Aus: Ausgabe vom 11.03.2017, Seite 12 / Thema

Vom deutschen Mandarinentum

Ernst Robert Curtius und die Romanistik während der Nazizeit

Von Peter Jehle
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Viele Vertreter der Geisteswissenschaften pflegten eine ausgesprochene Nähe zur NSDAP und zur SS. Der Rektor der Georg-August-Universität Göttingen, der Germanist Friedrich Neumann bei einer Ansprache am 10. Mai 1933, dem Tag der Bücherverbrennung

Hans-Otto Dill schrieb vor kurzem an dieser Stelle, die Romanistik sei »niemals schwer durch faschistische Protagonisten belastet« gewesen, und einige Zeilen weiter, es habe »unter den deutschen Romanisten viele willfährige Nazianhänger« gegeben, »die das Regime mit Wort und Schrift unterstützten« (junge Welt, 12.8.2016). Wie nun – kaum wirklich Belastete und gleichwohl zahlreiche Anhänger des Faschismus? Ist eine Anhängerschaft, die sich vor allem in »Wort und Schrift« bekundete, als weniger »belastet« einzustufen?

Vermutlich wollte Hans-Otto Dill dies nicht sagen. Wer sich mit der Geschichte der Romanistik in der Nazizeit beschäftigt, kommt eben um die Frage nicht herum, welche Rolle die Spezialisten für Wort und Schrift, die Kenner fremder Sprachen, die in weitgespannten Netzwerken sich bewegenden Vertreter deutscher Universitäten und iberoamerikanischer Institute in dem Europa spielten, das militärisch erobert, »rassisch« homogenisiert und kulturell nachhaltig nazistischer Herrschaft untertan gemacht werden sollte.

Wie ernst die Planer des »neuen Europa« den kulturellen Umbau nahmen, kann man leicht daran erkennen, dass von den insgesamt 16 sogenannten Deutschen Wissenschaftlichen Instituten – den Brückenköpfen des »deutschen Geistes« in den eroberten Ländern – ein letztes noch 1944 in der albanischen Hauptstadt Tirana eröffnet wurde. Ihre Direktoren waren in mehreren Fällen Romanisten.1 Nimmt man also das Schreiben und Wortemachen ebenso ernst wie anderes Verhalten – und die Nazis nahmen es ernst, wie an der Existenz einer »Reichsschrifttumskammer« oder eines Propagandaministeriums unschwer zu erkennen ist –, kann man sich mit der bequemen Zweiteilung in eine dem Umfang nach unerhebliche, nazistisch »entgleiste« NS-Romanistik und eine umfassende, wissenschaftlich »intakt« gebliebene Romanistik unter den Nazis nicht mehr zufrieden geben. Was für die Philosophie gilt, dass sie sich mit »ihren noch heute berühmten Vertretern und in ihrem normalen Betrieb in den Nazismus und diesen in sich integriert und sich um ein staatstragendes Verhältnis bemüht« hat,2 gilt auch für die Romanistik. Zwar waren gleich zwei ihrer brillantesten Vertreter – Leo Spitzer und Erich Auerbach – als »Juden« aus dem Amt gejagt worden, doch war dies für keinen der in Deutschland bleibenden Romanisten ein Anlass, um sich dem Betrieb zu verweigern. Werner Krauss, der Erich Auerbachs Amtsgeschäfte in Marburg kommissarisch übernehmen musste und später sein antifaschistisches Engagement an der Seite Harro Schulze-Boysens beinahe mit dem Leben bezahlt hätte, war einer von wenigen deutschen Hochschullehrern, die den Grundwiderspruch, der ihre wissenschaftliche Tätigkeit im NS-Staat notwendig kennzeichnen musste, auf den Begriff zu bringen versuchten.

