Aus: Ausgabe vom 01.04.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mosaik an der Wolga

Kleine Völker Russlands. Die europäischen Turkrepubliken stehen unter dem Einfluss der ­russischen Sprache und Kultur. Auch das Erbe wird bewahrt

Von Alexandre Sladkevich
Die Familie Iwanow: ­Soja, Walerij, Tatjana und ihre Tochter Ewilina Sugajkasy (v. rechts)
Aleksandra Andrejewa Sugajkasy
Der sehr bekannte Sohn Tschuwaschiens Andrijan Nikolajew, der dritte sowjetische Kosmonaut. Tscheboksary
Tempel aller Religionen. Kasan
Salawat Julajew-Denkmal. Ufa

Die drei Turkrepubliken der Russischen Föderation erstrecken sich im europäischen Teil des Landes über eine Fläche, die zweieinhalbmal größer ist als Österreich. Benannt sind sie nach ihren namensgebenden Völkern: Tschuwaschien, Tatarstan und Baschkortostan. Während die Titularnation der Baschkiren eine Minderheit in ihrer Republik bildet, stellen die Tschuwaschen in ihrem Land die Bevölkerungsmehrheit dar. Die Anzahl der Tataren in Tatarstan liegt ebenfalls knapp über der Hälfte der Republikeinwohnerzahl. Neben dem Russischen ist die jeweilige Nationalsprache der drei Völker als offiziell anerkannt. Insbesondere in den Hauptstädten Tscheboksary (Tschuwaschien), Kasan (Tatarstan) und Ufa (Baschkortostan) kommt das zur Geltung. Hier trifft man überall auf bilinguale Schilder, Gedenktafeln und Aushänge. Neben den sozialistischen Zuckerbäckerstilgebäuden, den Platten- und Glasbauten, stößt man immer wieder auf das Ethnische. In Mosaiken und Ornamenten findet man Zeugnisse der Identität dieser Völker. Reliefs und Plastiken zeigen mythische Fabelwesen und natürlich Nationalhelden. Zeitungen und Rundfunksendungen bilden ebenfalls einen Teil dieses gesellschaftlichen Bilingualismus.

Die Tschuwaschen stellen eine Sondergruppe innerhalb der Turkvölker dar, weil ihre Turksprache von den finnougrischen Sprachen beeinflusst wurde. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurden die meisten heidnischen Tschuwaschen zum orthodoxen Christentum bekehrt. Nur eine Minderheit der Bevölkerung bekennt sich heute zum Islam. Die Tschuwaschin Natalja Fjodorowa berichtet mir davon: »Meine Großeltern und Urgroßeltern besaßen alle russische Vornamen und Nachnamen. Iwanowy, Sidorowy, Petrowy.« Natalja kam in Sugajkasy, einem kleinen Dorf nahe dem Städtchen Kanasch etwa 80 Kilometer südlich von Tscheboksary, zur Welt. Tschuwaschisch beherrscht sie, weil sie auf dem Lande aufgewachsen ist. In Nataljas Alltag allerdings dominiert das Russische, weil sie seit Jahren in Moskau lebt. Ihre Muttersprache benutzt sie nur, wenn sie mit ihren Verwandten telefoniert oder sie dort besucht. Mit ihrem Sohn Jan hingegen unterhält sie sich auf russisch.

