Aus: Ausgabe vom 16.03.2017, Seite 5 / Inland

Bahn bleibt Finanzholding

Richard Lutz soll dem überraschend abgetretenen Chef Rüdiger Grube nachfolgen. Rückzug aus der Fläche bleibt Unternehmensstrategie

Von Katrin Küfer
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Richard Lutz (l.) bei der Vorstellung seines neuesten Spielzeugs, dem ICE 4. Dazwischen der jüngst abgetretene Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube (Berlin, 27. Juli 2016)

Nach Angaben aus Regierungskreisen wird der bisherige Deutsche-Bahn-Finanzvorstand Richard Lutz Mitte kommender Woche vom Aufsichtsrat zum Chef und Nachfolger Rüdiger Grubes bestimmt werden. Damit sind andere mögliche Kandidaten, über die in den vergangenen Wochen öffentlich spekuliert worden war, offenbar aus dem Rennen. Gegen das für Infrastruktur zuständige Vorstandsmitglied Ronald Pofalla hatten dem Vernehmen nach die Arbeiter- und Gewerkschaftsvertreter sowie die beiden der SPD angehörigen Aufsichtsratsmitglieder auf der Seite des Eigentümers BRD ein Veto eingelegt. Der ehemalige Kanzleramtsminister und CDU-Mann Pofalla ist erst seit zwei Jahren im Bahn-Tower. Er gilt als »Versorgungsfall« und als in Sachen Eisenbahn weitgehend unerfahrener Neuling. Lutz hatte nach Grubes Abtritt bereits kommissarisch die Leitung des Konzerns übernommen.

Der als bahnfern geltende Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bescheinigte im Boulevardblatt Bild dem 52jährigen »Universalerfahrung bei der Deutschen Bahn« sowie eine tiefe Kenntnis der »aktuellen Herausforderungen«. Bei näherer Betrachtung jedoch ist Lutz im Gegensatz zu klassischen Bahn-Managern aus früheren Jahrzehnten kein Eisenbahner von altem Schrot und Korn und nicht einmal Techniker oder Naturwissenschaftler. Er steht für eine neue Generation von Managern im Technikbetrieb, die seit dem Einstieg in die Bahn-Privatisierung die erfahrenen Techniker, Praktiker und ganzheitlich denkenden Führungskräfte im DB-Management immer mehr an den Rand drängten.

Der promovierte Betriebswirt begann seine berufliche Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Betriebswirtschaft an der Universität Kaiserslautern. 1994 wechselte er in die Bahn-Zentrale. Es war das Jahr, in dem Bundesbahn (West) und Reichsbahn (Ost) zur Deutschen Bahn AG verschmolzen. Unter dem damaligen Chef und Fabrikanten Heinz Dürr und seinen Nachfolgern wurde das Eisenbahnwesen schrittweise im kapitalistischen Sinne von der alten, eher auf Daseinsvorsorge orientierten Behördenbahn zur Aktiengesellschaft umgekrempelt und für einen späteren Börsengang filetiert. Schon in jenen Jahren wurden profitable Tochterunternehmen wie die Bahn-Telekomsparte und wertvolle Grundstücke in attraktiver Citylage verscherbelt. Später wurden auch DB-Töchter wie die Deutsche Eisenbahnreklame, die Fernbusgesellschaft Deutsche Touring oder die Ostseefährgesellschaft Scandlines veräußert. Mit den Erlösen wurden neue Aufkäufe getätigt, während die Macher im Berliner Bahn-Tower die Infrastruktur vernachlässigten. Lutz arbeitete sich als enger Vertrauter des langjährigen Finanzvorstands Diethelm Sack im Bereich Konzerncontrolling und Finanzen nach oben und wurde nach dem Abgang seines Förderers zu dessen Nachfolger ernannt.

Als »Finanzer« steht Lutz mit seiner vermeintlichen »Universalerfahrung« nicht für den flächendeckenden und umweltfreundlichen Schienenpersonen- und Güterverkehr im Stammland der Deutschen Bahn, sondern in erster Linie für eine Finanzholding, die nach Renditegesichtspunkten Unternehmen kauft und verkauft. Der Ausbau des Konzerns zum Global Player der Logistik ist erklärtes Ziel. So ging die DB-Spitze seit der Jahrhundertwende unter dem damaligen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und mit ausdrücklicher Rückendeckung durch Kanzler Gerhard Schröder (SPD) weltweit auf Einkaufstour und kaufte nicht nur Bahn- und Busunternehmen, sondern Logistiker, Lkw-Flotten, Fluglinien und Reedereien auf. Damit verschuldete sich die 1994 durch den Bund komplett entschuldete DB AG wieder in Milliardenhöhe.

Diese Schulden schufen bald den Vorwand und »Sachzwang« für einen von Mehdorn propagierten Börsengang, dem sich auch die Gewerkschaften nicht widersetzen wollten. So trimmte der damalige Chef der Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, seine Organisation mit Zuckerbrot und Peitsche auf Börsenkurs. »Vom Grundsatz her haben wir nichts gegen einen Börsengang«, hatte auch der damalige Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Manfred Schell, im jW-Interview am 17.1.2004 erklärt. Bei all den Börsenvorbereitungen mittendrin: Richard Lutz. Dass die Börsenpläne bis zum heutigen Tage nicht realisiert wurden, ist keiner besseren Einsicht der »Finanzer« um Lutz geschuldet, sondern politischem Druck und vor allem äußerlichen Widrigkeiten. So blies der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) den für Oktober 2008 anberaumten und mit großem Aufwand vorbereiteten Börsengang nach dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise wegen zu großer Risiken in letzter Minute ab. 2010 kaufte die DB den europaweit agierenden Londoner Verkehrskonzern Arriva auf. Im vergangenen Jahr durchkreuzte das »Brexit«-Votum Pläne zur Teilprivatisierung des britischen Unternehmens.

Als neues DB-Vorstandsmitglied und künftige Vorstandsvorsitzende der Güterbahn DB Cargo ist die derzeitige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, im Gespräch. Die gelernte Psychologin kam 1996 zur Deutschen Bahn und wurde 2001 Personalleiterin bei der Güterverkehrstochter DB Schenker Rail. Später war sie Managerin des polnischen Schenker-Tochterunternehmens DB Schenker Rail Polska, bis sie 2010 den BVG-Chefposten übernahm. Damit verkörpert auch Nikuttas Bahn-Biographie ein Stück weit Kontinuität. In ihrer Zeit vollzog sich der seit der Jahrtausendwende eingeleitete Schrumpfkurs und Rückzug aus der Fläche bei der inländischen Güterbahn, der durch internationale Aufkäufe kompensiert werden sollte.

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Weichenstellung Öffentliches Eigentum oder Börsenbahn?

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