Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 12 / Thema

Strategien gegen rechts

Vorabdruck. Der Vormarsch von AfD und Co. kann durch einen moralisierenden Antirassismus nicht gestoppt werden. Gefragt sind konkrete Solidarität mit Geflüchteten und eine antikapitalistische Ausrichtung antifaschistischer Bündnisse

Von Steve Hollasky, Claus Ludwig und Sascha Staničić
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Demonstration von »Leipzig nimmt Platz« am 18. März 2017 gegen einen Aufmarsch der faschistischen Partei »Die Rechte«

Wir dokumentieren im folgenden das gekürzte und leicht bearbeitete Nachwort des Ende März im Berliner Manifest-Verlag erscheinenden Buches »Brandstifter. AfD, Pegida, Islamhass. Analysen und Gegenstrategien«. Wir danken den Autoren Steve Hollasky, Claus Ludwig und Sascha Staničić für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Rassismus, Rechtspopulismus und Faschismus sind Produkte der krisenhaften kapitalistischen Gesellschaft, ihrer Klassenwidersprüche und der Interessen der herrschenden Klasse von Kapitalbesitzenden. Rassismus dient zur Ablenkung von den wahren sozialen Problemen und ihren tatsächlichen Verursachern, indem Migrantinnen und Migranten, Muslime und Muslimas oder andere Gruppen zu Sündenböcken gemacht werden. Es wird das »Teile und herrsche«-Prinzip angewendet. Durch Spaltung derjenigen, die von den sozialen Problemen betroffen sind – Lohnabhängige, sozial Benachteiligte, Jugendliche, Rentnerinnen und Rentner –, soll kollektiver Widerstand erschwert bzw. verhindert werden.

Das Erstarken rechtspopulistischer und anderer rechter Kräfte ist nicht einfach Ausdruck eines gewachsenen Rassismus, sondern auch sozialer Ängste und in Teilen eines fehlgeleiteten Aufbegehrens gegen »die da oben«, mithin Ergebnis sozialer Polarisierung. Der Raum für rechtspopulistische und neofaschistische Kräfte wurde vergrößert bzw. geschaffen durch die Verbürgerlichung der Sozialdemokratie, durch die in der Regel sozialpartnerschaftliche und prokapitalistische Politik der Gewerkschaftsführungen und durch die Schwäche und die Defizite der bestehenden linken Parteien.

Rechtspopulismus und Faschismus sind zu unterscheiden, auch wenn es zweifellos ideologische, politische und personelle Schnittmengen gibt. Während rechtspopulistische Kräfte zwar demokratische Rechte abbauen wollen, agieren sie im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus. Faschismus ist eine besondere Form bürgerlicher Reaktion, die von dem Versuch geprägt ist, mittels einer gewalttätigen Massenmobilisierung alle Elemente der Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Faschismus ist eine terroristische Bewegung gegen Minderheiten und die Arbeiterbewegung mit dem Ziel, ein umfassendes Unterdrückungsregime zu errichten.

In den letzten Jahren wurde von allen möglichen politischen und gesellschaftlichen Kräften geäußert, dass Rassismus zu bekämpfen sei. Den Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) und die Zunahme rechten Terrors hat das nicht verhindert. Die AfD verfügt in der Gesellschaft über eine größere Basis als andere rechte Kräfte in der Vergangenheit. Das hängt auch damit zusammen, dass sie mit der von ihr propagierten und in den Mittelpunkt gerückten Islamfeindlichkeit nicht nur Schnittmengen mit der etablierten bürgerlichen Propaganda sowie pseudolinken Argumentationen hat, sondern real den reaktionären Charakter islamistischer Bewegungen ausnutzt und rassistisch beantwortet.

Das führt uns zu der Schlussfolgerung, dass zum Kampf gegen rechts ein Programm nötig ist, das die wahren Ursachen und Lösungen für die sozialen Probleme benennt und auch einen Weg aufzeigt, solche Lösungen zu erkämpfen. Der Versuch, die AfD gemeinsam mit den tatsächlich Verantwortlichen für genau diese sozialen Probleme zu bekämpfen, ist daher zum Scheitern verurteilt. Genauso jedoch wie Versuche linksradikaler, autonomer Gruppen, durch möglichst radikale, oftmals physische Aktionen den Rechten etwas entgegenzusetzen.

