Aus: Ausgabe vom 17.03.2017, Seite 5 / Inland

»Schattenwelt« in der Fleischfabrik

Wurstgigant Tönnies expandiert. Arbeiter werden ausgebeutet, berichtet der DGB

Von Jennifer Weichsler
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Schlachthaus von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (28. Februar 2013)

Die Tönnies Holding ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb für Schweine. Am Mittwoch legte das »Familienunternehmen« in Rheda-Wiedenbrück seine Jahresbilanz vor. Der Umsatz der Wurstmagnaten ist um 13 Prozent auf 6,35 Milliarden Euro gestiegen. Bereinigt um den Zukauf des dänischen Konkurrenten Tican waren es allerdings nur 0,8 Prozent. »Die Zeiten des überdimensionalen Wachstums in Deutschland sind vorbei«, zitierte die Süddeutsche Zeitung (Donnerstag) Firmenpatriarch Clemens Tönnies. Nach Angaben des Verbandes der Fleischwarenindustrie sank der Pro-Kopf-Verbrauch 2015 auf 59,2 Kilo. Weil die Monopole aber weiter wachsen wollen, stehen – begünstigt durch die niedrigen Zinsen – Übernahmen an. In Russland sieht sich Tönnies nach einem weiteren Schlachter um.

Zur Veröffentlichung der Bilanz wurde der Presse auch eine Führung durch das Werk angeboten, um den reibungslosen Arbeitsablauf vorzuführen. Vorenthalten wurden den Journalisten allerdings Schilderungen von Beschäftigten, auf die der Deutsche Gewerkschaftsbund aufmerksam macht. In einer am 6. Februar veröffentlichten Studie erklärt Szabolcs Sepsi, Koordinator für die Fleischindustrie bei der Beratungsstelle »Faire Mobilität«, in den vergangenen Jahren habe ein »enormer Konzentrationsprozess« stattgefunden. Sechs Konzerne beherrschten den Markt. In den Schlachthöfen und Zerlegebetrieben arbeiteten oft mehrere hundert oder tausend Menschen. Aber nur eine Minderheit der dort Tätigen seien bei diesen Unternehmen angestellt. »Der größte Teil hat Arbeitsverträge bei Fremdfirmen, die über Werkverträge eingebunden sind und ihre Arbeitskräfte überwiegend aus Osteuropa rekrutieren.« Stammbeschäftigte seien in allen großen Fleisch- und Wurstfabriken in der Minderheit. In den großen Schlachthöfen betrage ihr Anteil oft nicht mal mehr 20 Prozent. In der Regel hätten die Beschäftigten nur befristete Verträge. Es gebe Leute, die seit vier bis fünf Jahren in ein und derselben Fabrik tätig seien, aber nie Arbeitsverträge erhielten, die länger als ein Jahr gültig seien. »Dieselben Eigentümergruppen besitzen oft eine Vielzahl solcher Werkvertragsfirmen, und die Beschäftigten werden oft von einem Unternehmen ins nächste geschoben. So kann man sie praktisch endlos in befristeten Verträgen beschäftigen, muss ihnen nie mehr als den Mindestlohn zahlen und hält sie zugleich in einem sehr rechtlosen Status«, erklärte Sepsi. Eine beliebte Methode, illegal Lohn einzubehalten, sei es, weniger Stunden zu bezahlen, als die Leute tatsächlich arbeiteten. Zeiten für das Schleifen der Messer und das Überziehen der Arbeitsbekleidung würden nicht entlohnt, ebenso wenn die Fließbänder aus technischen Gründen stillstehen. So ginge es auch bei Tönnies zu, berichtet der DGB. Einer Gruppe mazedonischer und rumänischer Arbeiter, die über eine Leiharbeitsfirma beschäftigt waren, wurde das Geld für Umkleidezeiten vorenthalten. Zwar urteilte das Arbeitsgericht Bielefeld, der Subunternehmer müsse die Arbeiter entlohnen. Der Gewerkschaft, die den Fall dokumentieren wollte, wurde allerdings das Betreten des Tönnies-Betriebsgeländes verwehrt. Da dieses privates Eigentum sei, unterliege es dem Schutz des Artikel 13 des Grundgesetzes (»Unverletzlichkeit der Wohnung«). Der DGB spricht von einer »Schattenwelt« in den Fleischfabriken.

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