Aus: Ausgabe vom 29.11.2016, Seite 12 / Thema

Im Fadenkreuz der CIA

Die Liste der Mordversuche gegen den kubanischen Revolutionsführer ist lang. Sie scheiterten alle. Am 25. November 2016 ist Fidel Castro im Alter von 90 Jahren in Havanna ­verstorben

Von Horst Schäfer
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In den 1960er Jahren planten die USA besonders viele Anschläge auf den kubanischen Präsidenten – Fidel Castro im Jahr 1969 mit ­einer Ausgabe der Zeitung , die über ein aufgedecktes Mordkomplott gegen ihn berichtet

Washingtons Geheimdienst bescheinigte ihm eine »faszinierende Anziehungskraft«. Unzählige Mordkomplotte mehrerer US-Regierungen haben das Leben des kubanischen Staatschefs Fidel Castro viele Jahrzehnte lang begleitet. In seiner Amtszeit, so die kubanischen Sicherheitsbehörden, habe es gegen Castro 638 Tötungsversuche von CIA und Mafia gegeben. Aus diesem »Guinessbuch der Rekorde« schildert unser Autor nur einige Mordversuche auf den Revolutionsführer, die von den USA eingestanden wurden und in veröffentlichten Regierungsdokumenten und einer Untersuchung des US-Senats aus dem Jahr 1975 belegt sind.(jW)

Am 11. Dezember 1959 drängte der Leiter der CIA-Abteilung Westliche Hemisphäre, J. C. King, seinen Direktor Allan Dulles in einem Memorandum, es bestehe dringend Handlungsbedarf. Der Aufbau einer kubanischen Exilarmee aus geflüchteten Soldaten und Offizieren des Batista-Regimes (Fulgencio Batista führte von 1952 bis 1958 eine von den USA unterstützte Diktatur auf Kuba an, jW) sei nötig, denn die CIA erwarte in Kuba eine »schnelle Nationalisierung der Banken, der Industrie und des Handels«. Eine weitere Duldung Castros werde »ähnliche Aktionen gegen US-Besitzungen in anderen lateinamerikanischen Ländern herausfordern«.

In dem von einem Untersuchungsausschuss des US-Senats 1975 veröffentlichten King-Memorandum an CIA-Chef Dulles heißt es weiter, nur eine »gewaltsame Aktion« könne die Macht Castros brechen. Ziel der US-Regierung sei »der Sturz Castros innerhalb eines Jahres«. Außerdem, so King an seine Chefs, sollten »gründliche Überlegungen über die Beseitigung Fidel Castros angestellt werden. Keiner (…) hat die gleiche faszinierende Anziehungskraft bei den Massen«.

Die Weichen für die Politik der US-Regierung gegenüber Kuba waren also spätestens Ende 1959 gestellt. Ein knappes Jahr nach Castros Amtsantritt hatten Pentagon und CIA begonnen, die Invasion Kubas und gleichzeitig die Ermordung Castros intensiv vorzubereiten. Am 16. März 1960 legte die »Central Intelligence Agency« ihr präzisiertes Programm vor, das schon am nächsten Tag von Präsident Eisenhower genehmigt wurde.

Kubas Führung beseitigen

Gifttabletten, verseuchte Federhalter, Spezialgewehre, tödliche bakteriologische Puder und »andere Dinge, die jede Vorstellungskraft übersteigen« – so kennzeichnete der Untersuchungsausschuss des US-Senats in seinem Abschlussbericht die wesentlichen Mordinstrumente im Geheimdienstkomplott gegen Castro. Zusammenfassend heißt es: »Wir haben konkrete Beweise für mindestens acht Anschläge gefunden, in die die CIA verwickelt war und die darauf zielten, Fidel Castro zwischen 1960 und 1965 zu ermorden.«

CIA-Direktor Dulles berichtete am 13. Januar 1960 vor dem Nationalen Sicherheitsrat (NSC) über das Geheimprogramm zum Sturz Castros. Zwei Monate später schien die Zeit schon zu drängen. Am 9. März 1960 hieß es: »Colonel King stellte fest, wenn es nicht gelingt, Fidel und Raul Castro und Che Guevara auf einen Schlag zu beseitigen, was sehr unwahrscheinlich ist, dann kann diese Operation sehr langwierig sein und die gegenwärtige Regierung nur durch die Anwendung von Gewalt gestürzt werden.« Ähnliche Überlegungen wurden am folgenden Tag auf einer langen Sitzung des NSC mit Präsident Eisenhower vorgetragen.