Zahnlose Bündnisse

Wenn man unserer Analyse folgt, dass Rassismus und Rechtspopulismus nicht nur gegen eine Minderheit gerichtet sind, sondern gegen die große Mehrheit aller Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten, dann sind die Gewerkschaften die Organisationen, die die größte Verantwortung tragen, den Rechten etwas entgegenzusetzen. Es gibt sehr viele aktive Mitglieder, die sich in ihren Betrieben und vor Ort gegen rechts engagieren. Aber von den Gewerkschaftsführungen geht keine konzertierte Aktion aus, keine Aufklärungsoffensive in den Betrieben, keine Kampagne, keine breit angelegte Mobilisierung gegen Rassismus und Rechtspopulismus – außer der »Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt«, in der sich der DGB mit den Wohlfahrtsverbänden, den Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie den Sport-, Kultur- und – ja, tatsächlich – den sogenannten Arbeitgeberverbänden zusammengeschlossen hat. Aber solche Kampagnen sind aus unserer Sicht nicht nur wirkungslos, sondern kontraproduktiv, weil sie abschreckend auf all diejenigen Arbeiter­innen und Arbeiter wirken müssen, die zu Recht keinerlei Vertrauen in die Arbeitgeberverbände oder die Kirchen haben. Ein Bündnis mit denjenigen, die Ausnahmen beim Mindestlohn für Geflüchtete fordern, muss sich notwendigerweise auf moralische Kritik an einem nicht näher definierten Rassismus beschränken, statt für gleiche Rechte einzutreten.

Aus den Reihen der Partei Die Linke wurde im Jahr 2016 das Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus« initiiert. Gemeinsam mit Spitzenpolitikerinnen und -politikern von Grünen und SPD, einschließlich Regierungsmitgliedern, wurde dazu aufgerufen, gegen die AfD auf die Straße zu gehen. Um SPD und Grüne ins Boot zu bekommen, wurde bei der Formulierung des Gründungsaufrufs jeder Versuch zurückgewiesen, soziale Forderungen und eine deutliche Distanzierung von staatlichem Rassismus, zum Beispiel durch eine klare Positionierung gegen Abschiebungen und die Verschärfungen des Asylrechts, aufzunehmen.

In Teilen der Partei Die Linke hat sich im Laufe des Jahres 2016 ein weiteres Phänomen im Umgang mit dem Rechtspopulismus entwickelt: das partielle Aufgreifen von Formulierungen und Positionen rechtspopulistischer Kräfte. Konkret hat Sahra Wagenknecht nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht 2015 davon gesprochen, dass Menschen – gemeint sind Geflüchtete – die ihr »Gastrecht« missbrauchen, dieses damit verwirken würden. Damit sprach sie sich nicht nur für die Abschiebung vermeintlich krimineller Migrantinnen und Migranten aus, sondern machte aus dem Grundrecht auf Asyl und Schutz vor Krieg und Verfolgung auch ein Gastrecht. In der Folge sollte Wagenknecht immer wieder mit Äußerungen auffallen, die die Notwendigkeit einer Begrenzung des Zuzugs von Geflüchteten implizierten oder terroristische Anschläge in einen ursächlichen Zusammenhang mit der Einwanderung von Geflüchteten stellten.

Während Teile des rechten Parteiflügels zu Recht Kritik an diesen Äußerungen übten, schien diese doch mehr aus innerparteilichen Machtinteressen heraus motiviert, schließlich beteiligen sich diejenigen Landesverbände, die in Regierungskoalitionen mit der SPD und den Grünen eingetreten sind, an der Exekution rassistischer Abschiebepraxis. In Thüringen hat die vom Linkspartei-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow geführte Landesregierung den symbolträchtigen Winterabschiebestopp zum Beispiel wieder aufgehoben, der neue »rot-rot-grüne« Senat in Berlin hat einen solchen gar nicht erst beschlossen.

