Aus: Ausgabe vom 16.02.2017, Seite 12 / Thema

Erkenntnis oder Delegitimierung?

Zur Lage der Forschung über die Deutsche Demokratische Republik. Ein offener Brief an Ulrich Mählert, den Herausgeber des Sammelbandes »Die DDR als Chance«

Von Vladimiro Giacché
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Das soziale Leben sowie Aspekte der wirtschaftlichen Organisation spielen in der Forschung zur DDR nur eine untergeordnete Rolle – Walter Womackas Fensterbild am ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR in Berlin, dem heutigen Sitz der European School for Management and Technology

Wir dokumentieren im folgenden einen offenen Brief des italienischen Ökonomen Vladimiro Giacché, dem Leiter des Centro Europa Ricerche in Rom, an Ulrich Mählert, den Leiter des Arbeitsbereichs Wissenschaft und internationale Zusammenarbeit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. (jW)

Sehr geehrter Prof. Mählert,

Ich will zunächst meine Dankbarkeit für das von Ihnen herausgegebene Buch »Die DDR als Chance« aussprechen. Es handelt sich um ein sehr lobenswertes Werk, bietet es doch die Gelegenheit, durch die Beiträge verschiedener Geschichtswissenschaftler die Lage der DDR-Forschung zur Kenntnis zu nehmen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um eine offene Debatte über deren Aussichten zu beginnen.

Diese Zeilen sind meinen persönlicher Beitrag zu dieser Debatte. Sie folgen einem besonderen Gesichtspunkt: Ich bin in der Tat kein Deutscher (obwohl ich mein Studium teilweise in Bochum vollbracht habe) und auch kein Geschichtswissenschaftler von Beruf. Ich bin im Finanzbereich tätig und Vorsitzender eines ökonomischen Forschungszentrums in Rom. Vor einigen Jahren habe ich ein Buch über die in Ihrer Publikation als »Transformationsphase« (S. 26 f.) bezeichnete Zeit verfasst. Darin habe ich versucht, eine Frage zu beantworten, die auch im Beitrag von Eckhard Jesse zu finden ist: »Zu den Folgen der friedlichen Revolution zählt die schnelle deutsche Einheit. Welche Faktoren – und in welcher Gewichtung – trugen dazu bei: ökonomische, (außen-)politische, kulturelle?« (S. 127). Meine Antwort lautet: hauptsächlich der ökonomische Faktor, genauer der währungspolitische. Die Währungsunion hat die deutsche Einheit enorm beschleunigt, aber zugleich ist sie, ihrer Modalitäten (Wechselkurs) und abrupter Verwirklichung wegen, eine bedeutende Ursache der noch fortwährenden ökonomischen Probleme, die die sogenannten neuen Bundesländer belasten. Insofern kann man aus der deutschen Währungsunion auch wichtige Lehren für das Verständnis der heutigen Probleme der europäischen Währungsunion ziehen.

Aber ich schreibe nicht, um von meinem Buch zu sprechen, sondern um Ihnen einige Überlegungen zu übermitteln, die »Die DDR als Chance« ausgelöst hat. Das von Ihnen herausgegebene Buch ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte die große Fragen und Probleme der historischen Methodologie thematisieren kann.

Probleme des Diktaturbegriffs

Ein ernstes Problem, im Fall der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR, ist schon das der Definition. In Ihrem einleitenden Beitrag bemerken Sie richtig: »Für einige gesellschaftliche Protagonisten der SED-Aufarbeitung war und ist es unerträglich, wenn der DDR ein anderes Etikett als ›Unrechtsstaat‹ angeheftet wird.« (S. 15) Ich habe damit im Einklang auch einige Überlegungen von Jürgen Kocka gefunden (S. 132 f.) sowie seine Erwähnung der Stellungnahme von Ernst-Wolfgang Böckenförde (»Rechtsstaat oder Unrechtsstaat«, FAZ vom 12.5.2015). Ich bin aber der Meinung, dass wir es hier mit einem allgemeineren Problem zu tun haben, nämlich mit der Tauglichkeit bzw. Zulänglichkeit des »Diktatur«-Begriffes als Definition und damit als Ausgangspunkt für das Verständnis der DDR als Objekt der historischen Betrachtung (Definieren heißt immer Ab- und Eingrenzen, etwas innerhalb bestimmter Rahmen einzuschließen). Nun, der definitorische und begriffsbildende Gebrauch des Wortes »Diktatur« hat schwerwiegende methodologische Voraussetzungen, angefangen bei der zentralen Bedeutung der politischen Struktur für die Definition einer Gesellschaft (Marxisten hätten etwas dagegen zu sagen, Strukturalisten vermutlich auch).

