Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

Phishing for Compliments

Von Helmut Höge
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Demo gegen die Neuerfindung des Reichenberger Kiezes (Ende Februar)

Phishings sind Betrugsversuche mit gefälschten E-Mails oder Websites. Spam-, Troll- oder Virenfilter nützen da nichts, im Gegenteil: Regelmäßig schickt mir das Journal Herpetologica Nachrichten aus der Welt der Reptilienforscher, und jedesmal steht über der E-Mail in Rot: »Diese Nachricht könnte ein Betrugsversuch (Phishing) sein.« Woraufhin ich die Nachricht lösche und später einen befreundeten Herpetologen anrufe, der die Neuigkeiten für mich zusammenfasst. Zuletzt ging es am 13. März um zwei neue Krötenarten, die man im Hochland von Sumatra entdeckt hat. Die Forscher haben dort acht Monate lang gesucht. Eine der Arten soll sehr ungewöhnlich sein: »unusual«. Warum, wurde nicht mitgeteilt. Die Einheimischen nennen diese Art »Puppenkröte«. Wegen der forschreitenden »Kultivierung« ihres Lebensraumes werde sie immer seltener, so die Forscher.

Die »Phishing«-Warnung vor dieser Mail war also überflüssig, aber ja auch im Konjunktiv formuliert. Was aber ist mit einer anderen E-Mail, deren Absender mich »Helmut« ansprechen und duzen? Sie bräuchten ganz schnell Geld für einen Rückflug. Man habe ihnen in London gerade alles gestohlen, auch die Tickets. Man kann da ins Grübeln kommen. Mir ist an einer Bus­haltestelle in London mal ein Laptop von »Trickstern« geklaut worden.

Das »Phishing« ist eine Form der »Tricktäuschung«. Oft, um über einen Umweg an »vertrauliche Daten«, Passwörter, Kontonummer etc. heranzukommen, warnt die Verbraucherzentrale – auch ein Vorwarninstrument: für den kleinen Bürger auf der E-Straße, damit man ihn nicht bescheißt. Bei E-Bay gibt es ein Nachwarnsystem: Wer nach einem »Deal« zu viele Klagen auf sich zieht, darf nicht mehr mitspielen.

Auch Sprachforscher warnen mitunter vor Falsch- und Als-ob-Sprechern – vor Sozialphishing. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung belegte Ulf Erdmann Ziegler seinen Eindruck, dass »die amerikanische Sprache krank« sei, u. a. mit einem Satz, den ein Student gegenüber zwei anderen an der New Yorker Universität geäußert hatte: »We were like walking and there was this guy like talking to us and we like had never seen him.« Ständig werde so in Gesprächen überall das Wörtchen »like« eingestreut. Ich habe es in Berlin auch schon zigmal von studentischen Touristen gehört. Zu übersetzen wäre es wohl mit »wie«. Der obige Satz lautete dann: »Wir waren so was wie spazieren, und da war dieser Mann, der uns irgendwie ansprach und den wir irgendwie noch nie gesehen hatten …«. Mir hat das in Berlin irgendwie gefallen. Es verleiht des Gesagten eine gewisse Ungenauigkeit hinzu, die rein rhetorisch ist – und dazu von sprachlich eher Ungeschulten. So wie bei den Schweizern das »Oder?« hinter jedem Gedanken. Es nimmt dem Gesprochenen das Apodiktische. Das Gegenteil ist beim preußisch-deutschen »Genau!« der Fall: Damit wird ein unklarer Gedanke rein rhetorisch festgeklopft.

Zieglers US-Sprachkritik wurde von der Schweizer Lehrerin Theda Marx ergänzt: Die Generation Bachelor, mit der sie es derzeit zu tun habe, gebrauche das »Wie« ebenfalls ständig: »Ich bin wie wütend geworden«, »habe wie Krach geschlagen« usw. Theda Marx bemühte zur Erklärung die schreckliche Wendung »sich neu erfinden« und mutmaßte, dass diese jungen Leute nicht mehr richtig lebten, weil sie »alles irgendwie nur noch wie erleben. Das habe ich aber nur wie gedacht.«

In Kreuzberg 36 wird die Phrase »sich neu erfinden« zumeist ironisch verwendet, im Gegensatz etwa zu Kreuzberg 61. Die Ironie erhebt sich und ist subversiv, meinte Michel Foucault, während der Humor sich fallenlässt, »bis er auf das Schwarze unterm Fingernagel trifft«. Sich immer wieder neu erfinden zu müssen heißt im Neoliberalismus jeden Scheißjob annehmen und womöglich aus seinem Kiez vertrieben werden. Die in Berlin tätigen Londoner Immobilienentwickler Skinner und Evans sind Eigentümer eines geplanten Ferienwohnungsneubaus mit Gastronomieversorgung in der Reichenberger Straße in Kreuzberg 36, einem ärmeren und ausländischeren Teil des Bezirks. Die beliebte »Kiezbäckerei ›Filou‹« im Erdgeschoss soll raus. »Konzeptionelle Gestaltungsvorstellungen« der Investoren werden »infrastrukturelle, soziale und ökonomische Veränderungen nach sich ziehen«, wie die Journalistin Esther Shein schrieb. Ihr zufolge hatten die Investoren ihre Kündigung damit begründet, dass die Bäckerei »nicht mehr in das Konzept des Kiezes passen« würde. Sie sei nicht mehr schick genug. Die beiden Londoner haben den Reichenberger Kiez frecherweise einfach »neu erfunden«.

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