Original und Kopie

Beides wird den Kampf gegen die AfD und den Rassismus im allgemeinen erschweren. Wenn Die Linke versucht, AfD-Wählerinnen und -Wähler dadurch zu erreichen, dass sie der rechtspopulistischen Argumentation zu Fragen von Einwanderung, Geflüchteten oder Terrorgefahr nachgibt, werden Menschen das nicht als Grund betrachten, sich von der AfD abzuwenden, sondern als Bestätigung der AfD-Positionen. Wenn Die Linke sich durch die Umsetzung von Abschiebungen und prokapitalistischen Gesetzen, wie der Anwendung von Hartz-IV-Sanktionen oder polizeilicher Repression gegen Demonstrantinnen und Demonstranten, als staatstragend und »verantwortungsbewusst« präsentiert, dann werden die Menschen diejenigen wählen, die tatsächlich und offensichtlich für diesen bürgerlichen Staat und seine Form von repressiver Demokratie stehen. Es ist nicht neu, dass lieber das Original als die Kopie gewählt wird.

Wir sind davon überzeugt, dass der Kampf gegen rechts zwei Säulen haben muss: möglichst massenbasierte Mobilisierung zur Verhinderung bzw. Konfrontation rechter Aktionen und massenwirksame Aufklärungsarbeit einschließlich des Aufzeigens politischer Alternativen zu den Scheinantworten der Rechten. Gleichzeitig möchten wir betonen, dass der effektivste Beitrag zum Zurückdrängen rassistischer Stimmungen und rechtspopulistischer Kräfte der Kampf von Lohnabhängigen, Jugendlichen und sozial Benachteiligten für ihre gemeinsamen Interessen ist.

Wir sind davon überzeugt, dass Gegenmobilisierungen größer werden können, aber vor allem eine nachhaltige Wirkung erzielen werden, wenn sie sich nicht auf einen moralisierenden Antirassismus im Bündnis mit etablierten Kräften beschränken, sondern wenn sie auf Basis eines Klassenstandpunkts die gemeinsamen sozialen Interessen von deutschen und nichtdeutschen Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten sowie die Opposition gegen das kapitalistische Establishment zum Ausdruck bringen. So wäre es möglich, mit Gegenmobilisierungen auch solche Menschen zu erreichen, die für die soziale Demagogie und Scheinantworten der Rechtspopulisten anfällig sind. All diejenigen, die berechtigte Wut auf Merkel und Co. haben, wird man kaum davon überzeugen können, gemeinsam mit den Regierungsparteien die AfD zu bekämpfen. Wenn man jedoch erklärt, dass diese Wut berechtigt ist, dass aber AfD und Co. eine Politik betreiben wollen, die die sozialen Verhältnisse noch mehr zugunsten der Reichen und Superreichen verändern würde und dass man sich sowohl gegen diese – rassistisch aufgeladene – Politik der AfD wie gegen die seriös-demokratisch daherkommende arbeiterfeindliche Politik der Regierungsparteien wehren muss, wäre die Chance größer, breitere Schichten der arbeitenden Bevölkerung zu erreichen – umso mehr, wenn dies mit tatsächlichen Kämpfen für soziale Verbesserungen verbunden würde.

Ebenso bedeutend ist es, die tagtäglich von Rassismus und rechten Übergriffen Betroffenen für den Kampf gegen Rassismus und Rechtspopulismus zu mobilisieren und zu vereinigen. Wie soll das möglich sein, wenn man sich nicht konsequent für deren Bürgerrechte einsetzt? Ist es nicht eine Zumutung für von Abschiebung bedrohte Menschen, dass sie mit Regierungsmitgliedern, die gerade eine Verschärfung der Abschiebepraxis beschlossen haben, gemeinsam demonstrieren sollen? Aus unserer Sicht sollte eine antirassistische Bewegung unmissverständlich gleiche Rechte für alle dauerhaft in Deutschland lebenden Menschen fordern und jede Form der Diskriminierung zurückweisen, vor allem Abschiebungen grundsätzlich ablehnen.