Der Widerspruch bestand nach Krauss darin, dass eine »grundsätzliche Ablehnung« der »politischen Ansprüche der Nazis […] stets nur auf dem jeweiligen fachlichen Sondergebiet [erfolgte] und nicht dadurch, dass man das politische System selbst als eine untragbare Grundlage für alles geistige Leben brandmarkte«. War, was sie da in Marburg trieben, nicht dem Unterfangen einer »Sekte« vergleichbar, »die ihren Ritus im Schutz der Exterritorialität unseres Faches begehen konnte«?3

Damit kommt das Fach als zugleich autonomes und umfassend »von außen« definiertes ins Bild. Es konstituiert bei aller politischen »Gleichschaltung« einen geschützten Raum relativer Autonomie, der selbständig unter Berücksichtigung der hier geltenden Verkehrsformen und Arbeitsweisen zu gestalten ist. Was immer auf akademischem Terrain gelehrt, geschrieben, veranstaltet wurde – stets war ein Moment von Selbständigkeit und Freiwilligkeit dabei. Selbst als man Anfang der 1940er Jahre aufgefordert war, sich am »Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften« mit einem Thema zu beteiligen, war es den einzelnen überlassen, wie sie die durch Fachkompetenz autorisierte Position nutzen wollten. Damit ist aber dem Rechtfertigungsmechanismus, der die Faschisierung der Wissenschaftsverhältnisse als das Resultat eines »Einbruchs« von außen präsentiert, der Boden entzogen. Die Stabilität des Faschismus an der Macht, das hat Krauss als einer der wenigen sehr genau gespürt, zehrte noch von den Aktivitäten, die kritisch intendiert waren. Das gilt auch für die von Krauss herausgegebene Reihe der »Marburger Beiträge zur romanischen Philologie«, in der seltene Beispiele einer Sprach- und Literaturwissenschaft zu bewundern sind, die sich gewissermaßen aus der Deckung wagt und die Position der Fachkompetenz offensiv für die Wiederaneignung der vom NS-Staat monopolisierten Gestaltungskompetenzen für das Gemeinwesen (»des Politischen«) zu nutzen versucht – allen voran eine Schrift von Krauss selbst: »Corneille als politischer Dichter« (1936).

Bildungsbürger par excellence

Seit langem hat sich ein Kanon großer Romanisten befestigt, zu denen neben den bereits erwähnten Auerbach, Spitzer und Krauss auch Ernst Robert Curtius gehört. In der postfaschistischen Bundesrepublik stand er für eine Europäisierung der Literaturforschung, die die nationalen Grenzen durchbrach. Er repräsentierte den seltenen Typus eines Gelehrten, der den Liebhaber der Literatur nicht verleugnete. Nicht als Professor, sondern als »deutscher Schriftsteller« protestierte er 1949 gegen Karl Jaspers’ Goethe-Kritik. Er war alles andere als ein abgehobener Stubengelehrter. Er mischte sich ein und scheute sich nicht, deutlich zum Ausdruck zu bringen, was er von anderen Auffassungen hielt – nämlich zumeist nichts.

Seit den 1920er Jahren verfügte er über ein festes Koordinatensystem, an dem er sich auf dem Weg durch die »abendländische« Literatur orientierte. So bot er widersprüchliche Anknüpfungspunkte – sowohl einem so kritischen Geist wie Walter Boehlich, der zwischen 1947 und 1951 Curtius’ Assistent war, als auch den Fachkollegen, die ihm seit Mitte der 1980er Jahre zahlreich ihre Verehrung bekundeten. Heinrich Lausberg, der um 1968 Materialien zu einer Curtius-Biographie sammelte, die dann Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht wurde, bewegte sich noch ganz in der Bildungswelt, für die Curtius stand. Stolz berichtete er, er habe den Vergil-Test – Curtius legte einen Vers des römischen Dichters Vergil vor, den der Kandidat identifizieren musste – glänzend bestanden. Diese Bildungswelt hat ihre Passageriten und ihre Orthodoxie, an der sich die Rechtgläubigen erkennen. Lausbergs Rede von der »souveränen Universalität dieses ›Homme de lettres‹«4 ist ein Gemeinplatz, denn in Wirklichkeit ist es ein eng definierter Kanon großer Dichter und Werke, der »Universalität« repräsentiert und dessen Kenntnis Zugehörigkeit begründet. Michael Nerlich, der Begründer einer Curtius-Forschung,5 die erstmals die gesellschaftlichen Determinanten dieser Bildungswelt unter die Lupe nahm und die Haltung unkritischer Einfühlung aufkündigte, war damit natürlich ein Außenseiter, mit dem man nichts zu tun haben wollte.

