Aus: Ausgabe vom 20.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Hammer, Sichel, Leibesfrucht

Seid furchtbar und mehret euch: Eine »Wertedebatte« im russischen Parlament

Von Reinhard Lauterbach
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Als Stalin Abtreibungen verboten und Scheidungen erschwert habe, sei die Geburtenrate doch gestiegen, meinte ein Geistlicher (Moskau 2009)

Alljährlich verschwinden nach Auskunft von Biologen einige Zehntausend Arten von der Erdoberfläche. Ob es unter den Schildhornvögeln oder jenen Insekten, die nur der Fachwelt unter ihren lateinischen Namen bekannt sind, auch Debatten über die Gefahr des eigenen Aussterbens gibt, ist für den Menschen schlecht nachzuvollziehen. Tatsache ist hingegen, dass unter den national geschiedenen Unterarten des homo sapiens die Klage über deren drohendes Aussterben nicht eben selten ist – obwohl es ja vom Standpunkt der Evolution eher egal ist, welche Gattung die Erde besiedelt. Besondere Konjunktur haben solche Debatten seit jeher in Russland.

Das hat seine Gründe in längerfristigen Trends der Demographie. Schon in der Breschnewschen Epoche »stagnierte« nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion, sondern auch die Anzahl ihrer »slawischen« Einwohner. Die letzte sowjetische Volkszählung ergab, dass die Russen nur noch 52 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten und der relative Rückgang vor allem durch den starken Bevölkerungszuwachs in den muslimischen Republiken Zentralasiens und des Kaukasus bedingt war. Die Gründe waren vielfältig. Der Alkoholismus der Männer gehörte ebenso dazu wie die Emanzipation der sowjetischen Frauen, denen der Sozialismus Alternativen dazu bot, in der Mutterrolle aufzugehen. Bis zum Ende der Sowjetunion blieb das demographische Raunen konservativen Zirkeln vorbehalten – es war politisch nicht unbedingt korrekt, vor dem Wachstum angeblicher Brudervölker zu warnen – , ab 1991 wurde es Teil des politischen Mainstreams. Die Parole vom »Genozid« an den Russen wurde bei Kommunisten wie slawophilen Reaktionären zur stehenden Redewendung, die katastrophalen sozialen Folgen des Systemwechsels boten sich zur Bebilderung an. Und weil die Bevölkerung Russlands seit 1991 um etwa zehn Millionen Menschen zurückging, blieb die Befürchtung, die Nation könne »aussterben«, auch in der Politik aktuell. Genau genommen geht es selbstverständlich weniger um das physische Aussterben der Russen, als um die Sorge, dass das Land irgendwann nicht mehr in der Form weiterbestehen könnte wie bisher. Die Gebiete jenseits des Urals machen zwei Drittel der Fläche Russlands aus und bergen den Großteil seiner devisenbringenden Bodenschätze, aber dort lebt nur ein Sechstel der Bevölkerung. Bei einer Bevölkerungsdichte von nur einem Menschen pro Quadratkilometer ist der Migrationsdruck aus China enorm.

Wladimir Putin rechnet es zu seinen größten innenpolitischen Erfolgen, dass er den Bevölkerungsrückgang durch vergleichsweise großzügige Sozialleistungen für junge Familien gestoppt hat. Jetzt wird das Geld knapp, und vor diesem Hintergrund müssen die »Werte« ran, um den Trend aufrechtzuerhalten. Schließlich kann es nicht sein, dass der Staat sein Volk, auf das er ein »natürliches« Anrecht beansprucht, mit Mutterschaftskrediten kaufen muss. Und so veranstaltete der Ausschuss für »Russische Souveränität« der Staatsduma vor zehn Tagen eine Anhörung zum Thema »Erziehung zu traditionellen Werten«. Eingeladen waren mehrere Dutzend Experten mit vorwiegend orthodox-kirchlichem Hintergrund.

Schon der Moderator vertrat ein »Analytisches Zentrum Katechon« und wetterte gegen den Disney-Film »Die Schöne und das Biest«. Der propagiere »unnatürliche« Sexualpraktiken und sei damit Teil einer langfristig angelegten US-Kampagne zur Untergrabung der Wertebasis des russischen Volkes. Dem stimmte ein »Erzpriester« zu: Die USA hätten in Russland »chaldäische Werte und Geld« durchgesetzt, wobei »chaldäisch« ein orthodoxes Äquivalent für »semitisch« ist. Als Gegengift sei eine »aktive Propaganda der Familie« an den Schulen und Hochschulen nötig, nach dem Vorbild der Medienkampagne, die dem Volk erfolgreich klargemacht habe, dass die Krim zu Russland gehöre. Nach der Krim also nun die Gebärmutter als Objekt der nationalen Eingemeindung. Ein Soziologe von der Lomonossow-Universität berichtete von einem »gefährlichen Wertewandel« in der russischen Gesellschaft: Bis in die 1970er Jahre habe Kinderreichtum als normal und wünschenswert gegolten und Kinderlosigkeit als Unglück, heute habe sich das gedreht, und bis 2050 könne sich Kinderlosigkeit sogar als gesellschaftliche Norm durchsetzen, und Elternschaft als Verhängnis gelten. Das ist zwar Unsinn, schon weil alle, die so räsonnierten, ihre Existenz als Resultat des Unglücksfalls ihrer Zeugung verstehen müssten; aber bekanntlich hilft schrägen Thesen nichts so auf wie ein ordentlich bedrohlicher Hintergrund.

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch die Oktoberrevolution ihr Fett abbekam. Sie habe, so ein Redner, die »traditionelle russische Lebensweise« – mit hoher Geburtenrate, aber auch Kinder- und Müttersterblichkeit – über den Haufen geworfen. Ganz so sei es doch nicht gewesen, gab ein anderer Referent, wieder ein Geistlicher, zurück. Als Stalin im Zuge der Vorbereitung der Sowjetunion auf den künftigen Krieg die Abtreibung verboten und Scheidungen erschwert habe, sei doch die Geburtenrate im Lande gestiegen. Gestorben sind die Kinder dann wenigstens im Dienste. Widersprüche im Detail blieben nicht aus: Plädierte der eine Priester dafür, Leute bis zum 30. Lebensjahr als geistig unreif zu betrachten, forderte ein anderer frühe Eheschließungen. Der Abschlussredner, Vertreter einer kirchlichen Stiftung, die ein Abtreibungsverbot durchsetzen will, zeigte in seiner Präsentation deren Logo: ein Wappen der Sowjetunion, das in der Mitte nicht Hammer und Sichel, sondern einen Fötus zeigt. Und er verwies darauf, dass im alten Rom der Proletarier derjenige gewesen sei, der nichts gehabt habe als seine Sprösslinge. Ja, wäre »Proleta­rier aller Länder, vereinigt euch« dann nicht eine Aufforderung zur freien Sexualität? Kann das gemeint gewesen sein?

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