewinn serviert, dachte man vor dem Finale. Doch diesmal gelang ihr dies sogar zweimal bei ihrem 6:7-7:5-6:4-Erfolg.

Auf dem Weg zu diesem mit Abstand größten und völlig überraschenden Sieg ihrer Karriere hatte die an Vierzehn gesetzte Wesnina im Achtelfinale auch eine Angelique Kerber 6:3, 6:3 abgefertigt, die dennoch seit gestern wieder Weltranglistenerste ist. Der Grund dafür ist schlicht, dass Serena Williams praktisch keine WTA-Turniere mehr spielt. Auch in Indian Wells sagte sie wegen einer Knieverletzung ab, und beim in dieser Woche beginnenden Turnier in Miami wird sie ebenfalls nicht spielen.

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