Dabei hatte Erich Auerbach bereits 1950, noch zu Curtius’ Lebzeiten, skeptische Töne angeschlagen. »Gewiss ist Curtius ein bedeutender […] Forscher« und »Mitglied der europäisch-universalen, mehr künstlerischen als gelehrten Elite«, den »das spontane Entzücken an schönen Versen, echtem Gefühl und glücklich geformten Gedanken« mehr antreibe als Gelehrsamkeit. Dieser »so reich begabte Schriftsteller« habe allerdings »nicht immer viel Geduld«, und er bringe »seine Urteile oder auch seine Vorurteile energisch zum Ausdruck«.6 Damit war Entscheidendes gesagt. Die Urteile, die im Bewusstsein der Zugehörigkeit zum exklusiven Gremium der besten Geister gefällt werden, könnten sich als Vorurteile herausstellen. Wo die Kunst vor allem als Genussmittel fungiert – als edles und daher knappes Gut –, muss sie gegen den Zugriff Unbefugter verteidigt werden. In der Tat verwandte Curtius seine Kunst als Literaturkritiker stets auf die Befestigung einer Grenzanlage. Sie sollte, wie alle Grenzen zu allen Zeiten, verhindern, dass Illegale den von einer souveränen Macht beanspruchten Raum unsicher machen.

Konformes Distanzhalten

Wer diese Illegalen sind, die sich im Raum der Kunst breitzumachen drohen, daran ließ Curtius keinen Zweifel. In seinem Büchertagebuch, das der Literaturkritiker Max Rychner nach Curtius’ Tod zusammengestellt hat, findet sich dazu exemplarisch Auskunft. Curtius lässt den Kunsthistoriker Herman Grimm, den Sohn Wilhelm Grimms, wie er betont, für sich sprechen. Er ist eine Person höchster Autorität für ihn, denn mit dessen Tod 1901 »sank die Goethezeit unwiderruflich ins Grab«. Hören wir also Herman Grimm: »Ein Kampf ist in Deutschland entbrannt, wie keine frühere Zeit ihn kannte, dessen Ursache nicht die Feindseligkeit der Stämme, sondern die Versuche eines allgemeinen Ansturms der Niederen gegen die Höheren sind. […] Die unübersehbare Masse der bloß Erwerbenden gibt bereits den Ton für das Urteil in geistigen Dingen an.«7 Das wurde 1893 gesagt, zwei Jahre nach der Verabschiedung des Erfurter Programms der Sozialdemokratie »mit seinen Klassenkampftendenzen«, wie Curtius erklärend hinzufügt. Mag sein, dass Herman Grimm der Naturalismus, der damals die Berliner Bühnen erobert hatte, vor Augen stand. Die »Niederen«, die sich anschicken, die bislang »den Höheren« vorbehaltenen Orte in Besitz zu nehmen und so für das zu sorgen, was sich vom Standpunkt der traditionellen Kulturträger als »Vermassung«, »Bildungsabbau« und »Kulturverfall« darstellte – dieses Phantasma des in die Krise geratenen bürgerlichen Herrschaftsanspruchs wird noch Curtius’ Streitschrift »Deutscher Geist in Gefahr« bestimmen, die 1932 erschien – angesichts des heraufziehenden Faschismus, der dann bekanntlich in einer Koalition mit den Nationalkonservativen an die Regierung kam.

