Aus: Ausgabe vom 13.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der Akt des Zurückschauens

Keine Werbeästhetik, sondern Bilder von Armut und Gewalt in Afrika: Die große Fotoausstellung von Pieter Hugo in Wolfsburg

Von Matthias Reichelt
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Ästhetizismus? Nein, eine Umkehrung des Voyeurismus

Der erste Eindruck täuscht: Das Plakative der Bilder, ihre Schärfe und die Brillanz der Farben in Pieter Hugos erster großer Ausstellung in Deutschland erinnern an Werbeästhetik. Schaut man genauer hin, merkt man, dass viele seiner Bilder, Porträts und Stilleben Geschichten von Gewalt, Ausgrenzung, Armut und Ausbeutung erzählen.

Es sind bestimmte Sätze von Pieter Hugo, die sich während eines Rundgangs mit ihm durch seine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg einprägen. Zu seinen Foto­inszenierungen mit Jugendlichen und Kindern aus Ruanda, die er zwanzig Jahre nach dem Völkermord der Hutu an den Tutsi produzierte, erzählt er, dass es dort keine Erinnerungsstätten gibt, weil Steppen, Wälder und Straßen zu Orten des Gemetzels wurden und somit die ganze Landschaft zum Mahnmal erklärt werden müsste. In eben dieser Umgebung inszenierte er die Porträts von jungen Menschen, die nach dem Genozid geboren wurden. Die Titel der Farbtableaus verraten nicht die Namen der Porträtierten, sondern nur die jeweilige Nummer des Porträts, Land und Jahr. Sie wirken wie stille Ankläger, als ob sie die Spuren der grausamen Vergangenheit in sich trügen.

Wären Schwarzweißbilder dem Thema nicht angemessener? Läuft die gestochen scharfe Farbfotografie nicht Gefahr, zur Verharmlosung und Ästhetisierung einer grauenvollen Vergangenheit zu werden? Diese Fragen drängen sich auf, und dennoch generieren diese Farbmotive ein seltsames Unbehagen, das sich den Betrachtern fast körperlich mitteilt. Es sind die Blicke, die Gesten und auch die Bekleidung der Menschen, die irritieren. Ein Junge steckt in einer viel zu großen, hochgeschlossenen Jacke, unverkennbar das Kleidungsstück eines Erwachsenen. Er liegt auf dem Rasen, umgeben von abgefallenen Blüten, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Der Junge wirkt gefangen und scheint dem Blick des Betrachters wehrlos ausgeliefert zu sein.

Über die Arrangements mit den Porträtierten schweigt sich Pieter Hugo aus. Nur soviel: Er mache Bilder im Einvernehmen mit den Menschen, und manches Mal stoße er auf Ablehnung. Und dann kommt da wieder so ein Satz von Hugo, der zeigt, wie stark er über seine Fotografie reflektiert. Er begreife das Fotografieren nicht so sehr als Akt des Beobachtens, sondern als Akt des Zurückschauens. Er meint die Blicke der Porträtierten, die sich auf ihn als Fotografen und uns als Besucher der Ausstellung richten, wie eine Gegenbewegung oder eine Umkehrung des Voyeurismus.

Hugo ist sich der soghaften Wirkung seiner Inszenierungen sicher. Er ist sich aber auch der Geschichte seines Landes bewußt. Er lebt in Südafrika, wo er 1976 als Sohn weißer Eltern geboren wurde. Auf einem Bild lässt er einen Jungen einen zweiten, kleineren auf seinen Armen tragen und erinnert damit an ein Foto vom Protest in Soweto gegen die Einführung des als Kolonialsprache verhaßten Afrikaans. Der weinende Mbuyisa Makhubo trug den von der Polizei erschossenen zwölfjährigen Hector Pieterson auf den Armen. Dieses Bild wurde zu einem Fanal im Kampf gegen die Apartheid durch eine neue Genera­tion. Es entstand im Geburtsjahr von Hugo. Sein Blick auf die Ausgebeuteten, Armen und Minderheiten ist empathisch. Für seine im Wortsinn atemberaubende Serie »Permanent Error«, die er zwischen 2009 und 2010 in Ghana auf dem Agbogblo­shie Market in Accra machte, nutzte er eine beweglichere Mittelformatkamera. Es entstanden Aufnahmen eines riesigen Armenviertels mit billigen Hütten und einer Mülldeponie in unmittelbarer Nachbarschaft. Dort wird der Elektroschrott, vorwiegend aus Europa, illegal auf einer Deponie entsorgt und von den Ärmsten der Armen nach verwertbaren Metallen durchforstet. Im offenen Feuer legen sie das Kupfer durch Verbrennen der Kabelummantelung frei. Dabei entstehen hochgiftige Dämpfe, die Luft und Boden kontaminieren. In Sichtweite stehen dort Kühe und auch die Hütten der Bewohner. Der Qualm überzieht das gesamte Areal und wird von den Arbeitern, darunter viele Kinder, eingeatmet. Für Pieter Hugo hielten manche von ihnen – einige wollten sich nicht fotografieren lassen – einen kurzen Moment bei ihrer gefährlichen Arbeit inne, um sich inmitten des dampfenden Geländes porträtieren zu lassen.

»Kin« bedeutet im Englischen sowohl Freundschaft wie Verwandtschaft. Es ist der Titel einer weiteren umfangreichen Fotoserie von Hugo. Sie umfasst ein Selbstporträt, Bilder seiner Familie, von Freunden und Bekannten ebenso wie ein schwules Paar in traditioneller Zulu-Tracht und inniger Umarmung. Außerdem zeigt sie zwei Luftaufnahmen des Townships Diepslot im Norden und der Gated community Dainfern im Süden Johannesburgs. Dabei wird deutlich, dass die ökonomische Spaltung der Gesellschaft so virulent ist wie unter der Apartheid. Keine rosigen Verhältnisse, aber in Pieter Hugos Bildern werden sie sichtbar.

Bis 23.7., Kunstmuseum Wolfsburg

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