Diplomatische Verwicklung mit Vietnam

Geheimdienst soll wegen Korruption gesuchte Person nach Hanoi gebracht haben

Wenig ist klar – die vietnamesische Botschaft äußert sich zum Fall nicht näher. Vermutet wird, dass der in Vietnam gesuchte Trinh Xuan Thanh aus Berlin entführt wurde (hier ein Privatfoto)

Die Bundesregierung hat der Sozialistischen Republik Vietnam die Entführung eines Bürgers des südostasiatischen Landes aus Berlin vorgeworfen. Bei dem Mann handelt es sich möglicherweise um den ehemaligen KP-Abgeordneten Trinh Xuan Thanh, nach dem fast ein Jahr lang international gesucht wurde. Ihm wird in Vietnam zur Last gelegt, als Chef einer Tochterfirma des sozialistischen Großbetriebes Petro-Vietnam für das Verschwinden von umgerechnet etwa 125 Millionen Euro verantwortlich zu sein. Laut der Tageszeitung taz, die sich auf weitere Berichte bezieht, soll er am Montag in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi aufgetaucht sein, nachdem er am 23. Juli beim Berliner Tiergarten gekidnappt worden sei.

»Die Entführung des vietnamesischen Staatsangehörigen Trinh Xuan Thanh auf deutschem Boden ist ein präzedenzloser und eklatanter Verstoß gegen deutsches Recht und das Völkerrecht«, monierte Außenamtssprecher Martin Schäfer am Mittwoch in Berlin. Das frühere Mitglied der Kommunistischen Partei soll in Berlin Asyl beantragt gehabt haben. Im Umfeld des G-20-Treffens soll es laut Schäfer Gespräche zwischen BRD-Vertretern und Vietnamesen über ein Auslieferungsgesuch der Sozialistischen Republik gegeben haben. Schäfer beklagte einen »Vertrauensbruch« durch die mutmaßliche Aktion des vietnamesischen Geheimdienstes in Berlin. Ein vietnamesischer Wirtschaftsangehöriger wurde ausgewiesen und soll bis Freitag nachmittag Deutschland verlassen.

Das Büro des vietnamesischen Botschafters sagte auf jW-Nachfrage: »Wir wissen überhaupt nichts über all das.« In Vietnam sorgte die Affäre bereits für viel Aufsehen. Vor einem Jahr wurde Thanh sein Abgeordnetensitz im Parlament aberkannt. Später wurde er auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Die Partei führt derzeit eine Kampagne gegen Korruption. In Berliner Ermittlerkreisen hieß es, der Fall könnte höchste politische Bedeutung bekommen. Aus dem Auswärtigen Amt gab es am Mittwoch dazu keine weitere Stellungnahme. (dpa/Reuters/jW)