Es wird oft gesagt, die wichtigste Lehre aus dem Sieg der Faschisten im Jahr 1933 sei die Einheit, der schwerste Fehler sei gewesen, dass die Arbeiterbewegung gespalten war und keinen gemeinsamen Kampf gegen die Nazis führte. Manche argumentieren, auf den ersten Blick nachvollziehbar, dass man doch mit allen Kräften gegen die AfD arbeiten sollte, die deren Aufstieg etwas entgegensetzen wollen. Das scheint natürlich umso mehr zu gelten, wenn man die AfD als faschistisch oder als Embryo einer faschistischen Partei betrachtet. Alle zusammen gegen die große Gefahr eines neuen Faschismus, die eigenen Partikularinteressen hintenanstellen – das klingt vernünftig. Aber zwei Denkvoraussetzungen dieser Politik sind falsch.

Erstens ist die AfD keine faschistische Partei bzw. ihre Entwicklung dahin nicht vorgezeichnet. Diese Erkenntnis macht den Kampf gegen sie nicht weniger wichtig, aber hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie dieser geführt werden sollte. Die Charakterisierung der AfD als faschistisch bzw. als auf dem sicheren Weg zu einer faschistischen Partei lenkt davon ab, dass der Kampf nicht nur gegen die AfD, sondern gegen jeden Rassismus geführt werden muss, mit Argumenten und dem Aufbau sozialer Gegenbewegungen.

Einheitsfront gestern und heute

Der andere Fehler ist, die Einheitsfrontpolitik, für die damals Leo Trotzki und August Thalheimer eintraten, eins zu eins auf heute zu übertragen, ohne die veränderten Voraussetzungen in Betracht zu ziehen. Die SPD der 1920er und 1930er Jahre und die SPD von Martin Schulz unterscheiden sich erheblich. Hatte die SPD-Führung bereits vor 1933 einen bürgerlichen Charakter, so propagierte sie doch den Sozialismus und hatte als Partei eine aktive Massenbasis in der Arbeiterklasse. Die Regierungsmacht der Nazis war auch eine existentielle Bedrohung für die sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen. Die Einheitsfrontkonzeption sah vor, dass die KPD ernsthafte Angebote der Aktionseinheit an die SPD-Führung richten sollte. Es sollte entweder zu machtvollen gemeinsamen Aktionen gegen die Nazis kommen oder die Basis der Sozialdemokratie sollte die Erfahrung machen, dass ihre Führung einem gemeinsamen Widerstand im Weg steht, was wiederum die KPD gestärkt hätte. Da die sozialdemokratischen Arbeiterinnen und Arbeiter aber (noch) nicht mit ihrer Führung gebrochen hatten, war die Haltung der KPD, die SPD als sozialfaschistisch zu beschimpfen und den Kampf gegen sie mit dem gegen die Nazis auf eine Stufe zu stellen, nicht nur Ausdruck eines Unverständnisses von der Natur des Faschismus, sondern auch ein Hindernis, um die sozialdemokratische Basis zu erreichen. Die Aufforderung zur »Einheitsfront von unten«, nur an die Basis der SPD gerichtet, musste so als Provokation oder Erpressung betrachtet werden.

Entscheidend für die Einheitsfrontkonzeption war und ist aber, dass sie auf Basis eines Klassenstandpunkts formuliert wird und zum Ziel hat, Arbeiterorganisationen und deren Basis zu mobilisieren, weil sie sich nicht auf eine reine Abwehr des Faschismus orientiert, sondern auch darauf, den Kampf für die Klasseninteressen der Lohnabhängigen zu führen – letztlich bis zum Kampf für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft.

Der Gedanke, dass heute Hunderttausende sozialdemokratischer Arbeiterinnen und Arbeiter nicht gegen die AfD auf die Straße gehen, weil die SPD-Führung nicht dazu aufruft, hat nichts mit der Realität zu tun. Die SPD ist heute eine durch und durch bürgerliche, prokapitalistische Partei, von der sich die Arbeiterklasse weitgehend abgewendet hat und mit der sie sich nicht mehr identifiziert, auch wenn Teile sie noch wählen.

