Aus: Ausgabe vom 15.03.2017, Seite 6 / Ausland

Die »Wegwerfarbeiter« von Fukushima

Der Journalist Tomohiko Suzuki ließ sich als Aufräumhelfer im havarierten Atomkraftwerk anheuern

Von Michael Streitberg
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Schwarze Säcke bis zum Horizont, vier Jahre nach dem Unfall: Verstrahlter Schlamm, Blätter und Schutt im Dorf Tomioka in der Präfektur Fukushima im Februar 2015

Als Tomohiko Suzuki am 11. März 2011 aus dem Radio von der Reaktorkatastrophe in Fukushima erfährt, sitzt er gerade im Auto neben einigen Yakuzas (Mitgliedern der japanischen Mafia), die Hilfsgüter in die vom verheerenden Erdbeben und dem Tsunami betroffene Region in Nordostjapan bringen. Die gesellschaftlich tief verwurzelten Yakuza gehörten zu den ersten, die in die verwüsteten Landstriche fuhren. »Das ist doch gefährlich, oder?« sagt einer. Dennoch fährt man weiter, immer näher auf die Unglücksstelle zu, und lässt sich vom Leisten der Nothilfe vor Ort nicht abhalten.

Wenn man das hört, ist man geneigt, der Yakuza großen Respekt zu zollen. Der Mut und der Altruismus der Helfer sind zweifelsohne beeindruckend. Einige Jahre zuvor war der Journalist, der schon lange über die Yakuza berichtet, auf einem Fest in der Nähe des Kraftwerks allerdings mit einem der Bosse ins Gespräch gekommen. »Atomkraftwerke sind ein Riesengeschäft«, bekannte dieser freimütig. Denn es ist nicht zuletzt die Yakuza, die glänzend am Atomgeschäft verdient.

Dass der deutsche Leser von all dem erfährt, hat er auch Sebastian Pflugbeil, dem Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz, zu verdanken. Er entdeckte Suzukis Buch während eines Japanbesuchs und begab sich damit zur Japanologie der Uni Leipzig. Der damalige Student Felix Jawinski, einige Kommilitonen und die Professorin Steffi Richter erklärten sich bereit, das Werk zu übersetzen. Mit der Assoziation A fand sich schließlich ein interessierter Verlag; der Journalist Günter Wallraff verfasste ein Vorwort. Um seinen Bericht vorzustellen, befindet sich der Autor nun auf Lesereise in Deutschland. Der Buchladen »Schwarze Risse« organisierte die bis auf den letzten Platz besetzte Veranstaltung im Mehringhof. Pflugbeil steuerte Informationen zur Atommisere in Deutschland bei, während Jawinski Suzukis Vortrag übersetzte. Der Schauspieler Richard Schnell trug vor der Diskussion mit dem Autor einige zentrale Passagen aus dessen Buch vor.

Suzuki erklärte den Anwesenden die Auftragspyramide der Atomwirtschaft: Am oberen Ende sitzt der Fukushima-Betreiberkonzern Tepco, dann kommen seine Partnerunternehmen, dann immer mehr Sub- und Subsubunternehmen. Das Ganze setzt sich über acht Stufen fort – und ab der vierten, fünften übernimmt der Konzern keine Verantwortung mehr für das, was passiert. Hier kommt auch die Yakuza ins Spiel: Sie rekrutiert jene, die vor Ort die Drecksarbeit machen. Und eben so ging man auch nach der Atomkatastrophe vor. »Wir brauchen Leute, bei denen es nicht schade wäre, wenn sie ums Leben kommen«, soll Tepco erklärt haben. Und die Yakuza lieferte: Tief verankert in jenem Bereich des zweigeteilten japanischen Arbeitsmarkts, in dem gering Qualifizierte sich zu harter Arbeit verdingen müssen, stellte sie den Subunternehmen jene als »Wegwerfarbeiter« bezeichneten Menschen zur Verfügung, die sich über ihre eigene Gesundheit keine allzugroßen Gedanken machen (können).

Über seine gewachsenen Yakuza-Verbindungen lässt Suzuki sich ebenfalls anheuern. Wenn in Kopfhöhe hochverstrahltes Wasser durch die Rohre fließt, halten die Arbeiter ihre Messgeräte tiefer, damit sie nicht so schnell die zulässige Strahlenhöchstdosis erreichen und die verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit länger ausüben können. Ist die Dosis offiziell überschritten, müssen sie gehen. Denn es ist im Interesse der Konzerne, dass sie erst Jahre später erkranken. Bemühen sie sich dann um Entschädigung, liegt die Beweislast bei ihnen.

Nach einigen Monaten Aufräumarbeit stehen vor dem Büro des Yakuza-Syndikats in Fukushima keine Toyotas mehr, sondern teure BMW. »In Deutschland wären es wohl Mercedes«, erklärt der Autor. Sein Buch liefert nicht nur einen packenden Erfahrungsbericht, sondern auch eine Kriminalgeschichte des Atomkapitalismus. Das überaus faktenreiche und zudem flüssig geschriebene Werk sei an dieser Stelle uneingeschränkt empfohlen.

Das Buch Inside Fukushima von Tomohiko Suzuki ist erschienen bei Assoziation A, Berlin/Hamburg 2017, 18 Euro

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