Bevor die Mordpläne fertig waren, versuchte die CIA zwischen März und August 1960, Castro durch verschiedene Maßnahmen zu diskreditieren, sein Verhalten zu beeinflussen und ihm körperliche Schäden zuzufügen. Das berichtete der CIA-Generalinspekteur. So plante man, die Luft des Aufnahmestudios einer Radiostation in Kuba, von der die Reden des kubanischen Präsidenten ausgestrahlt wurden, mit einer chemischen Substanz zu vergiften, die eine ähnliche Wirkung habe wie das Rauschgift LSD. Vergiftete Zigarren sollten eine Desorientierung auslösen. Das Gift in weiteren vom US-Geheimdienst präparierten Zigarren sollte zu Haarausfall bei dem bärtigen Protagonisten der Revolution führen. Überhaupt hatte es Castros Bart den Giftmischern bei der CIA angetan. Aus Anlass einer bevorstehenden Auslandsreise bereiteten sich deren Agenten darauf vor, Castro mit Hilfe einer starken Dosis Thalliumsalz zu enthaaren. Die Chemikalie sollte ihm im Hotel in die Schuhe gestreut werden.

Am Abend des 20. Juli 1960 traf in der Geheimdienstzentrale in Washington eine elektrisierende Nachricht von der CIA-Station in Havanna ein. Ein kubanischer US-Agent habe informiert, dass er wahrscheinlich Raúl Castro treffen werde. Das Hauptquartier des Geheimdienstes schickte daraufhin folgendes Telegramm an Havanna: »Mögliche Beseitigung oberster drei Führer erfährt ernsthafte Überlegung.« Zehntausend Dollar lägen für den Mann bereit, wenn er Raúl Castro in einen »Unfall« verwickeln und den Fall »erfolgreich abschließen« könne. Als der Agent zögerte, wurde ihm von der CIA versprochen, »dass, falls er dabei stirbt, sein Sohn eine College-Erziehung bekommt«.

Rent a Mafioso

Schon 1960 machte sich der US-Geheimdienst die Wut der Mafia, die vor der Revolution über uneingeschränkten Einfluss auf der Insel verfügt hatte, zunutze und verhandelte mit Vertretern des organisierten Verbrechens in den USA. »Das Ziel war eindeutig die Ermordung Castros«, stellte der CIA-Generalinspekteur fest. CIA-Sicherheitschef Colonel Sheffield Edwards erinnerte sich vor dem Senatsausschuss, dass er von seinem Vorgesetzten gefragt wurde, ob er nicht jemanden kenne, »der Castro umbringen könnte«. Robert A. Maheu, ein Spezialagent des FBI, schien der richtige Mann zu sein. Dem Senatsausschuss sagte Maheu, die CIA habe ihm erklärt, die Ermordung Castros wäre nur »die erste Phase eines größeren Projektes, der Invasion Kubas«. Maheu kannte John Roselli, der früher für den berüchtigten Gangsterboss Al Capone gearbeitet hatte und einer der führenden Mafiosi in Las Vegas wurde. Die CIA war bereit, für Castros Ermordung 150.000 Dollar auszugeben.

Am 23. September 1960 erfuhr sie, dass Roselli noch zwei der bekanntesten US-Gangster für den Auftrag angeworben hatte: das führende Mitglied des Chicagoer Verbrechersyndikats Sam Giancana sowie Santos Trafficante, den ehemaligen Chef der Cosa Nostra von Kuba und späteren Mafia-Boss von Florida. Giancana und Trafficante zierten damals die FBI-Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der Vereinigten Staaten. Jetzt sollte ihnen die Giftküche des US-Auslandsgeheimdienstes zur Verfügung stehen.

Die Technische Abteilung (TSD) der CIA, die Cornelius Roosevelt leitete, ein Enkel von Präsident Theodore Roosevelt, wartete mit den Vorbereitungen für den Castro-Mord nicht, bis man mit der Mafia handelseinig war. »Sehr frühzeitig während des Unternehmens, lange vor dem ersten Kontakt mit Roselli, wurde die Maschinerie für die Bereitstellung der Mordinstrumente in Bewegung gesetzt«, beschreibt ein CIA-Bericht die Lage. Dabei seien mehrere Methoden in Betracht gezogen und das dazu nötige Material schon vorbereitet worden.

