Aus: Ausgabe vom 04.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

»Wir brauchen ein Wort neben Opfer«

Von Vergewaltigung sprechen. Ein Interview mit Mithu M. Sanyal

Interview: Peter Merg
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Selbst entscheiden können: Aktivistin bei Protesten gegen Vergewaltigung in Rio de Janeiro im Juni 2016

In der Ausgabe der taz vom 11./12. Februar veröffentlichten Mithu M. Sanyal und Marie Albrecht einen Artikel , in dem sie den Begriff »Opfer« im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt problematisierten. Er lege die Betroffenen dauerhaft auf die passive Rolle der Vergewaltigten fest. Sie schlugen als eine mögliche ergänzende Alternative die Formulierung »Erlebende sexualisierter Gewalt« vor, um den Betroffenen die Deutungsmacht über ihre Erfahrungen zurückzugeben. Wenige Tage später erschien auf dem feministischen Blog Störenfriedas ein offener Brief, in dem dessen Redaktion sowie andere feministische Aktivistinnen gegen den Beitrag protestierten. Die Zeitschrift Emma berichtete über den Brief und kritisierte die Kulturwissenschaftlerin Sanyal ebenfalls heftig. In der Folge wurde auf rechten Internetseiten ihre Adresse veröffentlicht, sie erhielt eine Flut von Zuschriften mit Beschimpfungen und Vergewaltigungsdrohungen. Zugleich erschienen in Zeitungen von taz bis Zeit und auf feministischen Blogs (u. a. Mädchenmannschaft) eine Vielzahl von Beiträgen, die Sanyals und Albrechts Thesen eingehend diskutieren. (jW)

Hat Ihr Artikel in der taz, den Sie mit Marie Albrecht verfasst haben, die Diskussion über das Sprechen über sexualisierte Gewalt angeregt, die Ihnen notwendig erscheint?

Die Diskussion, die mir über sexualisierte Gewalt notwendig erscheint, geht natürlich viel weiter. Der absurde Effekt ist, dass dieser Artikel, der wohl nicht weiter beachtet worden wäre, durch den Shitstorm große Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich erhalte jetzt beispielsweise Einladungen ins Radio, um über den Opferbegriff zu diskutieren. Es wurde insgesamt viel über das Thema berichtet, und es gab ganz unterschiedliche Reaktionen – mittlerweile ja auch viele positive. Etwa der bewegende Artikel von Marion Detjen in der Zeit und vor allem der großartige Blog von Hannah C. bei der Mädchenmannschaft. Das ist natürlich bestärkend.

Ihnen wurde vorgehalten, die Formulierung »Erlebende sexualisierter Gewalt« sei eine Verharmlosung, würde ein schreckliches Verbrechen wertfrei fassen. Andere empfinden den Begriff »Erlebnis« sogar als positiv konnotiert. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Das ist eine Gefahr, die mir vorher nicht klar war. Und diese Kritik nehme ich mir natürlich zu Herzen. Doch man muss erst mal etwas in die Welt stellen, um zu sehen, ob es funktioniert und ob man es besser machen kann. Die Formulierung war ein Vorschlag, um weiter reden zu können. Unser Anliegen war, ein Wort zu finden, mit dem Betroffenen nicht für den Rest ihres Lebens eine Rolle zugeschrieben wird. Wir hatten gehofft, dass mit der Umschreibung »Erlebende sexualisierter Gewalt« die Definitionsmacht wieder bei den Betroffenen liegt. Wir werden niemals einen Begriff finden, mit dem wir alle glücklich sind. Aber vielleicht finden wir zwei oder drei, die praktikabel sind.

Sie möchten an dem Formulierungsvorschlag nicht festhalten?