Die Hoffnung, durch Bündnisse mit SPD und Grünen breite Massen zu mobilisieren, ist trügerisch. Hinzu kommt, dass dafür ein hoher politischer Preis gezahlt wird, nämlich der Verzicht auf Kritik an der Verschärfung des Asylrechts, auf jegliche Kritik an der großen Koalition, auf eine Kritik am staatlichen Rassismus, auf den Hinweis, dass die Funktion des Rassismus die Spaltung der arbeitenden Bevölkerung ist, auf soziale Forderungen. Es ist absehbar, dass solche Bündnisse wie ein Messer ohne Klinge sein werden.

Wenn man Bündnisse mit den Kräften schließt, von denen sich große Teile der Massen zu Recht abwenden, wird es ungleich schwerer, diese zu erreichen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir vorschlagen würden, es zur Bedingung zu machen, dass SPD und Grüne oder gar Mitglieder und Wählerinnen und Wähler dieser Parteien aus antirassistischen Bündnissen ausgeschlossen werden. Und wenn es um die tatsächlich Aktionseinheit zur unmittelbaren Verhinderung bestimmter rechter Mobilisierungen geht, sollte grundsätzlich jede und jeder willkommen sein, die oder der an Blockaden gegen Neonazis oder die AfD teilnehmen will. Aber politische Bündnisse, die dauerhafte Argumentationsarbeit in der Arbeiterklasse betreiben sollen, sind zum Scheitern verurteilt, wenn sie auf soziale Argumente verzichten.

Direkte Konfrontation

»Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen« – dieser Leitspruch der antifaschistischen Bewegung macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Neofaschistinnen und Neofaschisten nicht mit denselben Methoden geführt werden kann wie mit anderen politischen Kräften. Die Neonazis nutzen die existierenden Rechte wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit nur, um eine terroristische Bewegung aufzubauen, die diese Rechte letztlich abschaffen will. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern notwendig, dass ihnen die Ausübung des Demonstrations- und Meinungsäußerungsrechts verwehrt wird. Blockaden von Neonazi-Aufmärschen sind deshalb ein wichtiges Mittel. Aber es ist eine Illusion zu glauben, der Kampf gegen Neonazis sei in erster Linie eine physische Auseinandersetzung. Ohne eine Massenbasis und ohne den Aufbau einer politischen Alternative wird den Neofaschisten nicht der Boden entzogen werden können. Deshalb können direkte Aktionen nur ein Bestandteil einer antifaschistischen Strategie sein, und sie dürfen nicht im Widerspruch zu anderen, wichtigeren Bestandteilen stehen – vor allem nicht zur Notwendigkeit, die Masse der Bevölkerung zu erreichen und zu mobilisieren.

Gleichzeitig ist es eine immer wichtiger werdende Aufgabe, dass die antifaschistische Bewegung, aber auch Gewerkschaften und die Partei Die Linke wehrhaft werden. Denn Fälle von Angriffen durch Neofaschisten auf antifaschistische oder gewerkschaftliche Demonstrationen haben in den letzten Jahren zugenommen.

Im Vergleich zum Kampf gegen Neonazis spielt die direkte Gegenmobilisierung, das Streitigmachen der Straße und die physische Konfrontation beim Widerstand gegen die AfD und andere Rechtspopulisten eine geringere Rolle. Das ergibt sich daraus, dass der Kampf um die Straße für die Rechtspopulisten weniger entscheidend für ihre Aufbaustrategie ist. Das heißt nicht, dass die Linke und antirassistische Bewegungen auf (Gegen-)Mobilisierungen verzichten sollten oder diese gar unwichtig seien. Es heißt aber, dass der (im engeren Sinne) politische Kampf in der Auseinandersetzung mit der AfD größere Bedeutung hat – auch weil sie mittlerweile in breitere Kreise der Bevölkerung vorgedrungen ist.

Um die AfD zu stoppen, ist mehr vonnöten als gegen sie zu demonstrieren, wobei das zweifellos ein wichtiger Bestandteil beim Aufbau einer aktiven Gegenbewegung ist. Die AfD muss vor allem inhaltlich gestellt werden: Ihrem Rassismus muss offensiv und mit Argumenten begegnet werden, und sie muss als die unsoziale, arbeiterfeindliche, sexistische Unternehmerpartei entlarvt werden, die sie ist.