Am 16. August 1960 traf eine weitere Kiste mit kubanischen Zigarren ein, die, so der Leiter des »Medizinischen Dienstes« der CIA, Dr. Edward Gunn, »mit todbringendem Material behandelt werden sollten«. Es sei »die Lieblingsmarke von Fidel« gewesen. Es wurden dann alle 50 Zigarren vergiftet, und zwar »mit Botulinumtoxin, einem Gift, welches einige Stunden nach der Aufnahme durch den Menschen zu einer tödlichen Krankheit führt«, heißt es im Bericht. »Die Zigarren waren so stark vergiftet, dass schon reichen würde, sie in den Mund zu nehmen.«

CIA-Giftküche

Parallel dazu hatte sich auch die chemische Abteilung der TSD, die von dem studierten Chemiker Sidney Gottlieb geleitet wurde, intensiv mit verschiedenen Möglichkeiten beschäftigt, Castro zu ermorden. Man war auf vier gekommen: »(1) Etwas Hochgiftiges wie Schellfischgift, das mit einer Nadel verabreicht werden kann; (2) Material mit Bakterien in flüssiger oder fester Form; (3) mit Bakterien behandelte Zigaretten oder Zigarren; und (4) ein mit Bakterien behandeltes Taschentuch.«

Doch CIA-Sicherheitschef Edwards war noch skeptisch. Als er die ersten Giftproben aus den Werkstätten der chemischen Abteilung erhielt, forderte er, auszuprobieren, ob die Pillen »wirklich tödlich« seien. Man testete die Wirkung an Schweinen, doch es wurde ein Fehlschlag – für die CIA, nicht für die Schweine. Es fand sich ein Experte, der erklären konnte, dass Schweine viel zu resistent und daher ein schlechtes Testobjekt seien. Schließlich mußten Affen das Gift schlucken, und das Ergebnis beschreibt der Bericht so: »Die Pillen taten den Job, der von ihnen erwartet wurde«.

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Hinsichtlich der Attacken auf Castro zeigte sich die CIA erfinderisch. Sie entwickelte eigens eine Pistole, mit der sich eine vergiftete Injektionsnadel verschießen ließ – der Vorsitzende des ­Unter­suchungsausschusses des US-Senats zu illegalen Nachrichtendienstaktivitäten, Frank Church (Demokraten), 1976 gemeinsam mit dem Kovorsitzenden John Tower (Republikaner)

Am 3. November 1960 wurde der Staatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Livingstone Merchant, ungeduldig. Laut Protokoll wollte er auf einer Sitzung der Sondergruppe des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus wissen, »ob irgendwelche Planungen für die Durchführung direkter konkreter Aktionen gegen Fidel, Raul und Che Guevara« unternommen worden seien. Er sagte, dass ohne diese drei die kubanische Regierung führerlos und möglicherweise kopflos sei. Er halte es für notwendig, gegen alle drei gleichzeitig vorzugehen.

Auf einen Erfolg ihrer Attentäter in Kuba wartete die US-Regierung allerdings weiterhin vergeblich: Entweder kam den potentiellen Mördern die kubanische Sicherheit auf die Schliche, die Giftpillen gingen verloren, oder die Agenten gaben ihre Aufträge zurück. Und schließlich scheiterte auch der Mordversuch mit Hilfe eines engen Mitarbeiters von Staatschef Castro: Der verlor seinen Job, noch ehe er den Anschlag verüben konnte. Lakonisch wurde im Untersuchungsbericht des Senatsausschusses festgestellt: »Das Attentat schlug fehl.« Eine weitere Schlappe folgte wenige Tage später: Mitte April 1961 wurde die CIA-Armee in der Schweinebucht von den Kubanern vernichtend geschlagen. Beide Unternehmen waren von den Geheimdienststrategen offenbar so koordiniert, dass der Mord an Castro die kurz darauf folgende Invasion und Ausrufung einer neuen Regierung einleiten sollte.

Mord auf Bestellung

Nach dem Fiasko des Unternehmens Schweinebucht und als Teil der anschließenden Interventionsoperation »Mongoose«, die erst nach der Stationierung sowjetischer Raketen im Herbst 1963 abgebrochen wurde, gingen die Mordvorbereitungen gegen Castro nicht nur weiter, sie wurden noch intensiviert und erneut auf seinen Bruder Raúl und auf Che Guevara ausgeweitet.

