Aus: Ausgabe vom 18.03.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nur der erste Schritt

Der Sturz der Zarenmonarchie war kein Wunder. Lenin über die Februarrevolution

Von Wladimir Iljitsch Lenin
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»Den Weg neuer und großer Siege beschreiten«: Arbeiter des Putilow-Flugzeugwerks in Petrograd im Februar 1917

In seinem zweiten von fünf »Briefen aus der Ferne« nach der Erhebung Anfang 1917 gegen das russische Kaiserreich bezieht sich Lenin auf eine Rede Matwej Iwanowitsch Skobelews (1885–1938, zunächst noch Vertreter der Menschewiki in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands), die dieser in der Reichsduma gehalten hatte (siehe auch jW vom 11./12.3.).

Diese Rede ist ein Musterbeispiel für das, was wir weiter oben in dem Zitat aus dem Sozial-Demokrat als »Schwanken« zwischen Bourgeoisie und Proletariat bezeichnet haben. Die Liberalen können, solange sie Liberale bleiben, nicht von »unsinnigen« Kriegszielen »lassen«, die, nebenbei gesagt, nicht von ihnen allein festgesetzt werden, sondern vom englisch-französischen Finanzkapital, einer Weltmacht, die über Hunderte von Milliarden verfügt. (…)

Wenn Skobelew davon spricht, dass die Arbeiter ein Abkommen mit der liberalen Gesellschaft getroffen haben, und gegen dieses Abkommen nicht protestiert, wenn er nicht von der Duma-Tribüne herab die Schädlichkeit eines solchen Abkommens für die Arbeiter darlegt, dann billigt er dieses Abkommen. Und das durfte keinesfalls geschehen.

Wenn Skobelew das Abkommen zwischen dem Sowjet der Arbeiterdeputierten und der Provisorischen Regierung direkt oder indirekt, offen oder stillschweigend billigt, dann schwankt er in der Richtung zur Bourgeoisie. Wenn Skobelew erklärt, dass die Arbeiter den Frieden fordern, dass zwischen ihren Zielen und denen der Liberalen ein himmelweiter Unterschied besteht, dann schwankt er in der Richtung zum Proletariat.

Rein proletarisch, wahrhaft revolutionär und in ihrer Absicht vollkommen richtig ist die zweite politische Idee des von uns analysierten Aufrufs des Sowjets der Arbeiterdeputierten, die Idee der Bildung eines »Überwachungsausschusses« (ich weiß nicht, ob es russisch wirklich so heißt; ich übersetze frei aus dem Französischen), d. h. eines Ausschusses zur Überwachung der Provisorischen Regierung durch Proletarier und Soldaten.

Das ist das Richtige! Das ist der Arbeiter würdig, die ihr Blut für Freiheit, Frieden und Brot für das Volk vergossen haben! Das ist ein realer Schritt zur Schaffung von realen Garan­tien sowohl gegen den Zarismus und die Monarchie als auch gegen die Monarchisten (Alexander Iwanowitsch, jW) Gutschkow (1862–1936, zunächst Kriegsminister des Zaren, dann kurz Mitglied der Provisorischen Regierung, jW), (Georgi Jewgenjewitsch, jW) Lwow (1861–1925, nach der Februarrevolution Premier und Innenminister der Provisorischen Regierung, jW) und Co.! Das ist ein Anzeichen dafür, dass das russische Proletariat trotz allem schon weiter ist als das französische Proletariat im Jahre 1848, das einen Louis Blanc (1811–1882, utopischer Sozialist, jW) »bevollmächtigte«! Das ist ein Beweis dafür, dass sich der Instinkt und der Verstand der proletarischen Massen nicht zufriedenstellen lassen mit Deklamationen, Gerede, Versprechungen von Reformen und Freiheiten, mit dem Titel eines »von den Arbeitern bevollmächtigten Ministers« und ähnlichem Firlefanz, sondern dass sie eine Stütze nur dort suchen, wo sie vorhanden ist, bei den bewaffneten Volksmassen, die vom Proletariat, von den klassenbewussten Arbeitern organisiert und geführt werden.

Das ist ein Schritt auf dem richtigen Wege, aber nur der erste Schritt. Bleibt dieser »Überwachungsausschuss« eine rein parlamentarische, nur politische Institution, d. h. eine Kommission, die an die Provisorische Regierung »Anfragen richtet« und von ihr Antworten erhält, so wird er trotz allem ein Spielzeug, so wird er ein Nichts sein.

Wenn dies aber dazu führt, dass sofort und allen Hindernissen zum Trotz eine wirklich das ganze Volk, wirklich alle Männer und Frauen umfassende Arbeitermiliz oder Arbeiterwehr geschaffen wird, die nicht nur die vernichtete und verjagte Polizei ersetzt, nicht nur dafür sorgt, dass diese von keiner, ob monarchistisch-konstitutionellen oder demokratisch-republikanischen, Regierung wiederhergestellt wird, weder in Petrograd noch irgendwo anders in Russland, dann werden die fortgeschrittenen Arbeiter Russlands wirklich den Weg neuer und großer Siege beschreiten, den Weg, der sie zum Sieg über den Krieg führen wird, zur praktischen Verwirklichung der Losung, die nach den Meldungen der Zeitungen das Banner der Kavallerietruppen schmückte, die in Petrograd auf dem Platz vor der Reichsduma demonstrierten: »Es leben die sozialistischen Republiken aller Länder!«

W. I. Lenin: Briefe aus der Ferne. Brief 2. Die neue Regierung und das Proletariat. Geschrieben am 9. (22. nach dem heute verbreiteten gregorianischen Kalender) März 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1968, Seiten 323–333. Die insgesamt fünf »Briefe aus der Ferne« schrieb Lenin in der Schweiz Ende März und Anfang April 1917 für die bolschewistische Zeitung Prawda, die in Petrograd nach der Februarrevolution wieder zu erscheinen begann. Zuerst veröffentlicht wurde Brief 2 in der Zeitschrift Bolschewik Nr. 3–4 im Jahre 1924.

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