Aus: Ausgabe vom 17.12.2016, Seite 4 / Inland

Der Mann, der nichts sah

NSU-Ausschuss: Zeugen sagten zur dubiosen Rolle des Verfassungsschutzmannes Andreas Temme aus

Von Christiane Mudra
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Spitzname »Klein-Adolf«: Der hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme am 6. Juni 2016 nach einer Befragung durch den NSU-Untersuchungsausschuss im Wiesbadener Landtag

Als der 21jährige Halit Yozgat am 6. April 2006 in einem Kasseler Internetcafé erschossen wurde, befand sich der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme am Tatort. Er meldete sich nicht als Zeuge und wurde am 21. April 2006 wegen Mordverdachts festgenommen, als man über die Nutzerdaten des PCs seine Identität festgestellt hatte. In zahlreichen Vernehmungen sagt er seit Jahren aus, damals nichts gesehen oder gehört zu haben. In der Wohnung des Sportschützen Temme, der ein Ceska-Training absolviert hat, waren neben Waffen, Drogen und Handschuhen mit Schmauchspuren auch rechtsextreme Schriften gefunden worden.

Trotz Temmes Festnahme im April 2006 befand das eigene Amt nur vier Tage später, Temme stehe zur Beförderung an. Seine Vorgesetzte Dr. Iris Pilling, Abteilungsleiterin im Landesamt für Verfassungsschutz Hessen, die am Donnerstag als Zeugin im Untersuchungsausschuss des Bundestages zum »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) geladen war, mag sich an diese von ihr unterzeichnete Bewertung nicht erinnern.

Am Tag von Temmes Festnahme habe es ihr »den Boden unter den Füßen weggerissen«, so Pilling, ihre Mitarbeiter seien schockiert gewesen. Pilling selbst hatte sich mit Temme nach seiner Suspendierung auf einer Autobahnraststätte getroffen. In dem Gespräch sei es nur um Persönliches gegangen. Man habe den Ort außerhalb der Behörde gewählt, weil die Mitarbeiter sehr irritiert gewesen seien. Das besagte Treffen war von der Kasseler Mordkommission observiert worden.

Für weitere Irritationen hatten bereits die abgehörten Telefonate Temmes mit seinen Vorgesetzten geführt, in denen Sätze wie »Ich sage ja immer: Wenn man weiß, das so was passiert, bitte nicht vorbeifahren« fielen. Laut Pilling sei dies einzig auf den trockenen Humor eines Mitarbeiters zurückzuführen. Temme beschreibt sie auch heute noch als engagierten Mitarbeiter des Amtes. Ein Instrument zur Überprüfung der Nachrichtenehrlichkeit ihrer V-Mann-Führer habe es 2006 allerdings nicht gegeben, muss sie auf Nachfrage einräumen.

Temme hatte mit Benjamin G. mindestens einen V-Mann in der rechten Szene geführt und unmittelbar vor dem Kassler Mord an Halit Yozgat mit ihm telefoniert. Benjamin G. wird von Iris Pilling heute als wenig ergiebige Quelle eingeschätzt, obwohl er laut einer Liste des Generalbundesanwalts zum engeren Umfeld des NSU-Trios gehört hatte.

Petra Pau (Die Linke) legt der Zeugin Pilling Bilder des Mannes bei einem Dortmunder Naziaufmarsch 2005 vor und weist darauf hin, dass G. sich in militanten Kameradschaften bewegt hatte und mit Corinna G. befreundet gewesen war. Einer Liste des LKA zufolge ist Corinna G. 1998 neben Beate Zschäpe die einzige Frau im »Thüringer Heimatschutz« gewesen, einer Gruppierung, aus der später auch der NSU entstand.

Pilling äußerte sich außerdem zu einer E-Mail vom 24. März 2006, die sie als Dezernatsleiterin nach einem informellen Treffen mit zwei BKA-Ermittlern an ihre Mitarbeiter verfasst hatte. Darin bat sie die V-Mann-Führer, zu denen auch Temme gehörte, ihre V-Männer zur ungeklärten Ceska-Mordserie zu befragen. Die BKA-Beamten hätten sich an sie gewandt, da sie weitere Morde befürchteten, so Pilling. Den Vorgang bezeichnete sie selbst als höchst ungewöhnlich. Temme gab dennoch später vor Gericht an, mit der Mordserie niemals dienstlich befasst gewesen zu sein.

Dass der Kasseler Mord keine zwei Wochen später verübt wird und sich dann noch ein Verfassungsschützer zur Tatzeit am Tatort befindet, sei schwer mit Zufall erklären, bemerkte der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU).

Ungeklärt ist außerdem, woher Temme eine weitere entscheidende Information gehabt haben könnte, wenn er denn mit der Tat nichts zu tun hatte. Am Vormittag des 10. April 2006 hatte sich Temme mit seinem V-Mann Benjamin G. getroffen. Außerdem hatte er sich mit einer Kollegin über den Mord unterhalten und geäußert, die Tat habe mit der bundesweiten Ceska-Mordserie zu tun. Das Fabrikat der Tatwaffe wurde offiziell allerdings erst am Nachmittag bekannt. »Das ist Täterwissen«, sagte die Obfrau der Grünen, Irene Mihalic, am Donnerstag und fügte hinzu: »Wir hatten einen islamistischen Maulwurf im Bundesamt für Verfassungsschutz. Mir fällt es nicht schwer zu glauben, dass Temme ein Maulwurf für die rechte Szene war.«

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