Nach der Kritik würde ich ihn auf jeden Fall zurückziehen. Ich finde trotzdem, wir brauchen ein weiteres Wort neben Opfer. Ein Wort, das neutraler ist, das den Menschen die Kontrolle über das gibt, was ihnen geschehen ist. Wenn wir über Menschen mit entsprechenden Erfahrungen reden, dann möchte ich einen Begriff haben, von dem die sagen, sie fühlen sich richtig beschrieben. Man muss dazu sagen, dass ich auch viele Zuschriften von Menschen bekommen habe, die gesagt haben, der Begriff sei für sie extrem entlastend, sie finden das wichtig. Aber wenn mir Leute sagen, »das verletzt mich«, dann werde ich darauf bestimmt nicht bestehen.

Viele Ihrer Kritiker hat der Vergleich einer Vergewaltigung mit einem Verkehrsunfall aufgebracht. Nun sind das zwei verschiedene Dinge.

Ich sage auch nicht, dass eine Vergewaltigung dasselbe ist wie ein Autounfall, sondern worauf ich aufmerksam machen möchte, ist, dass wir sexualisierter Gewalt einen ganz besonderen Rang einräumen. Da wird gesagt, das ist ganz anders als alles andere. Wenn ich einen Autounfall habe, sagt mir jeder »Setz dich direkt wieder ans Steuer!« Wenn ich eine Vergewaltigung erlebt habe, sagt mir jeder »Verlasse erst einmal das Haus nicht«. Das sind beides Strategien, die hilfreich sein können, aber es kann auch das Gegenteil der Fall sein. Wenn wir etwas verarbeiten, das uns zugestoßen ist, müssen wir selbst entscheiden können, auf welche Ressourcen wir zurückgreifen. Ein entscheidender Unterschied zur Vergewaltigung ist: Wenn ich einen Autounfall hatte, ist das keine Identitätszuschreibung.

Wie meinen Sie das?

Man würde niemanden nach fünf Jahren noch als das Opfer eines Autounfalls bezeichnen. Ein Vergewaltigungsopfer bleibt es den Rest seines Lebens. Daran gibt es eine lange feministische Kritik. Außerdem wird von Opfern erwartet, dass sie immer komplett hilflos sein müssen. Bei Menschen, die nicht in dieses Bild passen, wird schnell gesagt: »Dann ist wohl nichts passiert«.

Was war der Ausgangspunkt für Ihren Artikel?

Der Ausgangspunkt war eine Lesung im taz-Café. Dort haben Menschen, die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, gesagt, dass sie nicht »Opfer« genannt werden möchten. Da stellte sich dann die Frage: Was sagt man statt dessen?

Wichtig ist, in welchem Kontext diese Menschen nicht als Opfer bezeichnet werden wollen. Es ging natürlich nicht darum zu sagen, während der Taten seien sie keine Opfer geworden, und es ging auch nicht darum zu sagen, bei Gerichtsprozessen sollte man nicht mehr von Opfern und Tätern sprechen.

Das heißt, Sie wollen den Opferbegriff nicht verwerfen, wie Ihnen zum Teil unterstellt wird?

Nein, überhaupt nicht! In dem Artikel steht das auch explizit. Wir wollen »Opfer« nicht streichen oder ersetzen, es ging uns nur darum, dass ein weiteres Wort nötig ist.

Wie kamen Sie auf den Vorschlag »Erlebende sexualisierter Gewalt«?

In den 90er Jahren hat sich das Wort »Überlebende« etabliert. Allerdings hat es sich im Englischen besser durchgesetzt, in Deutschland denkt man bei »Überlebenden« in erster Linie an Überlebende des Holocausts. Deshalb haben wir gesagt, nehmen wir doch aus »Überlebende« das »Über« raus und machen daraus »Erlebende«. Der Gedanke war, damit knüpfen wir an einen Begriff an, der bereits etabliert ist. Aber auch, weil wir dachten, dass ein Erlebnis erst einmal noch nichts aussagt, es braucht ein Adjektiv, um zu einem schrecklichen Erlebnis zu werden. Wir haben dabei nicht an »Erlebnisbad« und Vergnügungspark gedacht, wie uns vorgeworfen wurde. Das ist doch klar.

Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin. Sie ist Autorin der Bücher »Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens« (2016) und »Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts« (2009). Sie schreibt unter anderem für Missy Magazine, taz und junge Welt.

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