29.09.2014 / Abgeschrieben / Seite 8

Beiträge zur Geschichtsdebatte

Die Kommunistische Plattform der Partei Die Linke (KPF) verbreitete am Sonntag drei Stellungnahmen zum Umgang mit der DDR-Geschichte – eine vom Auschwitz-Überlebenden Kurt Goldstein (1914–2007) aus dem Jahr 2007, von Rechtsanwalt Friedrich Wolff aus dem Jahr 2001 und den Antrag »Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war historisch legitim« an den Landesparteitag der Linkspartei Berlin 2007. Diese und weitere Dokumente sind auch in dem von der KPF zusammengestellten Dokumentationsband »Klartexte. Beiträge zur Geschichtsdebatte« (400 Seiten, 9,90 Euro) enthalten. Er kann per E-Mail bezogen werden: kpf@die-linke.de.


Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Text von Friedrich Wolff:

Die Sprache ist das bevorzugte Medium der Väter des Zeitgeistes, um die Hirne der Zeitgenossen zu lenken. Was die DDR anbelangt, lassen sie sagen »ehemalige DDR«, wo immer von der DDR die Rede ist. Nie heißt es ehemaliges Drittes Reich, nie ehemalige Weimarer Republik. Wäre ja auch sprachlich wie ein weißer Schimmel. Bei der DDR ist das anders. »Ehemalig« suggeriert, die DDR ist tot, wirklich mausetot, kommt nicht wieder. Und mit ihr der Sozialismus. Da endet die Parallele zum Dritten Reich, die durch die Schlagworte »Totalitarismus«, »Diktatur« beschworen wird. Nur von dem Sozialismus soll man sich verabschieden, nur vor ihm hat man Angst. Er ist endgültig gescheitert, sagt man. Der Kapitalismus, jetzt Marktwirtschaft genannt, gilt als Ende der Geschichte, als der Weisheit letzter Schluß.

»Vollkommen gescheitert«, sagt auch André Brie. Das könnte man auch von der Französischen Revolution und von der 48er Revolution sagen, sagt man aber nicht. Ihre Ideen leben weiter, auch bei André Brie. Das soll bei der DDR angeblich anders sein. Es ist aber nicht anders. Das Gerede vom »vollkommenen Scheitern« ist der Beweis. Man würde kein Wort mehr über die DDR verlieren, wenn es wirklich so wäre. Und was heißt in bezug auf die DDR »vollkommen gescheitert«? Die DDR ist als Staat untergegangen, niemand bestreitet es, niemand muß es betonen. Mit dem Scheitern ist in Wirklichkeit der »real existierende Sozialismus« gemeint, letztlich der Sozialismus überhaupt. Man spricht es nicht aus, man suggeriert es. Das ist unangreifbarer und wirkungsvoller zugleich.

An der DDR war nichts Gutes, darf nichts Gutes gewesen sein. Der Antifaschismus war »verordnet«, die Arbeitslosigkeit war »verdeckt«. Nur zu der Tatsache, daß es in der DDR keine Obdachlosigkeit gab, ist dem Zeitgeist noch kein passendes diskriminierendes Schlagwort eingefallen, etwa verordneter Wohnungszwang. Die DDR ist eben nicht nur »ehemalig«, nicht nur »vollkommen gescheitert«, sie war auch böse, gehörte dem »Reich des Bösen« an. Auch das ist eine der Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Wiedergeburt des Sozialismus. Die DDR war ein »Unrechtsstaat«.

Was ist ein »Unrechtsstaat»? Im dreibändigen Münchener Rechtslexikon ist der Begriff nicht zu finden. Es ist kein Rechtsbegriff, sondern ein Propagandaschlagwort. (…)

Der Zeitgeist sagt weiter, die DDR war die zweite deutsche Diktatur. Das suggeriert, bis Hitler herrschte in Deutschland eitel Demokratie. Der Zeitgeist hält uns für dumm (…).

Die Sprache ist das bevorzugte Medium der Väter des Zeitgeistes, um die Hirne der Zeitgenossen zu lenken. Was die DDR anbelangt, lassen sie sagen »ehemalige DDR«, wo immer von der DDR die Rede ist. Nie heißt es ehemaliges Drittes Reich, nie ehemalige Weimarer Republik. Wäre ja auch sprachlich wie ein weißer Schimmel. Bei der DDR ist das anders. »Ehemalig« suggeriert, die DDR ist tot, wirklich mausetot, kommt nicht wieder. Und mit ihr der Sozialismus. Da endet die Parallele zum Dritten Reich, die durch die Schlagworte »Totalitarismus«, »Diktatur« beschworen wird. Nur von dem Sozialismus soll man sich verabschieden, nur vor ihm hat man Angst. Er ist endgültig gescheitert, sagt man. Der Kapitalismus, jetzt Marktwirtschaft genannt, gilt als Ende der Geschichte, als der Weisheit letzter Schluß.

»Vollkommen gescheitert«, sagt auch André Brie. Das könnte man auch von der Französischen Revolution und von der 48er Revolution sagen, sagt man aber nicht. Ihre Ideen leben weiter, auch bei André Brie. Das soll bei der DDR angeblich anders sein. Es ist aber nicht anders. Das Gerede vom »vollkommenen Scheitern« ist der Beweis. Man würde kein Wort mehr über die DDR verlieren, wenn es wirklich so wäre. Und was heißt in bezug auf die DDR »vollkommen gescheitert«? Die DDR ist als Staat untergegangen, niemand bestreitet es, niemand muß es betonen. Mit dem Scheitern ist in Wirklichkeit der »real existierende Sozialismus« gemeint, letztlich der Sozialismus überhaupt. Man spricht es nicht aus, man suggeriert es. Das ist unangreifbarer und wirkungsvoller zugleich.

An der DDR war nichts Gutes, darf nichts Gutes gewesen sein. Der Antifaschismus war »verordnet«, die Arbeitslosigkeit war »verdeckt«. Nur zu der Tatsache, daß es in der DDR keine Obdachlosigkeit gab, ist dem Zeitgeist noch kein passendes diskriminierendes Schlagwort eingefallen, etwa verordneter Wohnungszwang. Die DDR ist eben nicht nur »ehemalig«, nicht nur »vollkommen gescheitert«, sie war auch böse, gehörte dem »Reich des Bösen« an. Auch das ist eine der Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Wiedergeburt des Sozialismus. Die DDR war ein »Unrechtsstaat«.

Was ist ein »Unrechtsstaat»? Im dreibändigen Münchener Rechtslexikon ist der Begriff nicht zu finden. Es ist kein Rechtsbegriff, sondern ein Propagandaschlagwort. (…)

Der Zeitgeist sagt weiter, die DDR war die zweite deutsche Diktatur. Das suggeriert, bis Hitler herrschte in Deutschland eitel Demokratie. Der Zeitgeist hält uns für dumm (…).

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