Aus: Ausgabe vom 01.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Einheit der Widersprüche

Eine Tagung zu Ehren des Kommunisten und Philosophen Hans Heinz Holz. Von Daniel Bratanovic

Von Daniel Bratanovic
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Eine auf Konkurrenz gegründete Gesellschaft zerfällt notwendig in Partikularismen und Interessengegensätze. Die von ihr ausgehende Zurichtung der Subjekte verengt die Perspektive und macht borniert. Schwer, da die Übersicht zu wahren und den Zusammenhang, ja, das Ganze im Blick zu behalten. Es verhält sich in etwa so, als schaute das beschädigte Leben in einen beschädigten Spiegel: Ein einheitliches Bild will sich nicht herstellen. Wer jedoch genau das einfordert, wie der Philosoph Hans Heinz Holz das getan hat, steht vor Problemen. Denn darauf folgt, dass die Philosophie die zersplitterte Welt gedanklich nicht einfach abbilden und reproduzieren darf, sondern den Gesamtzusammenhang, wie Friedrich Engels das genannt hat, darstellen muss. Diesen Zusammenhang aber – eine unendliche Vielheit der Gegenstände und ihrer Relationen – kann ein begrenztes Einzelwesen nicht erfahren, er liegt jenseits der Empirie und muss daher begrifflich konstruiert werden. Da das Unendliche keinen direkten Ausdruck haben kann, bedarf es einer Metapher. Für Holz war das der Spiegel – das metaphorische Modell eines universellen Zusammenhangs »von allem mit allem«.

Das ist in aller Kürze der Ansatz, den der 2011 verstorbene marxistische Meisterdenker bis zuletzt vertrat und über den lustvoll zu streiten die Gesellschaft für dialektische Philosophie und die Deutsche Kommunistische Partei am vergangenen Wochenende aus Anlass seines 90. Geburtstags in die Berliner Urania geladen hatte. Man kam also nicht bloß zusammen, um Holz zu loben. Es sollte widersprochen werden, was ihm, der wie kaum ein anderer über »Einheit und Widerspruch« nachgedacht hat, sicherlich gefallen hätte.

Ein auf der Tagung früh vorgebrachter Einwand ging so: Metaphern müssen stimmig und präzise sein. Trifft das auf den Spiegel zu? Spiegel nämlich, wandte Hans-Joachim Petsche von der Universität Potsdam ein, sind blind. Das Bild entsteht im Kopf des Betrachters, der Spiegel, eine »tote Mitte«, wirft nur weiter. Es sei also problematisch, ihn ohne das Medium zu denken, in das er reflektiert. Außerdem komme eine Spiegelung ohne Licht gar nicht erst zustande. Zudem mangele es der Spiegel-Metapher ganz allgemein an Historizität und Entwicklungsdialektik. So plausibel diese Kritik im einzelnen ist, es ist fraglich, ob eine Metapher mit solcherlei Anforderungen an Stimmigkeit nicht schlicht überfrachtet wird. Andreas Hüllinghorst, Holz-Schüler und Petsches Kontrahent, entgegnete gleichsam metaphorisch: »Während ich mit diesem Ansatz erst einmal das Fundament des Hauses legen möchte, kommen Sie schon mit dem Umzugswagen vorgefahren.«

Durchaus ähnlich verlief der Streit im zweiten der nach dem Prinzip Rede und Gegenrede strukturierten Panels der Veranstaltung. Das Thema: »Kann die Welt gedacht werden?« Die Restituierung oder Rehabilitierung der Metaphysik, die Holz anstrebte, darf unter Marxisten als Skandal gelten. Jan Loheit von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) erinnerte an Marx und Engels, die in der »Deutschen Ideologie« kategorisch verkündet hatten, nur noch eine einzige Gesellschaftswissenschaft, nämlich die der Geschichte zu akzeptieren. Für jemanden wie Antonio Gramsci, argumentierte Loheit, müsse der Anspruch einer außerhalb von Raum und Zeit stehenden Philosophie, wie sie die Metaphysik repräsentiere, suspekt klingen. Modelle haben sich konkret-historisch zu bewähren, von der Geschichte getrennte Begriffe besäßen keinen Wert. Martin Küpper, ebenfalls von der Universität Potsdam, verteidigte die Holz-Linie. Der Problembestand der alten Metaphysik bleibe erhalten. Die Welt könne immer nur im Modus des Begriffs gedacht werden. Ein weiterentwickelter metaphysischer Ansatz reflektiere das Zusammenwirken der materiellen Verhältnisse, die Metaphysik sei, um mit Bloch zu sprechen, die Wissenschaft der Formbestimmungen des Seins. Wie sich aber Bewegung und Modell zusammendenken lassen, blieb eine offene Frage.

Holz war auch ein profunder Kenner der bildenden Künste, wie das dritte Panel zeigte. Hans Jörg Glattfelder, Künstler aus der Schweiz, verwies darauf, dass der Konstruktivismus mit seinen logisch-mathematischen Formen sehr wohl realistisch sein könne. Die komplexe industrielle Produktionsweise mit ihren ununterbrochenen unsichtbaren Datenströmen verlange ein hohes Maß an Abstraktionsleistung und könne schlicht nicht mehr unmittelbar sinnlich ausgedrückt werden. Daraus erwachse das Bedürfnis nach einer neuen Darstellung der Realität. Alfred J. Noll aus Wien ergänzte – gestritten wurde in diesem Panel nicht –, dass Holz die Möglichkeit einer allgemeinen Ästhetik skeptisch sah. Sie sei nur auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau möglich und laufe deshalb aber Gefahr, den Bezug zum konkret-sinnlichen Kunstwerk zu verlieren. Zudem sei der Gegenstand der philosophischen Erkenntnis das Allgemeine, die Ästhetik repräsentiere aber das Besondere. Das unterscheidet beide grundsätzlich voneinander.

Besonderheit und Allgemeinheit praktisch zu versöhnen ist wiederum die Aufgabe der Kommunisten. Und so lagen denn auch die Vertreter dreier kommunistischer Parteien, die zuletzt aufgeboten wurden, keineswegs im Hader miteinander. Ganz im Sinne von Holz waren sie darin einig, dass die Arbeiterklasse noch immer berufen sei, das alte Elend zu beseitigen und das Bonum commune, das allgemeine Wohl, Wirklichkeit werden zu lassen. Einig überdies auch darin, dass die politische Organisation der Kommunisten »der Ort der realen Vermittlung von Theorie und Praxis« sei. Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, der zusammen mit Hannes Fellner von der österreichischen Partei der Arbeit und Gazi Ates von der türkischen EMEP diskutierte, blieb, ohne den Zustand seiner Organisation zu beschönigen, darin unnachgiebig. In dem Geehrten fand Köbele dafür einen revolutionären Gewährsmann: »Hans Heinz Holz glühte vor historischem Optimismus, und den brauchen wir auch gegen die drohende Barbarei.«

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