Aus: Ausgabe vom 09.03.2017, Seite 1 / Titel

»Die Straßen gehören uns«

Millionen demonstrieren und streiken am Internationalen Frauentag gegen Gewalt und Ausbeutung

Von Lola Matamala, Madrid, und André Scheer
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Demonstration zum Internationalen Frauentag am Mittwoch in Diyarbakir in der Türkei

Weltweit haben Millionen Menschen am gestrigen Internationalen Frauentag für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit demonstriert. In diesem Jahr hatten zahlreiche Organisationen vor allem in Europa sowie in Nord- und Südamerika zu einem Frauenstreik aufgerufen, um den Widerstand gegen Benachteiligung und Gewalt sichtbar zu machen. In den wichtigsten Städten Spaniens wurde zu Demonstrationen eingeladen. In Pamplona, Bilbao, Madrid und Plasencia legten Tausende Frauen ab 12 Uhr für eine halbe Stunde die Arbeit nieder.

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Protest mit roten Nelken am Mittwoch vor dem Parlament in Warschau

Die Aktivistinnen der Gruppe »Velaluz« hatten am Dienstag nach einem fast einmonatigen Hungerstreik an der Puerta del Sol im Zentrum von Madrid ihre Protestaktion beendet. Zuvor hatten sich die Parteien im spanischen Parlament auf einen 25-Punkte-Plan geeinigt, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Man werde den Kampf in anderer Form fortsetzen, kündigten Sprecherinnen der Gruppe an: »Die Nacht und die Straßen gehören auch uns – kein Übergriff darf ohne Antwort bleiben!«

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Kundgebung gegen Gewalt an Frauen am Mittwoch vor dem Gesundheitsministerium von Paraguay in Asunción

»Zur Hölle mit dem Patriotismus! Wir brauchen Feminismus!« hieß es in Kiew. Hunderte Ukrainerinnen gingen in der Hauptstadt ihres Landes für die Ächtung von Gewalt gegen Frauen auf die Straße. Zu der Kundgebung hatte unter anderem die Menschenrechtsorganisation Amnesty International aufgerufen. Die Demonstrantinnen forderten die Ratifizierung der sogenannten Istanbul-Konvention des Europarates von 2011 zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt durch das Parlament. Auch Deutschland hat die Konvention noch nicht ratifiziert. Das Bundeskabinett billigte am Mittwoch jedoch einen Gesetzentwurf, der das nachholen soll.

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Feminismus statt Nationalismus: Frauentagsdemonstration in Kiew

In den Kandil-Bergen im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Irak versammelten sich Hunderte Frauen zu einer Kundgebung, um den 8. März zu feiern. Sie protestierten auch gegen die Attacken irakischer Peschmerga auf die Jesiden in Sindschar. Diese seien ein Angriff auf alle Kurdinnen, betonten Rednerinnen und warfen dem Chef der irakischen Kurdenpartei KDP, Masud Barsani, vor, die Übergriffe mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan koordiniert zu haben.

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In Islamabad protestierten Frauen am 8. März gegen ihre Diskriminierung

Erdogan selbst rühmte sich in einer Stellungnahme zum Frauentag der Erfolge seiner Regierung bei der Ächtung von Gewalt. Am gestrigen 8. März attackierten jedoch mutmaßliche Islamisten eine Frauentagskundgebung an der Bilgi-Universität in Istanbul, wie die Hürriyet Daily News meldete. Ebenfalls am Mittwoch wurden in Kayseri zwölf Lehrerinnen in Haft genommen, denen die Anklage Verbindungen zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen vorwirft.

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Polizisten gingen in Manila gegen eine Frauentagsdemonstration gegen den US-Imperialismus vor

Demonstrationen zum Frauentag waren auch in Rom vorgesehen, wo sich Tausende am Kolosseum versammeln wollten. In Athen wurde zu einer gemeinsamen Protestaktion griechischer und geflüchteter Frauen mobilisiert. In Dublin wollten Frauen über die O’Connel-Brücke ziehen, um für die Legalisierung und staatliche Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu demonstrieren. Viele Teilnehmerinnen wurden zum Beispiel auch in Bogotá, Asunción und Buenos Aires erwartet. In Südamerika gehen seit Monaten Hunderttausende Menschen gegen die anhaltende Gewalt und Morde an Frauen auf die Straße. In Brasilien blockierten rund 1.500 Aktivistinnen der Landlosenbewegung MST am Mittwoch eine Fabrik des Düngemittelherstellers Vale Fertilizantes in Curabao bei São Paulo, um die Folgen des Einsatzes von Giften in der Landwirtschaft auf ihr Leben anzuprangern.

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