Michael Nerlich grub diese Schrift Anfang der 1970er Jahre aus, in der Linie der Studentenbewegung, die angefangen hatte, bohrende Fragen nach der Vergangenheit ihrer Lehrer zu stellen. Er stieß dabei auf die »Stimme von Werner Krauss«,8 der aus Curtius’ »Notschrei« gerade die »Ohnmacht des deutschen Geistes« herausgehört hatte. Auch hier doppelte Buchführung: Der Gelehrte, der sonst »nur Originale, und zwar in 14 Sprachen, las«,9 »bestreitet die Kenntnis des Sozialismus aus Bettelküchen der trübsten Gerüchteagenturen«.10 In der Tat bedurfte es für Curtius keines Quellenstudiums, um zu der Überzeugung zu kommen, dass der »Kulturhass« in »monumentaler Form […] in Russland zutage« tritt. Zwar gebe es den »Kulturhass« auch in einer »völkischen« Variante, doch der Versuch, »unsere Bildung aus dem nationalen Gedanken heraus« zu erneuern, sei zum Scheitern verurteilt, weil »dieser Gedanke beschlagnahmt ist von radikalisierten Massen, deren nationale Gesinnung auf die primitive Formel des Judenhasses und des Rassenmythos gebracht werden kann«.

Kritik also nach beiden Seiten? Curtius, der sich selbst zu den »Stillen im Lande« zählte, denen es oblag, »unser gefährdetes Erbgut [zu] bergen«, hielt es dann allerdings doch mit Carl Schmitt: Mit ihm votierte er für eine strikte Trennung von »Staat« und »Gesellschaft«, um zu verhindern, was in einem demokratischen Gemeinwesen notwendig eintritt, dass nämlich »alle bisher staatlichen Angelegenheiten gesellschaftlich und umgekehrt alle bisher ›nur‹ gesellschaftlichen Angelegenheiten staatlich werden«.11

»Altkonservativer Humanist«?

Es ist klar, dass nur ein zumindest autoritärer Staat ein solches Nichteinmischungskonzept durchsetzen kann, ein Staat, der »die Politik« in seine ausschließliche Zuständigkeit nimmt, während »die Wissenschaft« – formell von »Politik« freigeräumt – einer dafür zuständigen Bildungselite überlassen bleiben soll: ein korporatives Konzept, wie es der italienische Faschismus umzusetzen suchte. »Man kann den Sternen und den Eskimos gegenüber neutral sein, aber der Staat und seine Gegenspielerin, die Gesellschaft, fordern mit Recht Entscheidung« – und Curtius machte kein Hehl daraus, dass die unsicheren Kantonisten vor allem unter den deutschen Juden zu finden seien, »von denen leider gesagt werden muss, dass sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind«. Insbesondere dem Philosophen Karl Mannheim mit seinem Theorem von der »Standortgebundenheit« allen Denkens, der einem »Relativismus« das Wort rede, den Wechsel bevorzuge, die Dauer abwerte, galt die Kritik dieses »Stillen im Lande«. Er fürchtete, hier werde jede »Hingabe an ein Absolutes« untergraben, und der »deutschen Jugend« solle der Sinn für »Größe und Idealismus« genommen werden.12

Unabhängig davon, dass die Schrift im folgenden Jahr im Völkischen Beobachter als ungenügend gereinigt »von dem in dem verflossenen Jahrzehnt der sog. ›geistigen Freiheit‹ aufgehäuften Ballast« kritisiert werden sollte (24.3.1933, Beiblatt), lagen hier einige im Blick auf den Prozess faschistischer Machtkonstitution nützliche, staatstragende Bauteile bereit. Welcher SA-Mann, der während der Köpenicker Blutwoche den politischen Gegnern die Knochen zerschlug, bildete sich nicht ein, im Auftrag eines »Absoluten« zu handeln? Dass die neuen Machthaber von dem »Humanismus«, den Curtius als geistige Nahrung im Angebot hatte, keinen Gebrauch machten, sollte nicht dazu verleiten, diesen nachträglich als »Widerstand« zu deuten. Als Curtius 1952 die »Rüge« des Völkischen Beobachters erwähnte, die ihm für die Dauer des Tausendjährigen Reichs den Status einer »Persona ingrata« eingetragen habe, deren Bücher vom Markt verschwunden seien,13 diente dies vor allem der Schaffung einer »Legende«, wie Nerlich zu Recht betont hat.

