Aus: Ausgabe vom 11.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Obszöne Zurschaustellung

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist das Wahrzeichen eines aberwitzigen Wettbewerbs der Metropolen. Heute wird das Konzerthaus eingeweiht

Von Kristian Stemmler
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Auch an finanziell weniger gut ausgestattete Musikliebhaber wurde gedacht, allerdings müssen diese das eigens für die Elbphilharmonie komponierte Oratorium selbst singen, wenn sie mit der 3D-Brille auf der Plaza stehen

Von einem »Jahrhundertbau« ist die Rede, von einem »Weltwunder« gar, einem »schillernden Schwan«, einem »magischen Ort«. Das Freudengeheul über die Elbphilharmonie in Hamburg, zu deren Eröffnung Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) am heutigen Mittwoch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßen wird, kennt in den bürgerlichen Gazetten des Landes keine Grenzen mehr. In Leitartikeln, Dossiers und Sonderausgaben wird mit Superlativen um sich geworfen.

Vor allem bei den Leib- und Magenblättern des Bildungsbürgertums weiß man sich vor Begeisterung kaum zu halten. Die Elbphilharmonie sei »ein utopischer Raum, der sich in die Wirklichkeit gemogelt hat«, deliriert etwa der Autor Daniel Haas in der Zeit, »dank architektonischer Chuzpe und planerischem Irrsinn, dank narzisstischer Gier und ästhetischem Genie«. Und die Überschrift des Beitrags ist als Befehl zu verstehen: »Lästern war gestern. Jetzt wird gestaunt«, heißt es.

Kritik an der Elbphilharmonie ist nicht mehr statthaft. Die Mainstreammedien erwähnen die Explosion der Kosten des Prestigprojekts von anfangs benannten 77 Millionen auf um die 900 Millionen Euro zwar noch, ebenso wie die Stümperhaftigkeit der städtischen Realisierungsgesellschaft – aber nur um zu betonen, wie wunderbar das »Happy-End« sei und wie dankbar die Stadt Olaf Scholz sein müsse, der das Projekt, das bei seinem Amtsantritt 2011 auf der Kippe stand, »gerettet« habe.

Der Bürgermeister wird heute nicht aus dem Grinsen herauskommen. Für ihn ist die Eröffnung des Konzerthauses an der Elbe ein Meilenstein in seiner mit schon pathologisch zu nennendem Eifer verfolgten Strategie, die Hanse- zur international beachteten Weltstadt zu machen. Das Handelsblatt beschrieb das Credo des Sozialdemokraten am Sonntag so: Hamburg sei unter den »Second Cities« – den Nicht-Hauptstädten Europas – die größte, etwa gleichauf mit Barcelona und Mailand. Letztere seien aber deutlich bekannter. Ziel des Bürgermeisters sei es aufzuholen.

Ein Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor oder der Eiffelturm könne die Elbphilharmonie werden, meinen die Claqueure. Der Bau ist tatsächlich eins – allerdings ein durch und durch negatives. Ein Wahrzeichen für kommunale Verschwendung und das Scheitern einer ÖPP, einer »öffentlich-privaten Partnerschaft«, bei der ein cleverer Konzern, die Baufirma Hochtief, die Stadt Hamburg über den Tisch zog. Ein Wahrzeichen für die Schattenseiten eines aberwitzigen Wettbewerbs der Metropolen, für eine neoliberale Politik, die auf Prachtentfaltung und unqualifiziertes Wachstum setzt, bei dem sich wenige die Tasche füllen und die meisten verlieren.

Vor allem aber ist die Elbphilharmonie eine obszöne Zurschaustellung von Reichtum. Angesichts des wachsenden Elends in der Hansestadt, das mit den vielen Zelten der Obdachlosen im Zentrum für jeden sichtbar ist, sind die Ausgaben für den Luxusbau pervers zu nennen. Von den 595 unterschiedlich gekrümmten Scheiben der an eine Welle erinnernden Glasfassade hat jede einzelne laut Wikipedia etwa 72.000 Euro gekostet. Im Hotel des Gebäudes, das der Steuerzahler mit rund 210 Millionen Euro indirekt subventioniert (jW berichtete), kostet ein Zimmer pro Nacht 295 Euro und mehr. Und die 45 Wohnungen im Komplex gehören mit bis zu zwölf Millionen Euro Kaufpreis zu den teuersten in Hamburg.

Das alles in einer Stadt, in der Streetworker bis zum Burnout schuften, weil ihnen wegen der von Scholz verfügten »Schuldenbremse« Mittel gestrichen werden. In der Bürgerhäuser, Stadtteil­initiativen und Beratungsstellen für Wohnungslose wegen der Kürzungen kaum noch ihre Arbeit erledigen können. In der Obdachlose an eisigen Tagen aus den Einrichtungen des Winternotprogramms geworfen werden. Eine Stadt, in der Straßenkinder ihre Anlaufstelle am Hauptbahnhof, das »Kids«, im Oktober 2016 räumen mussten, weil ein Investor das Gebäude aufmotzen will – und Bereitschaftspolizisten in Kampfmontur anrückten, als die verzweifelten Straßenkinder ihre Einrichtung besetzten.

Ein soziales Gewissen ist bei Hamburgs Erstem Bürgermeister, bei seiner Partei und beim Koalitionspartner, den Grünen, nicht mehr feststellbar. Scholz hat sich längst als kaltherziger Technokrat geoutet, ein Mann der Handelskammer, der den Geldadel hofiert und gegen Widerstand in den Quartieren die Polizei aufmarschieren lässt. Für die Mainstreammedien kein Grund, ihn zu kritisieren, im Gegenteil. In der Lokalpresse, von der taz Hamburg abgesehen, ist Olaf Scholz der unangefochtene Matador (siehe Text unten).

Ein als Lokalpatriotismus ausgegebener Größenwahn hat sich im Rathaus, in den Redaktionsstuben der Stadt, in den Kontoren und Villen zwischen Elbchaussee und Harvestehude breit gemacht. Hamburg soll nicht mehr »schlafende Schöne« sein, wie Helmut Schmidt seine Heimatstadt einst nannte, sondern pulsierende Weltmetropole. Die gescheiterte Olympiabewerbung war eine Schlappe für Scholz und seine Claqueure. Die Elbphilharmonie soll diese vergessen lassen, der G-20-Gipfel im Juli endgültig Hamburgs Namen in alle Welt tragen.

Was die Stadt groß macht, ist gut für all ihre Bewohner – das ist die grundfalsche Annahme, die Hamburgs Politik ebenso prägt wie die fast aller anderen Kommunen des Landes. Dass sich bei dieser Art von Wachstum hinter der glänzenden Fassade die Lebensbedingungen breiter Schichten der Bevölkerung verschlechtern, zeigt das Beispiel Hamburg deutlich: Der Senat bekommt die Wohnungsnot nicht in den Griff, Obdachlosigkeit und Armut wachsen, die Infrastruktur verfällt, Hamburg wird kaputtgespart.

Mit der Elbphilharmonie meint Olaf Scholz offenbar das ideale Objekt gefunden zu haben, um von all dem abzulenken und das Image der Stadt aufzupolieren. Der Bürgermeister wird nicht müde, den elitären Kunsttempel als »Haus für alle« anzupreisen. Eine dreiste Lüge. Das Hotel und die Luxuswohnungen sind Reichen vorbehalten, und die Konzertsäle können Hartz-IV-Bezieher sicher nur selten besuchen. »Für alle« ist allein die frei zugängliche Plaza, die Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe. Immerhin: Der Blick über die »wachsende Stadt« ist (noch) kostenlos.

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