Russisch überwiegt

Nataljas Mutter Soja Iwanowa hingegen hängt sehr am Tschuwaschischen, weil sie nach wie vor in Sugajkasy lebt. Für sie ist es kein Problem, sich von einer Sprache auf die andere umzustellen, doch gelingt dies aus ihrer Sicht nicht ohne Defizite. Bei unserem Besuch klagt sie: »In letzter Zeit merke ich, dass ich ungewollt ins Tschuwaschische russische Wörter einflechte, was nicht schön klingt. Ab und zu vergesse ich sogar einzelne Wörter aus meiner Muttersprache. Vielleicht, weil wir unweit der Stadt leben und die dortige Zivilisation immer näher rückt. Doch ich rede überwiegend Tschuwaschisch, auf der Arbeit und mit den Nachbarn.« Mit ihren Kindern Natalja und Waleri spricht Soja die Muttersprache, aber bei den Enkeln, die in der Hauptstadt leben, kommt nur Russisch in Frage. »Wenn sie hier gewohnt hätten, dann wäre das anders«, meint Soja. Sie fürchtet, dass Russisch nach und nach Tschuwaschisch verdrängt. Zur Bewahrung der Nationalsprache, meint sie, solle diese in den Schulen mehr praktiziert werden. Soja trägt ein altes Lied auf Tschuwaschisch vor. Dessen Hauptfigur trägt den typischsten russischen Vornamen – Iwan. Soja denkt nach und kommt spontan nur auf drei tschuwaschische Vornamen, dann fährt sie fort: »Die Welt eines Menschen wird reicher, wenn er mehrere Sprachen beherrscht.« Als Beispiel nimmt sie Natalja, die Tschuwaschisch, Russisch, Französisch und Deutsch spricht. Natalja behauptet, dass man seine Muttersprache nicht vergessen könne. Selbst wenn man sie 100 Jahre lang nicht sprechen würde!

Sojas Sohn Waleri kommt mit seiner Frau Tatjana und der gemeinsamen Tochter Ewilina aus Kanasch zu Besuch. Das Ehepaar spricht Russisch mit Ewilina und, weil Tatjana in der Stadt geboren wurde, auch miteinander. Verstehen könne seine Frau Tschuwaschisch aber, behauptet Waleri, nur nicht sprechen. Es wird gegessen, und Soja serviert das traditionelle selbstgebraute Bier. Früher galt Bier hier als ein rituelles Getränk. Deshalb ist auf den Wappen von Tscheboksary, wo es sogar ein Biermuseum gibt, und der Republik Tschuwaschien Hopfen abgebildet.

Im nur fünf Kilometer vom Dorf entfernten Kanasch hört man bereits deutlich mehr Russisch. Und in der Hauptstadt Tscheboksary ist die Nationalsprache fast nicht mehr anzutreffen. Nataljas Cousin Wiktor Andrejew hat zu einer Stadtführung eingeladen. Seine Freunde Jewgeni und Wladimir gesellen sich mit dazu. Zwar können sie Tschuwaschisch, unterhalten sich dennoch auf russisch. »Der russische Einfluss ist eben sehr stark.« Dennoch finden sich in Tscheboksary einige Zeugnisse der Nationalkultur. Sie wird nicht nur in diversen Museen und Theatern gepflegt, sondern vor allem auch auf dem Gebiet der Musik. Es gibt eine Nationaloper, die sogar tschuwaschisches Ballett aufführt, eine ethnische Philharmonie mit einem Kammerorchester, eine Staatskapelle, Gesangs- und Tanzensembles. Wiktor führt uns auch zu einem Restaurant, wo man die Nationalküche des Landes kosten kann. Zur kulinarischen Tradition gehören unter anderem Kakaj-schurpi, eine Suppe mit Rinds­innereien und Hirse, sowie Tultarmysch-Lammwürstchen sowie Chuplu, winzige Piroggen mit Fleisch und Kartoffeln. Auf einem Hügel direkt in der Stadtmitte überragt seit 2003 das Monument der »Beschützenden Mutter« die Umgebung. Die samt Podest, das mit einem Segensspruch versehen ist, 46 Meter hohe Frauenfigur trägt die Nationaltracht und gilt als ein Symbol der Republik.

Kleider machen Völker

Die nächste Station meiner Reise ist das angrenzende, wolgaabwärts gelegene Tatarstan, im östlichsten Teil des europäischen Russlands. Soja, die mich begleitet, versteht von der tatarischen Turksprache nur einzelne Wörter. In der Hauptstadt Kasan, mit mehr als einer Million Einwohnern etwa doppelt so groß wie Tscheboksary, stößt man allerdings meist nur auf Schildern und Aushängen darauf. Ein sichtbarer kultureller Unterschied besteht darin, dass die Tataren ein muslimisches Turkvolk sind. So begegnet man Frauen mit Kopftuch und Männern mit Tjubetejka, einer traditionellen Kopfbedeckung. Tjubetejkas sind mit diversen Ornamenten verziert und unterscheiden sich auch in den Farben. Ursprünglich sollen vor allem die Verzierungen viel über den Rang seines Trägers ausgesagt haben. Manche Ornamente dienten auch als Schutz gegen die bösen Geister.

