Aus: Ausgabe vom 11.03.2017, Seite 1 / Titel

Doppelter Alarm

Fukushima-Jahrestag: Kernkraftgegner blockieren Brokdorf. Fünf AKW wegen Funkkontaktausfalls zu Flugzeug evakuiert

Von Reimar Paul
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Schließung des AKW Brokdorf selbst in die Hand genommen: Kernkraftgegner blockierten am Freitag das Tor

Im schleswig-holsteinischen Atomkraftwerk Brokdorf wurde am Freitag vormittag um halb elf Alarm ausgelöst. Grund war fehlender Funkkontakt zu einem Verkehrsflugzeug im deutschen Luftraum. Insgesamt fünf norddeutsche AKW wurden kurzzeitig evakuiert: Neben Brokdorf auch Brunsbüttel sowie Grohnde, Lingen und Unterweser in Niedersachsen. Nach 20 Minuten gab es wieder eine Verbindung zu dem Flugzeug. Alarm machten am frühen Morgen in Brokdorf auch rund 30 Atomkraftgegner. Der Anlass ihres Protests vor den Toren war der Jahrestag der Katastrophe von Fukushima. Mit Fässern blockierten sie für mehrere Stunden die beiden Zufahrtstore zum Kraftwerk. Die Aktivisten wollten »die Schließung des Atomkraftwerks Brokdorf selbst in die Hand nehmen und die Arbeiten zum Wiederanfahren des Reaktors verhindern«, hieß es in einer Presseerklärung.

Der Meiler an der Unterelbe ist seit Beginn der planmäßigen Jahresrevision am 4. Februar vom Netz. Dabei wurde festgestellt, dass sich an Brennstäben außergewöhnlich dicke Oxidschichten gebildet hatten. Der für die Atomaufsicht zuständige Landesumweltminister Robert Habeck (Grüne) sprach kürzlich von einem ernsten Fall. »Besorgniserregend ist vor allem, dass die Prozesse im Reaktorkern offensichtlich anders ablaufen als erwartet«, sagte er. »Eine so starke Oxidierung in kurzer Zeit sprengt alle bisherigen Prognosen.« Erst wenn die Ursache geklärt sei, könne das AKW wieder anfahren. Eine Ministeriumssprecherin sagte am Freitag, die Ursache sei weiterhin nicht bekannt.

Die Blockierer vor den Toren nannten es einen »Skandal«, dass Brokdorf erst 2021 endgültig abgeschaltet werden soll. Von Atomausstieg könne nicht die Rede sein, »wenn das AKW durch den sogenannten Normalbetrieb Tag für Tag die Umwelt radioaktiv verseucht und die dauernde Gefahr eines Unfalls mit unbeherrschbarer Freisetzung radioaktiver Stoffe besteht«, hieß es mit Blick auf die Atomkatastrophe in Japan vor sechs Jahren. Am 11. März 2011 lösten ein Erdbeben und ein Tsunami den Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi aus. In drei von sechs Reaktoren schmolzen die Kerne, große Mengen radioaktiver Stoffe wurden ins Meer gespült und vom Wind in die Atmosphäre verteilt, weite Gebiete mussten evakuiert werden. Die dreifache Katastrophe forderte mindestens 18.000 Menschenleben. Radioaktive Verseuchung zwang 160.000 Japaner, ihre Häuser zu verlassen. Viele leiden unter Traumata, bei Kindern treten vermehrt Schilddrüsenerkrankungen auf.

Zum Jahrestag des Atomunfalls organisieren Initiativen in rund 100 Orten der BRD Mahnwachen, Demonstrationen und Informationsveranstaltungen. Im Mittelpunkt steht neben dem Gedenken an die Opfer in Fukushima die Forderung nach einem schnelleren Atomausstieg in Deutschland. Die Bundesrepublik sei nach Frankreich immer noch zweitgrößter Produzent von Atomstrom in der EU, sagt Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation »Ausgestrahlt«. Im Wendland hat die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg für Samstag eine Demonstration zu den Atomanlagen im Gorlebener Wald angekündigt. Sie will damit auch ein »Zeichen gegen die Atommüllpläne in Gorleben setzen, die noch lange nicht vom Tisch sind«, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Göttinger Atomkraftgegner wollen als langer Lindwurm verkleidet ebenfalls am Samstag durch die Stadt ziehen. In Hamburg gibt es eine Demonstration gegen Atomtransporte.

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