Aus: Ausgabe vom 07.03.2017, Seite 1 / Ausland

»Bruderkrieg« mit deutschen Waffen

Kurden gegen Kurden: Im Nordirak fliehen wieder Zivilisten vor den Kämpfen

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Ausbildung kurdischer Peschmerga durch Bundeswehr-Soldaten. Die Waffen werden nun nicht gegen den IS eingesetzt, sondern gegen andere kurdische Gruppen

Im Norden des Irak sind wieder zahlreiche Zivilisten auf der Flucht. In der mehrheitlich von Jesiden bewohnten Region um das Sindschar-Gebirge kommt es seit Tagen zu Kämpfen zwischen Milizen der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) und Kämpfern der Sindschar-Verteidigungseinheiten (YBS). Während die PDK des Präsidenten der kurdischen Autonomieregion, Masud Barsani, mit der Türkei verbündet ist und offenbar auch Agenten Ankaras in ihren Reihen agieren, bilden die YBS ein Bündnis mit den kurdischen Einheiten der YPG in Syrien und der PKK in der Türkei. Diese Allianz geht auf den Widerstandskampf der Jesiden gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) 2014 zurück. Damals hatten sich die irakische Armee ebenso wie die Peschmerga der Autonomieregierung vor den IS-Kämpfern zurückgezogen. Es waren schließlich vor allem die PKK und die YPG, die Tausende Jesiden vor einem Massaker durch die Dschihadisten retteten und den IS zurückdrängten.

In der Folge bildeten die Jesiden eigene Einheiten, die YBS. Diese befreiten unter anderem die Kleinstadt Khanasor. Dort eskalierte nun die Situation. Wie das Nachrichtenportal Ezidi Press am Sonntag berichtete, sollten die PDK-Peschmerga die Verwaltung in Khanasor übernehmen. Dem widersetzten sich die YBS.

Augenzeugenberichten zufolge verwenden die Peschmerga in diesem »Bruderkrieg« deutsche Waffen und Panzerfahrzeuge vom Typ »Dingo«. Die der PDK nahestehende Nachrichtenagentur Rudaw verbreitete Fotos, auf denen deutsche G-36-Gewehre zu sehen sind. Ezidi Press kommentierte: »Die Peschmerga setzten unter anderem die aus Deutschland gelieferten Waffen ein und töteten mindestens fünf Jesiden. Waffen, die die Bundesregierung an die Peschmerga lieferte, damit diese die Jesiden verteidigen, wie der Bruch mit der bis dahin geltenden deutschen Doktrin, keine Waffen in Krisenregionen zu liefern, begründet wurde. Nun wurden dieselben Waffen, wie von nicht wenigen befürchtet und vorausgesehen, gegen die Jesiden selbst gerichtet.« (jW)

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