Direkt in der Stadtmitte musizieren zwei Straßenmusiker: die rothaarige Schenja und der dunkelhäutige Adel Gataullin. Sie ist Russin, und er ist Tatare. In ihrem großen Repertoire sind alle Lieder auf russisch. Schenja berichtet: »Viele meiner tatarischen Bekannten sprechen selten Tatarisch, höchstens zu Hause mit ihren Eltern. Hingegen beherrscht meine Schwester, die Russin ist, die tatarische Sprache perfekt!« Adel sagt: »Um einen richtigen Satz auf Tatarisch zu bilden, muss ich erst mal nachdenken.« Das Pärchen lacht. Doch das ist ein Scherz. »Ich spreche Tatarisch, es ist meine Muttersprache. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich schon im Kindergarten auf Tatarisch dachte.« Beide bestätigen, dass Muslime und Russen hier sehr friedlich zusammen leben.

Ein Prunkstück Kasans ist eine Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert. Der Kasaner Kreml, mit dem Sitz der Regierung von Tatarstan, zählt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Seit 2005 beherbergt er auch die riesige Kul-Scharif-Moschee. Ihre Nachbarschaft zur Mariä-Verkündigungs-Kathedrale gilt als Symbol für die friedliche Koexistenz der Muslime und orthodoxen Christen in der Republik. Unweit ragt der 300 Jahre alte Sjujumbike-Turm sichtbar schief in die Höhe. Seine Architektur vereint die typischen Eigenschaften der russischen und der tatarischen Bautradition. Am Stadtrand von Kasan im Bezirk Staroje Araktschino steht ein »Tempel für alle Glaubensrichtungen«. Der als Kulturzentrum gedachte Gebäudekomplex zitiert in seiner Architektur Bauwerke aus sechzehn Weltreligionen, darunter orthodoxe Kirchen, Pagoden, Moscheen und Synagogen.

Die Straßen Kasans sind sehr belebt. Es gibt eine U-Bahn, Dutzende Museen, neun Theater und zwei Philharmonien. Die Stadt zählt zu den größten kulturellen Zentren Russlands. Sportlich ließ Kasan vor allem dank der XXVII. Sommeruniversiade 2013 weltweit von sich hören. Vieles wurde anlässlich der Weltsportspiele der Studenten in der Stadt gebaut und renoviert, wenn auch nicht alles, was geplant war. An pompösen Bauten ist die Stadt reich. Zu den auffälligsten zählt das Landwirtschaftsministerium, der sogenannte »Palast der Bauern«, ein grandioses eklektisches Bauwerk nahe dem Kreml, mit seinen Kuppeln, Kolonnaden, Reliefs und einer 20 Meter hohen Baum­skulptur aus Bronze mitten im Hauptportal. Geflügelte Schneeleoparden bzw. Irbisse, die als Nationalsymbol gelten, thronen auf Säulen. Auch das Wappen der Republik Tatarstan schmückt solch ein geflügelter Irbis. Ein anderes Fabelwesen, dem man im Stadtbild häufig begegnet, ist der Silant, eine geflügelte Schlange mit dem Vorderteil eines Drachens.

Natürlich probieren wir in Kasan auch die für ihre Pferdefleischspezialitäten berühmte tatarische Küche. Das Fleisch wird auf viele Arten zubereitet: geschmort, geräuchert, gebacken, gedörrt oder gekocht. In die hiesige Soljanka gehört Kasylyk, Pferdewurst. Darüber hinaus gibt es diverse Piroggen: runder offener Jelesch mit Geflügel und Kartoffeln, kleiner runder Wak balisch mit Kartoffeln und Fleisch, dreieckiger Jetschpotschmak mit gleicher Füllung oder auch runder offener Peremjatsch mit Hackfleisch. Dazu die Nachspeisen: Tschäk-Tschäk, kleine frittierte Teigstäbchen mit Honig, oder Kort, ein lange gekochter süßer Quark, und Gubadija, ein süßer Käsekuchen mit Reis, Eiern, Rosinen.