Ebenso fraglich ist der politische Zweck des Gebrauchs des genannten Begriffs als offizielle und einzige angemessene Definition der DDR, geht es doch darum, diesen Staat zu »delegitimieren«. Es ist bekanntlich dasselbe Ziel, das der ehemalige Justizminister Klaus Kinkel der Justiz gegeben hatte. Ein solches wird nicht zufällig von Thomas Großbölting in seinem Beitrag als eines der Hauptziele der DDR-Forschung in den Jahren nach der Vereinigung erwähnt (S. 101). Es ist aber sehr zweifelhaft, ob die Aufgabe der historischen Forschung die Delegitimation des beforschten Objektes sein kann; ich bin geneigt zu sagen, dass ihre Aufgabe dessen Erkenntnis ist.

Der ständige, sogar rituelle Gebrauch des Diktaturbegriffs (»SED-Diktatur«) im Fall der DDR ist besonders für Ausländer befremdend. Man ist nicht gewohnt von »PVAP-Diktatur« in Polen sprechen zu hören oder von »KPdSU-Diktatur« in der Sowjetunion, etc.

Was die Ideengeschichte betrifft, ist es von Interesse zu bemerken, wie das Ende der DDR von der Wiederbelebung jenes Begriffs des Totalitarismus begleitet wurde, der in den sechziger Jahren an Einfluss verloren hatte (so Arnd Bauerkämper, S. 75). Aber, wie von Bernd Faulenbach bemerkt: »Inwieweit die Totalitarismustheorie, die in den frühen 1990er Jahren ein Revival erlebte, geeignet ist, die DDR zu erfassen, war schon in der Bundestags-Enquetekommission 1993 zwischen Horst Möller auf der einen und Jürgen Kocka auf der anderen Seite umstritten« (S. 80). Ich glaube, dass der Totalitarismusbegriff eben am Beispiel der DDR-Forschung gescheitert ist. In dieser Richtung ist auch eine Aussage Kockas in Ihrem Buch zu deuten (siehe S. 133).

Sind wir daher sicher, dass die Forschung über die Geschichte der DDR in erster Linie deswegen wichtig sei, weil sie »einen Beitrag zur Geschichte von Diktaturen als ›Erfahrungsgeschichte‹« leistet (Katrin Hammerstein und Edgar Wolfrum, S. 115), oder dass die »historische Asymmetrie« zwischen BRD und DDR »auch normativ vorhanden« sei und es deshalb »um Demokratie und Diktatur« (S. 119) gehe? Ich bin demgegenüber eher skeptisch.

Der totalisierende Begriff von Diktatur hat aber nicht nur die geschichtliche Forschung geprägt (und auf dieser Ebene schwere Folgen mit sich gebracht), sein Gebrauch und die damit verbundene pauschale Ablehnung jedes Aspektes des Soziallebens in der DDR haben auch dazu beigetragen, die Integration der DDR-Bürger zu erschweren und eine Art Ausgrenzungsgefühl zu verbreiten (nicht ohne groteske Zuspitzungen; man denke etwa an die berüchtigte »Verzwergungsthese« Arnulf Barings, die in Ihrem Buch berechtigterweise von Peter Steinbach angegriffen wird, S. 193).

Ich finde u. a. auch deswegen Martin Sabrows Gebrauch nietzscheanischer Kategorien, die er für eine Charakterisierung der verschiedenen Betrachtungen zur Geschichte der DDR benutzt, faszinierend; wobei die von der SED selbst genährte »monumentalische Historiographie« durch ihr Gegenteil ersetzt wurde, und zwar durch eine »kritische Geschichtsschreibung, die in erster Linie auf Verurteilung der Vergangenheit abzielt und deren Erinnerungswert auf ihren Untergang beschränkt«; Sabrow ist der Meinung, dass auch diese zweite Art Geschichtsschreibung sich »in der Folgezeit als wissenschaftlich steril« erwiesen habe (S. 181).

