29.09.2012 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Über Sprache (7 und Schluß)

Reinhard Jellen

»Gäbe es keine Sprache, so wäre uns weder das Gute noch das Böse bekannt, noch das Wahre und Falsche, noch das Angenehme und das Unangenehme. Die Sprache ermöglicht es uns, alles das zu begreifen. Denkt über Sprache nach.« (Upanischaden)


Im Alltag wird Sprache nicht so gehandhabt, daß man sich der Begriffe vollkommen klar sein muß, derer man sich bedient, sondern es wird sich einfach auf die Erfahrung verlassen, daß die Worte adäquat die Dinge und Relationen abbilden, die damit gemeint sind. Wenn man aber wie heutzutage in Zeiten lebt, in denen bereits das Alltagsleben durch ein mediales propagandistisches Trommelfeuer hoch ideologisiert wird, kann man erleben, daß die Worte als Gedankenkürzel in die falsche Richtung weisen und auf das Denken und Handeln der Menschen auf fatale Weise zurückwirken. Beispielsweise besteht der gesamte Begriffskatalog, mit dem die Agenda 2010 legitimiert werden sollte (Deregulierung, Flexibilisierung etc.) aus Worthülsen, die genau das Gegenteil von dem ausdrücken, was sie tatsächlich bedeuten. Die bedingungslose Unterordnung unter die Erfordernisse des verselbständigten Marktgeschehens wird hier als persönlicher Freiheitsgewinn und Zuwachs von »Eigenverantwortung« gefeiert. Man sieht dazu im Geiste förmlich fröhliche Arbeitnehmer herumspringen, die sich freuen, als Erwachsene ernst genommen zu werden.

Worte werden auf diese Weise nicht mehr als ambivalente und teilweise von unterschiedlichen Interessen bestimmte Relationsbegriffe, sondern als einfache Substanzbegriffe verwendet, die eindeutig positiv konnontiert werden. Es ist also durchaus so, daß Worte und Begriffe nicht immer Gedanken repräsentieren müssen, sondern über Konvention, Tradition, Gehirnwäsche und andere ideologischen Ablagerungsprozesse zu Denkfloskeln herabsinken können, die anstelle des aktiven Denkens treten. In unseren Tagen ist diese Gedankensklerose vorzüglich als neoliberaler Stockstumpf-Zynismus und als protoprotestantische, proislamische, ehemals friedens- und ökobewegt-moralische und politisch korrekte Schnappatmung als die eine und andere Seite derselben Medaille zu beobachten.

Dem hält Jürgen Habermas mit seiner Sprachtheorie eine Art Utopie der Sprache entgegen. Durch die ideologischen Verzerrungen und Manipulationen der Sprache hindurch scheint für ihn immer der Kern eines rationalen Anerkennungsverhältnisses hindurch, das sich die Partner eines Dialogs stets zu eigen machen müssen, damit überhaupt so etwas wie Kommunikation entsteht. Es ist zu fragen, warum sich diese kommunikative Rationalität immer nur in den Diskursen und nicht einmal eines Tages in der Lebenswelt blicken lassen muß? Ich muß gestehen, ich finde diesen Gedanken keineswegs rundherum abwegig. Allerdings hatte der bundesdeutsche Meisterdenker seinerzeit den Runden Tisch geradezu als Inkarnation seiner Philosophie gepriesen, der sich innerhalb kurzer Zeit so vollständig und nachhaltig blamierte, daß sich Habermas niemals wieder bemüßigt gefühlt hat, auf diesen Bezug nehmen. Dies erspart ihm freilich auch die Mühe, seine Kommunikationstheorie nach dem ersten Realitätskontakt dem Geschehen außerhalb seines Philosophenstübchens anzupassen. Vielleicht ist es dann nur konsequent, wenn er auf seine ganz alten Tage den Dialog mit der Religion sucht, wofür er in der Öffentlichkeit völlig zu Recht als Michail Gorbatschow der Aufklärung gefeiert wird.

Im Alltag wird Sprache nicht so gehandhabt, daß man sich der Begriffe vollkommen klar sein muß, derer man sich bedient, sondern es wird sich einfach auf die Erfahrung verlassen, daß die Worte adäquat die Dinge und Relationen abbilden, die damit gemeint sind. Wenn man aber wie heutzutage in Zeiten lebt, in denen bereits das Alltagsleben durch ein mediales propagandistisches Trommelfeuer hoch ideologisiert wird, kann man erleben, daß die Worte als Gedankenkürzel in die falsche Richtung weisen und auf das Denken und Handeln der Menschen auf fatale Weise zurückwirken. Beispielsweise besteht der gesamte Begriffskatalog, mit dem die Agenda 2010 legitimiert werden sollte (Deregulierung, Flexibilisierung etc.) aus Worthülsen, die genau das Gegenteil von dem ausdrücken, was sie tatsächlich bedeuten. Die bedingungslose Unterordnung unter die Erfordernisse des verselbständigten Marktgeschehens wird hier als persönlicher Freiheitsgewinn und Zuwachs von »Eigenverantwortung« gefeiert. Man sieht dazu im Geiste förmlich fröhliche Arbeitnehmer herumspringen, die sich freuen, als Erwachsene ernst genommen zu werden.

Worte werden auf diese Weise nicht mehr als ambivalente und teilweise von unterschiedlichen Interessen bestimmte Relationsbegriffe, sondern als einfache Substanzbegriffe verwendet, die eindeutig positiv konnontiert werden. Es ist also durchaus so, daß Worte und Begriffe nicht immer Gedanken repräsentieren müssen, sondern über Konvention, Tradition, Gehirnwäsche und andere ideologischen Ablagerungsprozesse zu Denkfloskeln herabsinken können, die anstelle des aktiven Denkens treten. In unseren Tagen ist diese Gedankensklerose vorzüglich als neoliberaler Stockstumpf-Zynismus und als protoprotestantische, proislamische, ehemals friedens- und ökobewegt-moralische und politisch korrekte Schnappatmung als die eine und andere Seite derselben Medaille zu beobachten.

Dem hält Jürgen Habermas mit seiner Sprachtheorie eine Art Utopie der Sprache entgegen. Durch die ideologischen Verzerrungen und Manipulationen der Sprache hindurch scheint für ihn immer der Kern eines rationalen Anerkennungsverhältnisses hindurch, das sich die Partner eines Dialogs stets zu eigen machen müssen, damit überhaupt so etwas wie Kommunikation entsteht. Es ist zu fragen, warum sich diese kommunikative Rationalität immer nur in den Diskursen und nicht einmal eines Tages in der Lebenswelt blicken lassen muß? Ich muß gestehen, ich finde diesen Gedanken keineswegs rundherum abwegig. Allerdings hatte der bundesdeutsche Meisterdenker seinerzeit den Runden Tisch geradezu als Inkarnation seiner Philosophie gepriesen, der sich innerhalb kurzer Zeit so vollständig und nachhaltig blamierte, daß sich Habermas niemals wieder bemüßigt gefühlt hat, auf diesen Bezug nehmen. Dies erspart ihm freilich auch die Mühe, seine Kommunikationstheorie nach dem ersten Realitätskontakt dem Geschehen außerhalb seines Philosophenstübchens anzupassen. Vielleicht ist es dann nur konsequent, wenn er auf seine ganz alten Tage den Dialog mit der Religion sucht, wofür er in der Öffentlichkeit völlig zu Recht als Michail Gorbatschow der Aufklärung gefeiert wird.

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