Schon Anfang 1961 war ein langjähriger CIA-Agent eingeschaltet worden, der Anfang der 50er Jahre im Westberliner Büro des Geheimdienstes arbeitete und sich Lorbeeren für einen Tunnelbau zum Abhören sowjetischer Telefonleitungen verdient hatte. Er leitete eine kleine CIA-Gruppe für Mordaufträge im Ausland, die auch in die Tötung des kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba verwickelt war: William Harvey. Die CIA-Führung hatte ihn dazu ausersehen, eine schlagkräftige Einheit zur Durchführung politischer Morde an ausländischen Staatsmännern aufzubauen, darunter auch an Castro. Das Projekt lief unter dem Namen »Executive Action«.

Dieses Tötungsunternehmen, im Senatsreport als »Institutionalisierung des Meuchelmords« charakterisiert, tauchte im Mai 1961, kurz nach dem gescheiterten Schweinebucht-Angriff, zum ersten Mal in den Akten auf und wurde am 19. Februar 1962 auch von Richard Helms, dem neuen Direktor der Planungsabteilung und späteren CIA-Direktor, autorisiert. Während der »Operation Mongoose« und weit bis in das Jahr 1963 hinein sei der Druck, den kubanischen Präsidenten zu ermorden, verstärkt worden, erklärte Helms vor dem Senatsausschuss. »Jedem, der mit der Operation zu tun hatte, ist der Wunsch nachdrücklich erklärt worden, das Castro-Regime und Castro loszuwerden. Und bei diesem ausdrücklichen Befehl gab es keine Einschränkungen.«

US-Unterhändler sollte Castro töten

Anfang 1963 gingen entsprechende Versuche weiter. Die CIA entwickelte zwei neue Mordpläne gegen den kubanischen Ministerpräsidenten. Beide Male wollte sich der Geheimdienst die Tatsache zunutze machen, dass Castro ein begeisterter Sporttaucher war. Idee Nummer eins: Eine auffällige exotische Muschel mit Sprengstoff zu füllen und sie an einem Platz im Meer zu deponieren, wo Castro zumeist tauchte. Schließlich wurde diese Idee, wie Helms vor dem Senatsausschuss aussagte, als »unpraktisch« verworfen. Der zweite Plan bestand nach Aussage des Ex-CIA-Direktors William Colby darin, dem US-Unterhändler und New Yorker Rechtsanwalt James Donovan einen vergifteten Taucheranzug für Castro mitzugeben. Donovan hatte mit dessen Regierung wegen der Entlassung von Gefangenen der Schweinebucht-Invasion erfolgreich verhandelt und war vom kubanischen Premier in den Badeort Varadero eingeladen worden. In aller Eile kaufte die CIA Tauchkleidung und bestäubte die Innenflächen mit Bakterien, die eine unheilbare Hautkrankheit hervorrufen sollten. Die Atemfilter wurden mit Tuberkulose-Erregern verseucht. Doch James Donovan, der von den Geheimdienstplänen nichts wusste, hatte als persönliches Geschenk für Castro bereits selbst einen Taucheranzug beschafft.

Der letzte Mordversuch am kubanischen Revolutionsführer, über den CIA-Generalinspekteur und Senatsausschuss berichteten, sollte von einem einzigen Mann ausgeführt werden. Der kubanische Major Rolando Cubela, Deckname Amlash, hatte sich der CIA als Gegner der Regierung Castro zu erkennen gegeben und wurde bereits Anfang 1961 angeworben. Als Mordwaffe für den Agenten entwickelte die CIA-Forschungsabteilung einen Kugelschreiber mit einer Injektionsnadel. »Die Nadel war so dünn, dass das Opfer ihr Eindringen nicht bemerken würde«, schildert der Senatsreport das unscheinbare Tötungsinstrument. Die vergiftete Injektionsnadel konnte auch mit einer Pistole verschossen werden, die in den Werkstätten der CIA hergestellt wurde.

Am 22. November 1963 traf sich Desmond FitzGerald, der Leiter des CIA-Stabes, mit Amlash in Paris. Er übergab ihm den Kugelschreiber, empfahl, das tödliche Gift »Blackleaf 40« zu verwenden und informierte den Agenten, dass das von ihm gewünschte Waffenlager in Kuba eingerichtet werde – 20 Handgranaten, zwei Gewehre mit hoher Durchschlagskraft und 20 Pfund Sprengstoff. Als FitzGerald und Cubela das Hotel verließen, erfuhren sie, dass während ihrer Zusammenkunft US-Präsident John F. Kennedy im texanischen Dallas ermordet worden war.

