Aus: Ausgabe vom 20.03.2017, Seite 5 / Inland

Jobcentern fehlt der Respekt

Mehr laufen, besser essen: Ämter drängen Arbeitslose, ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Mit solchen Themen befasste sich der Kongress Armut und Gesundheit

Von Johannes Supe
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So stellen sich die Jobcenter das vor: Immer flott die Treppen rauf, in Bewegung bleiben, stets fit sein

»Übergriffig« – das Wort benutzt Thomas Steffens oft, wenn er über Jobcenter spricht, die sich der Gesundheit ihrer Klienten angenommen haben. Mit »motivierenden Gesundheitsgesprächen« würden die Leistungsberechtigten dazu aufgefordert, ihr Verhalten zu ändern. Mehr Sport machen, weniger Fettes essen – alles nach Maßgabe des Amts. »Bei einem Beschäftigten wissen wir: Dessen Arbeitgeber hat es nichts anzugehen, ob der Angestellte am Ende des Tags um den See läuft oder sich auf das Sofa legt.« Den Leistungsberechtigten gegenüber fehle dieser Respekt, sagt Steffens, der bei der Diakonie Deutschlands für medizinische Rehabilitation zuständig ist. Vielmehr handelten die Ämter – »übergriffig«.

Die Runde »Arbeitslosigkeit – Kritik gegenwärtiger Gesundheitsstrategien«, bei der Steffens am vergangenen Freitag sprach, war nur eine von über 100 Veranstaltungen, die im Rahmen des diesjährigen Kongresses Armut und Gesundheit stattfanden. Die zweitägige Konferenz (Donnerstag und Freitag) in Berlin zog mehr als 2.000 Besucher an. Ausgerichtet wurde sie von verschiedenen Sozialverbänden und Krankenkassen; auch staatliche Stellen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Bundesfamilienministerium sind an ihr beteiligt.

Zum Umgang der Jobcenter mit Hartz-IV-Berechtigten sprach neben Steffens auch Elene Weber, ebenfalls von der Diakonie. Den Erwerbslosen würden oft Angebote zur Verbesserung ihrer Gesundheit gemacht. Diese Offerten könnten die Erwerbslosen zwar ablehnen. Doch dass die derart Beratenen selbst entscheiden können, werde nicht hinreichend vermittelt. »Wir hören von den Menschen immer wieder: ›Ich mache besser, was sie mir vorschlagen, sonst kriege ich nur Probleme‹«, so Weber.

Allzuoft würden die Ämter nur auf eine Umstellung der Lebensweise pochen, sagte Steffens. »Aber wir wissen aus vielen Studien, dass die ›Lebenslage Arbeitslosigkeit‹ selbst einen Faktor für Krankheit darstellt.« Auf eine Änderung der sozialen Situation der Menschen – etwa ihrer Möglichkeiten, an Treffen mit Freunden teilzuhaben oder in einem Verein tätig zu sein – würden die Jobcenter jedoch wenig achten. Das sei hochproblematisch, denn so würde ein soziales Problem zu einem individuellen Problem umgedeutet.

Viele der Kongressveranstaltungen richteten sich an ein Fachpublikum. So etwa die Vorträge über »Gesundheitliche Ungleichheiten in Deutschland«, die am Freitag nachmittag gehalten wurden. Hier sprach Gabriele Bolte, Professorin der Universität Bremen, über Studien, die die Auswirkungen von »Interventionen« im Gesundheitsbereich untersuchten – beispielsweise die Gesundheitsförderung von Älteren durch körperliche Aktivität.

Bolte nahm Studien, die sich dem Thema widmeten, genauer in den Blick. Sie wollte wissen, ob in ihnen berücksichtigt wurde, dass eine beschlossene Maßnahme auf verschiedene Gruppen – Männer oder Frauen, Menschen die in Städten oder in ländlichen Regionen leben – unterschiedlich wirken könnte. Doch von mehreren tausend Veröffentlichungen befassten sich nur wenige mit einer solchen »interventionsgenerierten Ungleichheit«. An ihre Kollegen und an die Studierenden richtete Bolte die Aufforderung, die »vielen Dimensionen sozialer Ungleichheit« genauer in den Blick zu nehmen.

Die Gewerkschaft ver.di nutzte die Tagung, um erneut eine gesetzliche Personalbemessung für Kliniken zu fordern. Die Krankenhäuser würden heute deutlich weniger Personen beschäftigten (minus zwei Prozent), als dies noch im Jahr 2000 der Fall gewesen sei, sagte Grit Genster von ver.di. Nur für Ärzte gelte das nicht. Das Stellenstreichen bei den Pflegekräften habe dazu geführt, dass heute auf 13,3 Patienten im Schnitt eine Fachkraft komme. In Norwegen liege das Verhältnis bei fünf zu eins.

Eindringlich schilderte Carsten Be­cker, Vorsitzender der ver.di-Betriebsgruppe in der Berliner Uniklinik Charité, die Zustände, die damit einhergehen. »Nach jeder verdammten Schicht wissen wir, dass der Anspruch, den wir an unsere Arbeit haben, und die Realität weit auseinander gehen. Weil wir wieder keine Zeit hatten, weil wir nachts wieder jemanden sehr, sehr lange auf seine Bettpfanne warten lassen mussten.« Unter den jetzigen Bedingungen funktionierten die Kliniken nur, weil sich die Beschäftigten mit all ihrer Kraft für die Patienten einsetzten. »Wir verzichten regelmäßig auf Zeit mit unseren Fami­lien«, so Becker.

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