Einseitige Ausrichtung

Ein gutes Beispiel für die Schranken des »kritischen« Ansatzes ist die sehr üppige Bibliographie über die Geheimdienste der DDR. Die Forschung zu diesen war, durch die »fast ohne jede Sperrfrist einsehbaren Akten« begünstigt, der »Klondike der zeithistorischen Forschung« (S. 10), was zweifellos fernsehtaugliche »Sensationsentdeckungen« ermöglichte. Hier ist eine einseitige Historiographie entstanden, die auf einem äußerst asymmetrischen Quellenzugang basiert, da die Akten der westlichen Geheimdienste lange Zeit geheim waren und in nicht unerheblichem Maße noch heute geheim sind. Es ist natürlich leicht, die Sicherheitsmaßnahmen der DDR als »paranoid« zu bezeichnen. Aber eine gewisse Umsicht würde Zurückhaltung empfehlen, zumindest bis zum Zugang zu den Akten des westlichen »Vetters« des MfS.

Die Stasi-Allgegenwärtigkeit, die die posthume Behandlung der Geschichte der DDR charakterisiert hat, ist zweifellos politisch und in bestimmten Fällen auch menschlich zu verstehen. Die durch das Bevorzugen dieser »geheimdienstlichen« Dimension der DDR-Geschichte entstehenden Verzerrungen sind gut im von Dierk Hoffmann, Michael Schwartz und Herrmann Wentker verfassten Artikel belegt. Die Autoren stellen zu Recht fest: Es »wären sozial- und kulturgeschichtliche Studien zur Professorenschaft nach 1971, zu den Lehrern an den Polytechnischen und Erweiterten Oberschulen und zu den Ärzten in den Krankenhäusern der entwickelten DDR, die bisher vornehmlich im Hinblick auf ihre Stasi-Verstrickungen untersucht worden sind, von erheblichem Interesse« (S. 33). Und wenn Martin Sabrow die Bundesstiftung Aufarbeitung dafür lobt, »zwanzig Jahre später die Aufmerksamkeit der Forschung stärker auf die SED statt auf das MfS zu lenken« (S. 184), bin ich gar nicht sicher, dass es sich um ein echtes Lob handelt …

Dieser Aspekt ist äußerst wichtig, und nicht nur um eines geschichtsmethodologischen Standpunktes willen. Im Grunde genommen handelt es sich um dasselbe Problem wie das in Mary Fulbrooks Aufsatz behandelte, wobei die englische Historikerin gegen Hoffmann, Schwartz und Wentker den Vorwurf erhebt, einen normativen Gesichtspunkt vorzuschlagen, nach dem das Normalitätskriterium Westdeutschland sei. Wie auch immer ihr Vorwurf zu beurteilen sei, sie hat recht wenn sie die folgende Voraussetzung für problematisch hält: »Es gibt einfach keine nicht-normative bzw. absolute Definition dessen, was als gesellschaftliche ›Normalität‹ beschrieben werden könnte« (S. 90).

Sich so zu äußern, heißt weder den Werturteilen jede Legitimation zu entziehen noch alle Gesellschaften gleichzusetzen. Es heißt etwas anderes: Die Werturteile sollen nach der Erkenntnis kommen und nicht die Erkenntnis behindern (einige wohlbekannte Urteile von Hans-Ulrich Wehler sind m. E. ein gutes Beispiel der exzessiven Vereinfachungen, die das Überwiegen von Werturteilen mit sich bringt: jene »Engführung von Wissenschaft, Politik und Moral«, die Sabrow berechtigt als besorgniserregend betrachtet [S. 184]). Um es wieder mit Sabrow auszusprechen: »Zeitgeschichte als wissenschaftliche Disziplin ist keine moralische Anstalt. Sie dient weder der volkspädagogischen Belehrung noch der geschichtspolitischen Genugtuung, sondern der historischen Erkenntnisgewinnung. Es scheint mir, dass gerade der Verzicht auf diese klare Grenzziehung die DDR-Geschichte zu einem Problemfall des Faches zu machen droht und in die Gated community einer fachlichen Selbstgenügsamkeit schickt« (S. 183). Es ist kein Zufall, wie ich glaube, wenn auf diese Textstelle ein »Plädoyer für ein entschlossenes Streben nach Entlassung der DDR-Forschung aus allen konjunkturstützenden Maßnahmen außerwissenschaftlicher Akteure« (S. 183) folgt.

