Aus: Ausgabe vom 17.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die »Scheiße« beenden

Eine Gedenkveranstaltung für Egon Bahr in Berlin

Von Arnold Schölzel
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Anfang »neuer Ostpolitik«: Egon Bahr (l.) und Willy Brandt teilen am 17. Dezember 1963 mit, dass nach einer Vereinbarung mit der DDR Westberliner zu Weihnachten Verwandte in Ostberlin besuchen können

Am Silvestertag 1943 entkam der 21jährige Egon Bahr, Geschützführer in einer V-1-Stellung der Wehrmacht, knapp den gezielten Schüssen aus der Bordkanone eines englischen Jagdfliegers. Als er wider Erwarten den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte, schwor er sich, »das Möglichste zu tun, damit eine solche Scheiße nie wieder passiert«. Das zitierte die Witwe des am 19. August 2015 verstorbenen SPD-Politikers, Adelheid Bahr, am Dienstag in einer Gedenkveranstaltung für ihn im Berliner Rathaus vor mehreren hundert Gästen, darunter etwa 200 Jugendliche. Anlass war der bevorstehende 95. Geburtstag Bahrs am 18. März, eingeladen hatte die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, deren Vorstandsvorsitzender, der frühere Berliner Staatssekretär André Schmitz-Schwarzkopf, einleitend ebenfalls hervorhob: Das Lebensthema Egon Bahrs seien Frieden und Aussöhnung in Europa gewesen.

In den Mittelpunkt des Abends stellten die Veranstalter Bahrs Rede vom 15. Juli 1963 vor der Evangelischen Akademie Tutzing, deren Text vom Politikwissenschaftler Tobias Bütow vorgetragen wurde. Bahr, damals Pressesprecher des Regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Willy Brandt, zog in ihr unter Berufung auf die Politik von US-Präsident John F. Kennedy strategische Konsequenzen aus der Grenzschließung durch die DDR am 13. August 1961 und der Gefahr eines Atomkrieges zwischen West und Ost, der in der Krise um Kuba im Herbst 1962 um Haaresbreite abgewendet werden konnte. Es gehe nicht mehr darum, schlussfolgerte er, den Kommunismus zu beseitigen, sondern ihn zu verändern. Die Politik von Druck und Gegendruck gegenüber dem Osten habe nur zur »Erstarrung des Status quo« geführt. Jede Politik »zum direkten Sturz des Regimes drüben«, gemeint war die DDR, sei »aussichtslos«, denn: »Die Zone muss mit Zustimmung der Sowjets transformiert werden«. Es müsse nach einer Formel Kennedys so viel Handel mit den Ländern des Ostblocks entwickelt werden, wie es möglich sei, ohne die westliche Sicherheit zu gefährden. Bahr fand für diese Politik damals die Wendung »Wandel durch Annäherung«. Sie wurde zum Leitfaden der sogenannten neuen Ostpolitik Willy Brandts und darf als Variante der »Magnettheorie«, des Konzepts der Zerstörung sozialistischer Länder durch westliche Anziehungskraft, im Rückblick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf die Zerstörung von DDR und Sowjetunion, zu den wirksamsten politischen Ideen ihrer Zeit gezählt werden.

Insofern traf die Bewertung, die Bahrs Strategie seinerzeit in der DDR erhielt (»Aggression auf Filzlatschen«) den Nagel auf den Kopf. Völlig daneben lagen seine und Brandts Gegner in der CDU/CSU, die von »Wandel durch Anbiederung« (an die Kommunisten) sprachen. Heutige Fans der Sanktionen gegen Russland ähneln ihnen auf verblüffende Weise. Aber auch SPD-Mann Herbert Wehner sagte was von »bahrem Unsinn«. Daran erinnerte am Dienstag Sigmar Gabriel, amtierender Außenminister und bis kommenden Sonntag SPD-Parteivorsitzender. Er wollte Anleihen bei Bahrs damaliger Rede für heute vor allem im Methodischen sehen: Realismus und Unbeirrbarkeit in den Schlussfolgerungen. Ansonsten verböten sich Analogieschlüsse, woran er sich flugs nicht hielt, sobald er auf heutige russische Außenpolitik zu sprechen kam. Da klang wieder der Kalte-Kriegs-Sound an, den Bahr, der »auf Moskau besonders scharf geblickt« (Gabriel) habe, 1963 gewissermaßen für bescheuert erklärt hatte: »aggressiv«, »freiheitseinschränkend« etc. Die deutsch-imperialistische Tradition, Europas Osten von oben herab zu begegnen, setzte er mit der Bemerkung fort, Russland sehne nun ein »postwestliches Zeitalter« herbei. Allerdings, so viel Erbe Bahrs musste offenbar sein, räumte der Minister ein: Wie seinerzeit gelte auch heute, dass die Lösung vieler Probleme nicht ohne Moskau und schon gar nicht gegen Moskau möglich sei. Die Einsicht muss nicht postwestlich genannt werden, resultiert aber aus einer neuen Lage.

Anders als 1963, als Ost und West wegen der bloßen Existenz der Sowjetunion sich den Luxus von Entspannung nicht nur in der Politik, sondern in ziemlich vielen Lebensbereichen zu leisten begannen, sieht Gabriel heute den Globus in Unruhe und reichlich unentspannt. Er fasste das in Bilder wie »tektonische Verschiebung« und »Neuvermessung der Welt«, wobei Europa – gemeint war wieder einmal dessen Schrumpfversion EU – »nicht unbedingt der Gewinner« sein müsse. Eine Konsequenz ist wieder einmal das »Wir sind wieder wer«. Bei Gabriel hört sich das so an: Eine »Betonung gemeinsamer Werte« gegenüber den USA reiche nicht, es müsse eine »europäische Haltung« her. Aber auch innerhalb Europas gebe es eine »Neuvermessung«. Von überall her komme die Verlockung, Deutschland müsse nun »die Führung übernehmen«, er frage sich, ob das gut sei. Die Bundesrepublik könne mehr Verantwortung übernehmen, »Stabilitätsanker« sein, »Europa sind aber alle«. Es gebe eine neue Aufrüstungsspirale, auch in Russland, der man sich nicht hingeben dürfe.

Tja, das sagt das Mitglied eines Kabinetts, das seit mehr als drei Jahren unisono und fortlaufend »mehr Verantwortung«, also mehr Rüstung und mehr Krieg beschließt. Von letzterem war an diesem Abend nichts zu hören. Waffenbeschaffer reden nicht gern von Tod und Zerstörung. Bahr war da anders. Er scheute sich nie, diesen oder jenen westlichen Feldzug nach 1990 als »illegal«, als völkerrechtswidrig zu charakterisieren und für Frieden einzutreten. Für das westliche Propagandageheul gegenüber Russland hatte er zum Schluss nur noch Verachtung übrig. Die »Scheiße«, die er verhindern wollte, ist wieder da und wieder einmal mit herbeigeführt von der Partei, der er angehörte. Seine Devise bleibt gültig.

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