Die Rolle der Gewerkschaften

Dabei könnten die Gewerkschaften eine zentrale Rolle spielen. Stellen wir uns einmal vor, die DGB-Gewerkschaften würden eine gemeinsame bundesweite Kampagne in den Betrieben und Verwaltungen und in der Öffentlichkeit gegen AfD und Rassismus durchführen. Wie könnte eine solche Kampagne aussehen? Es könnten überall Informationsveranstaltungen und Schulungen stattfinden, Betriebsversammlungen könnten durchgeführt werden, betriebliche Aktionstage, bei denen millionenfach Flugblätter verteilt und Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen geführt werden. Die Gewerkschaften könnten sich an die Spitze zur Bildung von antirassistischen Aktionsbündnissen stellen, welche den Kampf gegen Rassismus mit der sozialen Frage verbinden. Bei den gewerkschaftlichen Mobilisierungen, Tarifrunden, Streiks etc. könnte die Notwendigkeit der Einheit der lohnabhängigen Klasse und damit die Notwendigkeit, gegen Rassismus und Rechtspopulismus zu kämpfen, thematisiert werden.

Eine solche Kampagne hätte zweifelsfrei das Potential, die AfD und den Rassismus zurückzudrängen. Dies würde umso mehr gelten, wenn die Gewerkschaften nicht nur reagieren, sondern einen konsequenten Kampf für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse organisieren würden, statt in sozialpartnerschaftlicher Art und Weise Hüterin gesellschaftlicher Stabilität sein zu wollen.

Im gemeinsamen Kampf könnten nicht nur xenophobe Vorurteile überwunden werden, weil die Menschen zusammenkommen und erfahren, dass sie gemeinsame Interessen als Lohnabhängige, Mieterinnen und Mieter, Erwerbslose etc. haben, für die sie sich mit anderen einsetzen können. Der Kampf an sich, umso mehr, wenn er Erfolge zeitigt, würde den Rechtspopulisten auch einen Teil ihrer Basis nehmen, schließlich haben sie keine wirklichen Lösungen für die sozialen Probleme parat.

Die gehören aber zum Kapitalismus, wie das Wasser zum Meer. Letztlich ist die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen rechts der Aufbau einer glaubwürdigen, unkorrumpierbaren und kämpferischen Linken, die in die täglichen sozialen und gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfe eine sozialistische Perspektive trägt. Je schwächer die Linke, desto stärker können die Rechten werden. Das gilt auch für den Aufstieg der AfD. Diese wurde umso einflussreicher, je mehr die Partei Die Linke als der linke Teil des Establishments wahrgenommen wurde – die EU unterstützend, auf Regierungskoalitionen mit SPD und Grünen setzend, zum faulen Kompromiss bereit, staatstragend, bieder, angepasst. Der Einsatz für eine starke sozialistische Arbeiterpartei ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste, Beitrag zum Kampf gegen Rassismus, Rechtspopulismus und Neofaschismus – und das bedeutet auch, innerhalb der Partei Die Linke die Auseinandersetzung gegen diejenigen Kräfte zu führen, die ihren Frieden mit dem Kapitalismus gemacht haben und diesen in Koalitionen mit SPD und Grünen mitverwalten, statt stürzen wollen.

In der nächste Ausgabe:

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn
Der berühmte fünfte Akt von »Faust II« zeigt: Goethe durchdachte auch in hohem Alter noch gesellschaftliche Alternativen. Die aktuelle Forschung ist da anderer Auffassung
Von Heinz Hamm

Steve Hollasky/Claus Ludwig/Sascha Staničić: Brandstifter. AfD, Pegida, Islamhass. Analysen und Gegenstrategien. Manifest-Verlag, Berlin, 256 Seiten, 12,90 Euro

Die Autoren sind Mitglieder der Sozialistischen Alternative (SAV) und der Partei Die Linke.

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Der rechte Rand Alte Wurzeln, heutige Strategien

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