Curtius konnte all die Jahre unbehelligt sein Professorenamt an der Bonner Universität ausüben und in den akkreditierten Zeitschriften des Faches, allen voran den Romanischen Forschungen und der Zeitschrift für romanische Philologie, veröffentlichen. Der SS-Mann Hermann Grimrath, den er als einzigen seiner Schüler – gewiss nicht wegen besonderer wissenschaftlicher Fähigkeiten – 1941 habilitierte, wurde eingestellt, um »sein Vorzimmer abzuschirmen«.14 Und als kurz nach dem Krieg eine Studie von Walter Müller, einem Schüler von Werner Krauss, über den altfranzösischen »Rosenroman« erschienen war, wurde sie von Curtius ganz auf der Linie seines Büchleins von 1932 geschlachtet. Müllers Untersuchung sei »verfehlt«, heißt es da lapidar, denn was dem »Verfasser am meisten am Herzen liegt«, sei »Ideologienforschung und Soziologismus im Sinne Mannheims«.15

Noch immer kämpfte dieser Humanist an der Front des Kulturhasses. All das zeigt, dass mit der Positionsbezeichnung »altkonservativer Humanist«, die Hans-Otto Dill heranzieht, wenig gesagt ist. Denn je nach Konstellation bedeutet sie Verschiedenes: Im NS-Staat ein konformes Distanzhalten – keine »innere Emigration«, die, wenn der Ausdruck Sinn haben soll, ein Leben im Verborgenen voraussetzt, das sich konsequenterweise auch jeder fachwissenschaftlichen Veröffentlichung enthalten müsste; im Falle der Rezension zu Müllers Studie ein aggressives Urteil bzw. Vorurteil, das einer Exkommunikation gleichkam, die den Autor auf Jahre hinaus an die Peripherie des universitären Feldes verbannte.

Widerspruchsanalyse

Gewiss machte Curtius, wenn er frei schreiben konnte, aus seiner Ablehnung der Nazis keinen Hehl, doch die Beteiligung an einer von dem Romanisten Karl Vossler initiierten Solidaritätsaktion zugunsten des vom Berufsverbot bedrohten Kölner Kollegen Leo Spitzer lehnte er ab – eine »sympathische Anregung«, doch verspreche sie keinen Erfolg, denn nicht nur würden die ihre Chance witternden Nichtordinarien eine »Gegenaktion« einleiten, sondern Spitzer selbst habe »ohnehin Feinde genug«, denn: »Er hat sich allerlei Unvorsichtigkeiten und Torheiten zuschulden kommen lassen.«16 In letzter Instanz also selbst schuld?

Frank-Rutger Hausmann, dem die Erforschung der Romanistik im Faschismus Entscheidendes zu verdanken hat, fasst seine zahlreichen Studien in dem Urteil zusammen: »Die romanistische Zustimmung zum NS-Staat war […] größer als bisher angenommen, die ›Kontamination‹ ihres wissenschaftlichen Kerns reichte tiefer, als bisher vermutet wurde.«17 Das richtet sich gegen die beschönigenden Urteile, die nach 1945 üblich waren, doch unterstellt es ein der Wissenschaft allenfalls äußeres Verhältnis zur Politik, das Formen widersprüchlicher Kooperation, wie sie zwischen 1933 und 1945 der Normalfall waren, nicht erfassen kann. Die medizinische Metapher von der »Kontamination« eines im Prinzip »gesunden« Kerns ist ungeeignet, um die realen Interaktionen ins Bild zu bringen – mit ihrem spezifischen Mischungsverhältnis von Freiwilligkeit und Zwang, angesiedelt auf einer breiten Skala von bedingungsloser Zustimmung bis zu widerwilligem Mittun. Hausmann beobachtet »Zugeständnisse an die NS-Ideologie«, »Anpassungen an den Zeitgeist«, die sich zu »Anbiederungen« oder »ideologischen Entgleisungen« steigern und in »Verstrickungen« enden konnten. Das Woran der Anpassung taucht immer als ein schon Fertiges auf: Es ist die »Ideologie«, die auf der Seite des Faschismus verortet wird. Sie lässt sich nicht als Substanz isolieren, weil sie das gesellschaftliche Leben insgesamt durchdringt, in Form bringt und stets der Reproduktion bedarf – nicht zuletzt unter kräftiger Mithilfe der »Wissenschaft« selbst.