Die DDR ist schon seit mehr als 25 Jahren Vergangenheit. Dieser zeitliche Abstand sollte einen »Sine ira et studio«-Ansatz (Ohne Zorn und Eifer, jW) zum Thema ermöglichen. Auf dieser Möglichkeit beruht, zumindest teilweise, was Sie mit Recht als das »beachtliches Forschungspotential« der DDR betrachten (S. 21).

Forschungsdesiderate

Was die Felder betrifft, die noch zu erforschen sind, kann meine Meinung wie folgt zusammengefasst werden.

Zuerst möchte ich aber festhalten, dass ich nicht mit Eckhard Jesses Meinung einverstanden bin, dass »weniger Deskription, mehr Interpretation« die richtige Parole sei (S. 129). Es fehlen uns noch sehr viele Deskriptionen, wobei viele laufende Interpretationen unzureichend begründet scheinen.

Ich versuche, einige Argumente vorzubringen, die teils im Einklang mit Vorschlägen stehen, die das von Ihnen herausgegebene Buch enthält.

– Die DDR im Verhältnis mit anderen sozialistischen Ländern und Bewegungen als Teil der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert aufgefasst: In dieser Hinsicht bin ich mit Ihren Bemerkungen einverstanden (S. 18) sowie mit Bernd Faulenbach (S. 82). Ich teile auch die von M. Müller-Zetzsche und Ulrich Pfeil ausgedrückte Meinung, dass »die DDR-Forschung im Rahmen eines transnationalen Ansatzes ein fruchtbares Feld für eine vergleichende Kommunismusforschung werden« könnte (S. 163).

– Mit großem Interesse habe ich auch den Vorschlag von Matthias Middell aufgenommen, die Geschichte der DDR als Teil einer »roten Globalisierung« (S. 150 f.) zu betrachten, sowie seine faszinierende theoretische Voraussetzung: die Idee einer pluralen Globalisierung, d. h. die Anwendung verschiedener Internationalisierungsmodelle; eine Idee, die der vorherrschenden Philosophie der Geschichte widerspricht, die die Globalisierung als Einbahnstraße betrachtet (S. 152 f.).

– Von Interesse ist auch der Vorschlag, die Geschichte der DDR noch stärker in den Kontext der europäischen Geschichte zu stellen (Bernd Faulenbach, S. 79), und damit in den Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts (Andrew Port, S. 167); der von Andrew Port gegen die DDR-Historiographie erhobene Provinzialismusvorwurf (ebd.) ist überlegenswert, wenn man ihn nicht undifferenziert anwendet. Es ist durchaus verständlich, dass Teile der politischen bzw. intellektuellen Welt der BRD die Gelegenheit einer endgültigen Abrechnung mit der DDR als eine Priorität aufgefasst haben. Das macht aber die entsprechenden geschichtswissenschaftlichen (oder besser publizistischen) Beiträge nicht besser.

– Mehr Aufmerksamkeit sollte auf das soziale Leben in der DDR gerichtet werden. Die im Buch erwähnte Behandlung (nur) des Themas »Flucht aus der DDR« in der Doppeljahrgangsstufe 7/8 (Hoffmann, Schwartz und Wentker, S. 66) ist unbewusst paradigmatisch: Sehr oft wird der Flucht aus der DDR mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Leben in der DDR.

