Hürdenlauf zum Arbeitsplatz

Vom Leben der prekär Beschäftigten in der Zwischenzone

Von Christa Schaffmann

Immer auf Trab: Die Entgrenzung zwischen Arbeit und Leben ist nicht nur bei Akademikern weit fortgeschritten

Der Mitte Februar veröffentlichte »Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs« ­(BuWiN) liefert neue beunruhigende Zahlen: 13 von 14 Wissenschaftlern unter 45 Jahren verfügen nur über einen befristeten Arbeitsvertrag. Natalie Grimm vom Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (Sofi) befasst sich seit langem mit prekärer Beschäftigung, und das nicht beschränkt auf Akademiker. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hat die Soziologin Menschen befragt, die sich regelmäßig zwischen Minijobs und Leiharbeit, Praktika, befristeten Tätigkeiten und staatlicher Grundsicherung bewegen. Ihr Fazit: Eine Zone der Instabilität, die von Hyperaktivität und Unsicherheit geprägt ist, verfestigt sich. Sie und ihre Kollegen sprechen von einer Zwischenzone der Arbeitswelt, der abhängig von den angelegten Kriterien inzwischen 30 bis 40 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung angehören.

Manche von ihnen haben ein eigenes Zwischenzonenbewusstsein entwickelt und den Arbeitsplatzverlust zum Bestandteil der Lebensplanung gemacht. Ihre Lage haben sie umgedeutet und können sie dadurch besser ertragen: Die Welt bzw. der Arbeitsmarkt ist nun mal so; es ist nicht meine Schuld. Ich muss den Kampf, den Marathon, den Hürdenlauf – so die Begriffe, die sie Grimm gegenüber zur Beschreibung ihrer Lage verwendet haben – nur gut überstehen. Eine andere große Gruppe empfinde ihre prekäre Situation permanent als Bedrohung und leide sehr darunter. Das betreffe vor allem Hochschulabsolventen, die trotz Abschluss schon seit Jahren in der Zwischenzone leben. »Sie verfallen in Selbstausbeutung, gehen Risiken ein, ziehen wegen einer Stelle um, verzichten auf Familie und schuften nur noch in der Hoffnung, dadurch irgendwann herauszuragen und für eine Festanstellung in Betracht gezogen zu werden.« Die Entgrenzung zwischen Arbeit und Leben ist nach Grimms Worten bei dieser Gruppe sehr weit fortgeschritten. Das mache sie besonders anfällig für psychische Folgen ihrer prekären Beschäftigung. Beobachtet wurden Grimm zufolge Autounfälle unter Stress, Fälle von Burnout, Vereinsamung, Rückzug bis zur Depression.

In jedem Fall geht das Zwischenzonenbewusstsein mit einer Anspruchsreduktion einher. Die Betroffenen haben ihre Einkommensvorstellungen und Konsumansprüche heruntergeschraubt, sind in kleinere, billigere Wohnungen gezogen, haben das Fitnessstudio aufgegeben und reduzieren soziale Kontakte. Von der Grundhaltung, Anspruch auf einen festen Arbeitsplatz zu haben, sind viele bereits abgerückt und haben nur noch den Wunschtraum von einer unbefristeten Stelle.

Nach der Ursache für den schwachen Widerstand gegen diese prekäre Situation und ihre Folgen gefragt, verweist Grimm zum einen auf die Entsolidarisierung selbst innerhalb der Zwischenzone. »Das Konkurrenzdenken hat mit den Unsicherheitserfahrungen und der Angst vor Statusverlusten zugenommen. Das führt zu Abgrenzung statt zum Zusammenschluss.« Die für sich im Moment noch einen Umgang mit der Lage gefunden haben, die Hürdenläufer unter den prekär Beschäftigten, hätten ein starkes Bedürfnis, sich von den anderen, den Langzeit-Hartz-IV-Beziehern, abzugrenzen. Sie betonten die eigene Aktivität, den eigenen Kampfgeist, der sie von den anderen unterscheide und ihnen deshalb auch immer wieder verdient Chancen böte.

Mehr über die Zwischenzone und die darin Lebenden kann erfahren, wer am Kongress »Gesellschaftliche Spaltungen« vom 9. bis 12. März in Berlin teilnimmt. Neben Grimm werden zahlreiche Referenten aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern deren Ursachen auf den Grund gehen.