Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Sagen Sie mal »naichovabe«

Kinder mit Tourette-Syndrom haben im Umgang mit Sprache erstaunliche Fähigkeiten

Von Frank Ufen
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Die ersten Anzeichen einer Tourette-Erkrankung treten in der Regel im Alter von sechs bis acht Jahren auf. In der Phase der Pubertät sind die Symptome oft schon deutlich ausgeprägt: abrupt einsetzende, extrem schnelle Zuckungen in Armen, Beinen und im Gesicht, das Grimassenschneiden, die Nachahmung von Tierlauten, die Erzeugung von Geräuschen wie Quieken, Grunzen oder Schniefen, das Ausstoßen tabuisierter Wörter. Diese Tics können in ziemlich regelmäßigen Abständen oder aber ausschließlich in psychisch stark belastenden Situationen auftreten. Wodurch sie hervorgerufen werden, ist nach wie vor nicht völlig geklärt. Vieles deutet darauf hin, dass eine Fehlsteuerung der Basalganglien – das sind für die Feinmotorik zuständige Nervenzellen – eine wesentliche Rolle spielt.

Viele, die unter dem Tourette-Syndrom leiden, sind imstande, ihre Tics zumindest eine Zeitlang zu unterdrücken. Es gibt Patienten, die mit ihrem Handicap dermaßen gut zurechtkommen, dass sie etwa als Chirurgen tätig sein können. Und kürzlich sind Forscher nun sogar zu der Erkenntnis gelangt, dass Kinder mit dieser Störung Gleichaltrigen im Umgang mit Sprache überlegen sind.

»Die wissenschaftliche Erforschung von Kindern mit Störungen wie dem Tourette-Syndrom befasst sich gewöhnlich in erster Linie mit Defiziten oder Schwächen. Wir wollten hingegen möglichen Stärken auf den Grund kommen, um so unser Verständnis der Störung zu erweitern«, erklärte die britische Sprachwissenschaftlerin Cristina Dye von der Universität Newcastle im Fachjournal Brain and Language. In weiteren Studien soll ermittelt werden, »ob sich diese offensichtlichen Stärken tatsächlich als Vorteile im Alltagsleben auswirken«.

In dem Experiment, das Dye mit Forschern US-amerikanischer Universitäten durchführte, erhielten 13 Kinder und Jugendliche mit Tourette-Syndrom und 14 Gleichaltrige ohne dieses Syndrom die Aufgabe, eine Reihe bedeutungsloser Phantasiewörter (beispielsweise »naichovabe«) möglichst schnell und exakt zu wiederholen. Beide Gruppen erwiesen sich als gleich geschickt darin, die Lautketten korrekt wiederzugeben – also Silben gemäß den phonologischen Regeln ihrer Muttersprache zu Wörtern zusammenzusetzen. Doch die Versuchsteilnehmer mit Tourette-Syndrom schafften es, die Phantasiewörter in erheblich höherem Tempo korrekt nachzusprechen.

Schon vor einigen Jahren hatte sich in einem anderen Experiment gezeigt, dass Kinder, die unter der Tourette-Störung leiden, besonders begabt darin sind, Morpheme – also die kleinsten bedeutungstragenden Elemente der Sprache – zu sinnhaften Wörtern zusammenzufügen.

»Gemeinsam deuten die beiden Studien darauf hin, dass Kinder mit Tourette-Syndrom bei der Verarbeitung von Grammatik im allgemeinen sehr schnell sind, das heißt beim Begreifen von Regeln, wie sich eine Sprache zusammensetzt. Das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit, da die Grammatik sehr wichtig ist und der Sprache eine erstaunliche Flexibilität mit enormem Ausdrucksumfang ermöglicht«, resümierte der an der Untersuchung beteiligte Neurowissenschaftler Michael Ullman.

(mit Material von UPI)

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