– Vor dem Hintergrund meines überwiegenden Interesses für ökonomische Prozesse finde ich, dass unter den sozialen Akteuren die Staatliche Plankommission (SPK) mehr Aufmerksamkeit verdient, wie von Hoffmann, Schwartz und Wentker vorgeschlagen (S. 28 f.), und im allgemeinen die Wirtschaftsverwaltung, wie Thomas Großbölting meint (S. 102). Hinzuzufügen wären auch die Kombinats- bzw. VEB-Manager. Ihre nicht so zahlreichen Erinnerungen sind manchmal äußerst interessant – zwei gute Beispiele dafür sind die Bücher von Karl Döring (»EKO – Stahl für die DDR, Stahl für die Welt«, Edition Berolina, Berlin 2015) und Werner Bahmann (»Gewonnen, und doch verloren. Erinnerungen eines DDR-Chefkonstrukteurs oder warum die Berliner Werkzeugmaschinenfabrik von der Hamburger Körber AG liquidiert worden ist«, Verlag am Park, Berlin 2008). Dieses Genre kann m. E. wichtige Beiträge zur Erkenntnis der ökonomischen und sozialen Lage der DDR im Laufe der Jahrzehnte leisten. Übrigens wird die Forderung, »die Lenkung der DDR-Wirtschaft nicht nur aus der Perspektive der Zentrale zu betrachten, sondern auch ›von unten‹, also aus der Perspektive der Kombinate und Volkseigenen Betriebe«, ausdrücklich von Hoffmann, Schwartz und Wentker hervorgehoben (S. 37). Es würde sich m. E. lohnen, soziologische Forschungen zu diesen eigenartigen »Managern« anzustellen, die zu oft im vereinten Deutschland vernachlässigt – wenn nicht verachtet – worden sind. Wer waren sie? Was war ihre soziale Herkunft? Was haben ihre Lebensläufe gemeinsam? Und welche Tätigkeiten haben sie nach der Vereinigung ausgeführt?

– Viele ehemalige DDR-Bürger haben ihre Lebenserfahrung nach dem Ende der DDR aufgearbeitet, und zwar beim Schreiben. Wie ich erfahren habe, gibt es sogar Vereine, die sich damit beschäftigen (so etwas ist in Italien undenkbar). Diese Memoiren können ein sehr wichtiges Material für die Historiker sein und sollten gefördert, aufbewahrt und genutzt werden. Man sollte sich zwar immer bewusst sein, dass die geschichtliche Tragweite solcher Memoiren ihre Grenzen hat und sie die geschichtliche Forschung nicht ersetzen können. Sie können aber einen sehr wichtigen Beitrag dazu leisten. Nur ein Beispiel dafür: Die Bücher Edgard Mosts (vor allem: »Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals. Gibt es einen Dritten Weg?« Das neue Berlin, Berlin 2009) und das Buch von Friedrich-Wilhelm Tuttlies (»Zwischen Plan- und Marktwirtschaft. Die DDR-Finanzen und was aus ihnen wurde«, Das neue Berlin, Berlin 2013) schildern das Finanzwesen der DDR und seine Entwicklung alles andere als glatt und eindimensional.

– Was für den persönlichen Lebenslauf gilt, gilt auch für die Geschichte der Betriebe: Die von Hoffmann, Schwartz und Wentker angestellten Betrachtungen über die Archive sind in diesem Zusammenhang wichtig: »Besonderes Augenmerk sollte den Archiven der im Zuge des Privatisierungsprozesses nach 1990 liquidierten volkseigenen Betriebe gewidmet werden. Diese lagern derzeit noch – im Zuständigkeitsbereich der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) – in Großbeeren (ca. 180 laufende Aktenkilometer). Hier ist eine gemeinsame Kraftanstrengung erforderlich, damit diese Akten nicht verlorengehen« (S. 68 f.). Auch darüber hinaus, jenseits der Geschichte der einzelnen Kombinate bzw. Betriebe, scheint es mir, dass allgemeine Studien über die Funktionsweise und Beschaffenheit der Betriebe, ihre organisatorischen Modelle sowie über die Verhältnisse unter Managern und Arbeitern usw. noch fehlen. Ich glaube, dass die Forschung in dieser Richtung auch der von Dorothee Wierling empfohlenen Beforschung des informellen Sektors der DDR-Wirtschaft (S. 210) vorgezogen werden sollte – und nicht nur, weil die letztere eigenartige Schwierigkeiten mit sich bringt.

Ökonomische Reformen

– Der Schwerpunkt meiner heutigen Forschungsinteressen ist vorwiegend volkswirtschaftlich. Er betrifft die wirtschaftliche Entwicklung der DDR, besonders das Neue ökonomische System der Planung und Leitung. Die ökonomischen Reformen der sechziger Jahren werden von Bernd Faulenbach erwähnt: Er betont u. a., dass sie »Ansatzpunkte für weitere Forschungen« bieten (S. 83). Eine möglicher, meiner Meinung nach sehr wichtiger Ansatz wäre ein Vergleich der verschiedenen Reformansätze in den osteuropäischen Ländern (die Sowjetunion eingeschlossen).

