Aus: Ausgabe vom 21.01.2017, Seite 1 / Titel

Gegen das Schweinesystem

Auftakt der »Grünen Woche«: Nicht nur Umweltaktivisten und Biobauern fordern Umbau der Landwirtschaft, sondern auch ein Branchenverband

Von Jana Frielinghaus
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Anwälte der armen Säue und anderer Tiere, deren Fleisch wir ­konsumieren: Die Teilnehmer der am Samstag bereits zum siebten Mal stattfindenden Demo kritischer Verbraucher und Bauern unter dem ­Motto »Wir haben es satt«

Das Thema ist in der berühmten »Mitte der Gesellschaft« angekommen: Eine wachsende Zahl von Menschen will mitbestimmen, unter welchen Bedingungen unser Essen produziert wird. Dass hier etwas schief läuft, räumt mittlerweile auch ein bislang eher dem neoliberalen Fortschrittsglauben verpflichteter Branchenverband ein. Gestern wurde die Agrar- und Lebensmittelmesse »Grüne Woche in Berlin eröffnet, und am heutigen Samstag wollen wieder Tausende unter dem Motto »Wir haben es satt« ihren Unmut über »Agrarindustrie« und »Massentierhaltung«, aber auch über das Preisdumping der Einzelhandelsketten und die Marktmacht von Agrochemie-, Saatgut- und anderen Konzernen zum Ausdruck bringen.

Angeprangert wird zudem die Landnahme durch Kapitalanleger, die Bauern weltweit zunehmend die Produktionsgrundlage entziehen. Auch die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und in anderen Zweigen der Nahrungsmittelproduktion haben immer mehr Leute satt. Am Freitag zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Präsidenten der industrienahen Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, der einen »gigantischen Chemieaufwand« in vielen Betrieben kritisierte. Zu enge Fruchtfolgen, also die Beschränkung auf immer weniger Pflanzenarten mit Trend zur Monokultur, und der dadurch nötige höhere Aufwand an Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmitteln bringe immer mehr Resistenzen gegen die Gifte hervor. Bartmer verlangt von den Bauern ein Umdenken und »Spielregeln« für die Landwirtschaft, die »mehr Ziele berücksichtigen als die bloße Ernte«. Er beklagte zugleich, dass »der Markt« Leistungen der Landwirte, die über die reine Lieferung der gewünschten Produkte hinausgehen, nicht honoriere. Gerade der wachsende Druck auf die Preise, die die Landwirte für ihre Arbeit bekommen, ist ein Kernproblem. Denn ihre Produktionskosten sind nicht gesunken, im Gegenteil. Insbesondere die Pachten und Kaufpreise für Ackerland sind in den vergangenen Jahren förmlich explodiert.

Zur Eröffnung der Grünen Woche forderte auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks erneut ein »Umsteuern« in der Branche und drohte indirekt die Streichung von Fördermitteln an. Wer weiter Subventionen beziehen wolle, müsse »anders wirtschaften«, sagte die SPD-Politikerin in Berlin. Öffentliche Mittel dürfe es nur für »öffentliche Zwecke« wie den Erhalt von Landschaft, Böden, Wasser und Biodiversität geben. Damit ignoriert die Ministerin allerdings, dass Landwirte in globalisierten Märkten und ohne den Schutz von garantierten Mindestpreisen agieren. Die meisten sind seit langem nicht mehr in der Lage, kostendeckend zu wirtschaften, und einen Großteil der Subventionen reichen sie direkt an Verpächter und Kreditgeber weiter.

Zugleich stellt die Europäische Union die Weichen weiter in Richtung Deregulierung der Agrarmärkte. Das zeigen u. a. die Verhandlungsdokumente zum geplanten »Freihandels«abkommen TTIP mit den USA, die die Umweltorganisation Greenpeace im Mai 2016 veröffentlichte. Daraus ging hervor, dass die Vereinigten Staaten auf einem ungehinderten Marktzugang für Agrarprodukte bestehen – und dass die EU-Kommission offenbar bereit wäre, ihn zu gewähren, solange dies der europäischen Großindustrie dient. Der Linke-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat monierte am Freitag zudem, die Bundesregierung stelle ihre »Entwicklungszusammenarbeit in den Dienst der Profitinteressen von Agrarkonzernen wie Bayer, Monsanto und BASF«. Dies sei »eine der Ursachen von Hunger und damit für viele Menschen ein Fluchtgrund«.

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