Bacardi setzte Kopfgeld aus

Die Vorbereitungen für weitere Mordkomplotte gegen Fidel Castro gingen unter dem neuen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson weiter. Mitte 1964 erfuhr der Nationale Sicherheitsrat, dass nach CIA-Vorbild auch die exilkubanischen Terroristen und ihre reichen Geldgeber ein Kopfgeld von 150.000 Dollar auf Fidel Castro ausgeschrieben hatten. Aus einem Memorandum, das dem NSC am 30. Juli vorlag, geht hervor, dass das Geld offenbar von der Mafia und von einem »reichen Exil-Kubaner« aufgebracht wurde. Später fanden Journalisten heraus, dass es sich um José Pepin Bosch, handelte, ein in der Geschäftsführung des Rumproduzenten tätiges Familienmitglied des Bacardi-Clans.

Anfang 1965 – Johnson hatte gerade die Wahlen gegen den Präsidentschaftsbewerber der Republikaner, Barry Goldwater, gewonnen – war die CIA endlich sicher, dass in den folgenden Monaten der Anschlag auf Castro glücken würde. Sie hatte sogar schon Schritte für die internationale Anerkennung einer Übergangsregierung eingeleitet. Doch dann musste, so stellte es der Report des Senatsausschusses zehn Jahre später lakonisch fest, der Geheimdienst »alle Kontakte mit Amlash und seinen Komplizen aus Sicherheitsgründen« beenden. Aus dem Bericht des CIA-Generalinspekteurs von 1967 geht hervor, dass Cubela im März 1966 inhaftiert und wegen konterrevolutionärer Aktivitäten und Zusammenarbeit mit der CIA zum Tode verurteilt wurde. Castro habe jedoch die Strafe in 25 Jahre Gefängnis umgewandelt.

Enthalten die 133 Seiten des CIA-Berichts, der Untersuchungsreport des US-Senats und die freigegebenen Dokumente von Außenministerium, Weißem Haus und CIA schon die ganze Wahrheit über die Mordpläne gegen Castro? Die Frage hatte auch der CIA-Generalinspekteur kommen sehen und deshalb festgestellt: »Diese Rekonstruktion der Verstrickung der Agentur (CIA, jW) in Pläne zur Ermordung Castros ist bestenfalls eine unvollständige Geschichte. Wegen der extremen Sensitivität der diskutierten oder versuchten Operationen wurden aus Prinzip keine offiziellen Akten über Planungen, Genehmigungen oder deren Durchführung angelegt.« Außerdem waren auf Anweisung von CIA-Direktor Helms 1967 alle Notizen und Quellenmaterialien vernichtet worden. Ob der Untersuchungsausschuss des US-Senats die volle Wahrheit herausfand? Für seinen Leiter, Senator Frank Church, war es jedenfalls nur die »Spitze eines Eisbergs«, die freigelegt werden konnte. Noch etwas deutlicher wurde Senator Walter Mondale, später US-Vizepräsident. Die Verantwortlichen für die Mordpläne gegen Castro zu finden gleiche dem Bemühen, »Pudding an die Wand zu nageln«.

In welchem Maß Präsident Johnson in die Komplotte während seiner Amtszeit eingeweiht war oder sie sogar beförderte, geht aus den Dokumenten nicht eindeutig hervor. Er muss einiges gewusst haben, das macht ein Interview deutlich, das er dem Journalisten Leo Janis 1971 gab. Nach seiner Amtsübernahme habe er entdeckt, so Johnson, »dass wir eine verfluchte Mörder-GmbH in der Karibik betrieben haben«.

Diese »Mörder GmbH« setzte ihre Tätigkeit auch unter weiteren US-Präsidenten fort, so unter Richard Nixon, während dessen Amtszeit (1969–1974) allein 184 Mordversuche stattfanden. Der letzte bekannte Anschlagsversuch datiert auf das Jahr 2000, als Castro Panama besuchte. Der kubanische Sicherheitsdienst entdeckte die 90-Kilo-Bombe unter dem Podium, auf dem der kubanische Staatschef wenig später sprechen sollte.

Horst Schäfer war von 1975 bis 1987 Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN in den USA und berichtete 1971/72 für Presse, Rundfunk und Fernsehen der DDR vom Prozess gegen die Kommunistin und Bürgerrechtskämpferin Angela Davis in Kalifornien. Er ist Verfasser des Sachbuches »Im Fadenkreuz: Kuba. Der lange Krieg gegen die Perle der Antillen« (Berlin 2004). Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen vom Autor gekürzten und bearbeiteten Auszug aus dem Buch.

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Die Geschichte wird mich freisprechen! Fidel - Symbol, Mythos, Revolutionär

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