Anmerkungen

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»Je mehr die Nation Masse wird, um so nötiger sind ihr Eliten.« Der Romanist Ernst Robert Curtius (1886–1956) in seiner 1932 veröffentlichten Schrift »Deutscher Geist in Gefahr«

1 Vgl. Frank-Rutger Hausmann: »Vom Strudel der Ereignisse verschlungen«. Deutsche Romanistik im »Dritten Reich«, Frankfurt am Main 2000, S. 419 ff.

2 Wolfgang Fritz Haug: Philosophie im Deutschen Faschismus, in: Deutsche Philosophen 1933. Hg. v. W. F. Haug, Hamburg 1989, S. 7

3 Werner Krauss: Marburg unter dem Naziregime, in: Sinn und Form 35 (1983), H. 5, S. 943 f.

4 Heinrich Lausberg: Ernst Robert Curtius (1886–1956), hg. v. Arnold Arens, Stuttgart 1993, S. 51

5 Michael Nerlich: Romanistik und Anti-Kommunismus, in: Das Argument 72 (1972), H. 3/4, S. 276–313

6 Erich Auerbach: Rezension zu E. R. Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, in: ders.: Gesammelte Aufsätze zur romanischen Philologie, Bern/München 1967, S. 330 f.

7 Ernst Robert Curtius: Büchertagebuch, hg. v. Max Rychner, Bern/München 1960, S. 55 u. 57 f.

8 Nerlich, a. a. O., S. 283

9 F.-R. Hausmann: »Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter« von Ernst Robert Curtius – sechzig Jahre danach, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 35 (1994), S. 293

10 Werner Krauss: Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag (1950), in: ders.: Das wissenschaftliche Werk Bd. 1, hg. v. Manfred Naumann, Berlin/Weimar 1984, S. 48 f.

11 Ernst Robert Curtius: Deutscher Geist in Gefahr, Stuttgart/Berlin 1932, S. 21. 24, 27 u. 80

12 Ebd., S. 84 f. u. 93–95

13 Ernst Robert Curtius: Französischer Geist im zwanzigsten Jahrhundert, Bern/München 1952, S. 527

14 Frank-Rutger Hausmann: »Aus dem Reich der seelischen Hungersnot«. Briefe und Dokumente zur romanistischen Fachgeschichte im Dritten Reich, Würzburg 1993, S. 61

15 Ernst Robert Curtius: Rezension zu F. W. Müller »Der Rosenroman und der lateinische Averroismus des 13. Jahrhunderts«, in: Romanische Forschungen 60 (1947), S. 598 f.

16 Vgl. den Brief an René Janin v. 3.12.1933 aus Colpach/Luxemburg, in: E. R. Curtius: Briefe aus einem halben Jahrhundert. Eine Auswahl, hg. v. Frank-Rutger Hausmann, Baden-Baden 2015, S. 288 f.; Brief v. 30.5.1933, ebd., S. 284 f.

17 Hausmann: »Vom Strudel der Ereignisse verschlungen«, a. a. O., S. XX

Dr. Peter Jehle lehrt als Privatdozent am Institut für Romanistik der Universität Potsdam und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berliner Instituts für Kritische Theorie sowie Mitherausgeber der Zeitschrift Das Argument.

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