Mythen und Minarette

Die letzte Station der Reise ist Ufa. Die Hauptstadt des östlichen Nachbarn Baschkortostan besitzt viel Ähnlichkeit mit Kasan und ist fast genausogroß. Auch Ufa besitzt viele Theater, Museen, Nationalplastiken und Moscheen. Darunter die Moschee Ljalja-Tjulpan, gebaut in der Form einer aufblühenden Tulpe mit 53 Meter hohen Minaretten. Im Herzen der Stadt steht das Salawat-Julajew-Denkmal auf einem Hügel. Es erinnert an den baschkirischen Freiheitskämpfer und Dichter (1752–1800), der in der Republik als Nationalheld verehrt wird. Auch im Wappen Baschkortostans ist das Monument vertreten, angeblich die größte Reiterstatue Russlands, wenn nicht gar Europas. Auch die geflügelten Pferde der baschkirischen Mythologie sind nicht in Vergessenheit geraten. Sie entstammen der Zeit vor der Islamisierung, als die baschkirische Glaubensvorstellung noch tief im Totemismus wurzelte. In Bauornamenten sind sie zu finden.

In Ufa begegnet man noch deutlich mehr Männern, die Tjubetejkas tragen, als in Kasan. Kopftücher sieht man dafür weniger. Längst nicht alle Baschkiren sind Muslime. Die Baschkirin Nurija Muchametdinowa klärt uns auf: »Ufas Einwohnerschaft besteht zur Hälfte aus Russen, je ein Viertel sind Baschkiren und Tataren. Es gibt aber sehr viele gemischten Ehen.« Nurija erklärt, dass sowohl sie als auch ihre Eltern und die Großmutter Atheisten sind. Ihr Nachname lässt dies zunächst nicht vermuten. Er bedeutet: der heilige Prophet Mohammed.

Hinter einer stilisierten baschkirischen Jurte verbirgt sich ein modernes Lokal. Die traditionelle Küche ist der tatarischen ähnlich: Kasylyk und die weiteren Pferdefleischgerichte. Auch Jetschpotschmak, Peremjatsch und Tschäk-Tschäk unterscheiden sich nicht. Bei der Gubadija kommt statt des süßen Kort Fleisch hinein. Auch Kumys – vergorene Stutenmilch – ist erhältlich. Als größte Ähnlichkeit zwischen Baschkiren und Tataren stellt sich die Sprache heraus. Nurija erzählt: »Auf der Bühne habe ich einmal das klassische Tatarisch gehört. Es hat mich sehr überrascht, denn es entspricht der baschkirischen Sprache meiner Eltern!« Das Baschkirische helfe ihr dabei, ihren Horizont zu erweitern, sei wie ein Schlüssel zu Kasachisch, Usbekisch, Kirgisisch und Altaisch. »Ich verstehe auch Türkisch und Aserbaidschanisch.« Nur zu Tschuwaschisch habe sie keinen Zugang. Nurija besitzt ein angeborenes Sprachgefühl, und obwohl sie Russisch als ihre Muttersprache bezeichnet, hat sie das Baschkirische gewissermaßen im Blut. »Noch bevor ich die Regeln kannte, konnte ich es in der Schule fehlerfrei schreiben.« Beim Sprechen höre man ihr den russischen Akzent jedoch an.

Nurija sorgt sich um den Erhalt der baschkirischen Sprache: »In der Stadt wird sie nur noch selten und meist nur zum Spaß benutzt.« Bei den Baschkiren ebenso wie bei den Tschuwaschen und Tataren existieren zahlreiche Stämme und Untergruppen mit eigenen Mundarten. Mehrere dieser Regionalsprachen wurden von der UNESCO inzwischen als stark gefährdet eingestuft. Auf der Fahne der Republik Baschkortostan ist ein Blütenstand der Kurai-Pflanze abgebildet. Mit sieben Blättern, welche ihre sieben Stämme und die Einheit der heutigen Baschkiren symbolisieren.

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