– Was das Thema »DDR als Sozialstaat« betrifft, bin ich mit den Betrachtungen von Hoffmann, Schwartz und Wentker einig. In dieser Hinsicht halte ich u. a. deren Feststellung für wichtig, dass trotz der fortwährenden Konsensabnahme »die von der SED propagierten sozialen Errungenschaften die Erwartungshaltungen der Bevölkerung über das Jahr 1989/90 hinaus« (S. 59) prägten.

– Ganz wichtig ist Jürgen Kockas Beobachtung, ein bedeutendes Merkmal der DDR gegenüber den anderen sozialistischen Ländern sei darin zu finden, dass die DDR auch »der Versuch war, dieses alternative Modell [gemeint ist das sozialistische] in einem zwar durch vorangehende Katastrophen und fortdauernde Fremdherrschaft beeinträchtigten, aber ökonomisch, sozial und kulturell wie wissenschaftlich höchst modernen Land zu verwirklichen. Dadurch unterschied sich die DDR von den meisten anderen staatssozialistisch-kommunistischen Ländern« (S. 136). Das verleiht der Forschung über die DDR-Volkswirtschaft eine besondere Bedeutung im Kontext der Forschung über den »realen Sozialismus«, eine Forschung, die sich endlich von der historischen Teleologie befreien sollte. Diese Forderung hat Martin Sabrow in Form einer Frage formuliert: »Mit welchen Mitteln begegnet die DDR-Geschichtsschreibung der teleologischen Sogkraft, die allen historischen Umbrüchen innewohnt und auch die DDR-Geschichte allein von ihrem Ende her zu denken drängt?« (S. 187).

Am Ende meines Briefes will ich einige Zeilen der »Transformationsphase« widmen, eine Phase die am meisten unsere Gegenwart anspricht. Im Buch erinnert man zu Recht an die »langfristigen Folgen der Privatisierung« (S. 61). Die Geschichte der Privatisierung der DDR-Ökonomie durch die Treuhandanstalt kann noch viel lehren. Ich habe in einem Beitrag versucht, einige mögliche Lehren zu ziehen (»Learning from past Privatizations: The Case of Treuhandanstalt [Germany 1990–1994]«, in: The PB Report 2014/2015. Privatization Barometer, S. 33–37). Was die Treuhandanstalt betrifft, hat sie zweifellos sehr viel Aufmerksamkeit von Historikern (sowie von Journalisten) auf sich gezogen. Aber zu Recht wird im Buch erwähnt, dass die entsprechenden Akten größtenteils noch nicht zugänglich sind (S. 61, Fußnote 111). Die Forschung muss hier noch bis zum Ablauf der 30jährigen Sperrfrist warten.

Die Treuhandanstalt, in den letzten Jahren als Muster für Griechenlands Privatisierung vorgeschlagen, ist ein sehr gutes Beispiel für die Tragweite der Vorgänge des deutschen Vereinigungsprozesses. Das andere Beispiel ist die Währungsunion, deren Folgen zu erforschen sind – auch in Hinblick auf das zweite und größere derartige Experiment, den 1999 eingeführten Euro.

Es liegt auf der Hand, dass viele in Ihrem Buch behandelte Themen eine fortwährende Bedeutung haben. Ihr Buch hat mir Anlass gegeben, darüber nachzudenken. Dafür möchte ich mich bei Ihnen nochmals bedanken.

Hochachtungsvoll

Vladimiro Giacché

Rom, den 2.11.2016

Ulrich Mählert (Hg:) Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema. Herausgegeben im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Metropol Verlag, Berlin 2016, 220 S., 19,60 €

Vladimiro Giacché: Anschluss - die deutsche Vereinigung und die Zukunft Europas. Laika Verlag, Hamburg 2014, 168 S., 22,00 €

Vladimiro Giacché schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7.10.2014 über die Zerstörung der DDR-Wirtschaft

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

25 Jahre Anschluss der DDR Aus Dichtung und Wahrheit

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