Aus: Ausgabe vom 12.01.2017, Seite 7 / Ausland

Spekulation über Attentat

Nach Anschlag auf israelische Soldaten in Jerusalem sind die Hintergründe weiterhin unklar

Von Gerrit Hoekman
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Benjamin Netanjahu besucht am Sonntag mit seinem Kriegsminister Avigdor Lieberman den Ort des Anschlags in Jerusalem

Für Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu war die Sache schnell klar: Hinter dem Anschlag auf eine Gruppe Rekruten, bei dem in Jerusalem am vergangenen Sonntag drei Soldatinnen und ein Soldat getötet und 17 verletzt wurden, stecke der »Islamische Staat« (IS). »Alle Indizien zeigen, dass er ein Unterstützer des IS ist«, teilte Netanjahu den Medien sein vermeintliches Wissen über den Täter mit.

Bislang gründet sich die IS-These nur auf die Art des Anschlags. Der Attentäter steuerte mit hoher Geschwindigkeit einen Lastwagen in die Soldaten. Solche Attacken gab es bereits in der Vergangenheit: im Sommer in Nizza und kurz vor Weihnachten in Berlin. »Es ist gut möglich, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt«, erklärte Netanjahu. Andererseits: In posthum im Internet aufgetauchten Videosequenzen sind die mutmaßlichen Attentäter mit erhobenem Zeigefinger, dem Erkennungszeichen des IS, zu sehen. Von Fadi Al-Kunbar, dem 28 Jahre alten Attentäter von Jerusalem, fehlt bisher ein solches Bekenntnis. Auch der IS hat ihn noch nicht zu einem seiner »Soldaten« erklärt.

Al-Kunbars Familie hält eine Verbindung zum IS für ausgeschlossen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Er sei zwar religiös gewesen, aber nicht übermäßig. Allerdings machten die Verwandten keinen Hehl daraus, dass sie Al-Kunbar, der bei dem Anschlag erschossen wurde, als Märtyrer betrachten. Die israelische Armee nahm zwei Brüder und einen Vetter fest. Das Haus der Familie soll zerstört und ihr die Aufenthaltsgenehmigung für Ostjerusalem entzogen werden. Außerdem stoppt Israel die geplante Zusammenführung mit Verwandten aus dem Gazastreifen.

»Ich glaube nicht, dass der ›Islamische Staat‹ damit etwas zu tun hat«, zitiert der Sender Al-Dschasira Yoram Schweitzer vom Tel Aviver Forschungsinstitut für nationale Sicherheit. Der Anschlag sei zu hastig gewesen. Ein Polizeisprecher schloss bereits am Montag gegenüber CNN aus, dass es eine IS-Zelle in Israel geben könnte. Der amerikanische Sender ABC meldete am Dienstag, eine bislang unbekannte Gruppe namens »Brigade Märtyrer Baha Aljan« habe sich zu dem Anschlag bekannt und weitere angekündigt. Die Brigade gebe an, keine Verbindung ins Ausland zu haben. Allerdings nennt ABC keine Quelle, die Echtheit der Nachricht kann somit nicht überprüft werden. Der damals 22 Jahre alte Palästinenser Baha Aljan tötete im Oktober 2015 zusammen mit einem Kumpanen in einem Stadtbus in Jerusalem drei Menschen, bevor er erschossen wurde.

Arabische und israelische Medien brachten Anfang der Woche auch die PFLP, die marxistische Volksfront zur Befreiung Palästinas, als Auftraggeberin ins Spiel. Das russische Nachrichtenportal Sputnik meldete sogar, die PFLP habe erklärt, dass Al-Kunbar ihr Mitglied sei. Auch hier fehlt die Quelle. In einer Presseerklärung vom Sonntag abend begrüßte die Volksfront zwar den Anschlag als »Reaktion des Volkes auf die Verbrechen der Besatzungsmacht«, bekannte sich aber nicht dazu. Die leninistische Demokratische Front zu Befreiung Palästinas (DFLP) äußerte sich ähnlich. Beide Gruppen hoffen auf den Beginn einer neuen Intifada.

Israelische Sicherheitskreise halten es durchaus für möglich, dass Al-Kunbar völlig spontan handelte und erst in dem Augenblick zum Attentäter wurde, als er die Soldaten am Straßenrand stehen sah. Die Stimmung war in letzter Zeit in Palästina wieder angespannt. Am vergangenen Mittwoch wurde ein israelischer Soldat verurteilt, der einen wehrlos am Boden liegenden Palästinenser kaltblütig erschossen hatte. Trotz des Urteils feiern Teile der Politik und Öffentlichkeit ihn als Helden. Ein anderer Grund der wachsenden Wut ist die fortgesetzte Zerstörung palästinensischer Häuser. Am Mittwoch traten die Palästinenser in Israel in einen Generalstreik, weil erneut elf Häuser den Erdboden gleichgemacht wurden.

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