»Demokratie und Frieden sind keine Selbstläufer«

Rehabilitierung der Opfer des Paragraphen 175 StGB ist gerade in einer Zeit, in der rechte Strömungen Zulauf haben, wichtig. Gespräch mit Jörg Litwinschuh

Interview: Markus Bernhardt

Jörg Litwinschuh engagiert sich seit 25 Jahren in der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen. Der Medienwissenschaftler leitet seit fünf Jahren die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH)

www.mh-stiftung.de

Seit 2011 sind Sie geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Worin besteht deren Aufgabe?

Unsere Aufgabe ist es, mit Hilfe unterschiedlichster Projekte eine Mittlerfunktion zwischen der Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft einzunehmen. Das heißt konkret, Bürgerinnen und Bürger über die vielfältigen Lebensweisen von Menschen zu informieren, die eine lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle oder queere Identität besitzen, die sich nicht eindeutig als Frau oder als Mann identifizieren, die nicht die Privilegien der meist heterosexuellen weißen Männer genießen können, die Geflüchtete sind, die diskriminiert, beleidigt, bedroht und angegriffen werden, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität in der Familie oder im Berufsleben verstecken müssen. Die Liste ließe sich verlängern. Sichtbar machen heißt für uns zugleich Selbstbewusstsein stärken helfen, nicht nur Opfergeschichten zu schreiben.

Wie bewerten Sie die Pläne aus dem Justizministerium, Opfer des Paragraphen 175 StGB, der in der Bundesrepublik noch bis 1994 galt und Homosexualität unter Strafe stellte, zu rehabilitieren?

Wir begrüßen es sehr, dass es – voraussichtlich noch in dieser Legislatur – zu einer gesetzlichen Aufhebung der Unrechtsurteile und zu einer Einzelfallentschädigung kommen wird. Dass eine Demokratie menschenrechtsverletzende Urteile aus ihrer Vergangenheit aufhebt, die schwulen Männer rehabilitiert, auch die Auswirkungen auf lesbische Frauen im Blick hat und Geld in die Aufarbeitung dieses Unrechts steckt, zeigt, dass sie stark und wehrhaft ist.

Linkspartei und FDP haben jedoch deutliche Defizite im Hinblick auf die versprochenen Entschädigungen ausgemacht. Ihre Stiftung nicht?

Man kann das erlittene Unrecht nicht wirklich wiedergutmachen. Der Staat setzt aber ein sehr wichtiges Zeichen weit über Deutschland hinaus. Viele der schwulen und lesbischen Zeitzeugen, die unmittelbar oder mittelbar unter den Auswirkungen des Paragraphen 175 StGB gelitten haben – und heute noch leiden – und deren Lebensgeschichten wir seit über drei Jahren in Videodokumenten für die Nachwelt aufzeichnen, atmen auf: Oft höre ich, dass ihnen »endlich Gerechtigkeit« widerfahre. Und das ist vielen der schwulen Senioren wichtiger als die finanzielle Entschädigung. Wichtig ist mir, dass wir junge Menschen erreichen und ihnen klarmachen, dass Demokratie, Freiheit und Frieden keine Selbstläufer sind. Unsere Werte sind ständig in Gefahr.

Tatsächlich ist aktuell ein gesellschaftspolitisches Rollback bezüglich der Gleichstellung unterschiedlicher Lebensformen spürbar. Sehen Sie Ihre Aufgabe auch darin, auf diese Fehlentwicklungen hinzuweisen?

Ich sehe unsere Aufgabe weit darüber hinaus: Als Antidiskriminierungsstiftung wäre es zuwenig, nur die Finger in Wunden zu legen. Wir müssen auch Lösungen aufzeigen. Wir möchten einen aktiven Beitrag leisten, um mit denjenigen Personen und Gruppen in einen echten Austausch zu kommen, die aus unterschiedlichsten Gründen Angst vor Vielfalt haben, sich von der immer komplexer werdenden Welt bedroht fühlen oder in »einfachen Lösungen« nach einem »Ausweg« suchen. Dass so etwas schnell in Rechtspopulismus, in Hass und Gewalt umschlagen kann, beobachten wir ja aktuell weltweit.

Für wie gefährlich halten Sie die Stimmungsmache der AfD und anderer rechter Formierungen?

Es wäre naiv zu glauben, die Stimmungsmache gegen Gendermainstreaming, gleiche Rechte und die Vielfaltspädagogik sei eine Erfindung von AfD und Co. Das Phänomen sitzt tief – vor allem im rechtskonservativen Milieu. AfD und andere bedienen sich dieses Bodensatzes an Menschenfeindlichkeit, düngen ihn kräftig. Es existieren nun Sprachrohre, die es bisher nicht gab oder die wegen eines gesellschaftlichen Tabus nicht angewandt wurden. Diese Tabus bröckeln, sie werden gezielt verletzt. Menschenfeinde gedeihen auf diesem neuen Nährboden.