04.08.2012 / Inland / Seite 8

»Die Menschen bevorzugen verstärkt digitale Formate«

Die Piratenpartei will mit Legenden über die Gefahren ihrer Vorschläge zum Urheberrecht aufräumen. Ein Gespräch mit Bruno Kramm

Mirko Knoche
Bruno Kramm ist Bundesbeauftragter für Urheberrecht der Piratenpartei

Die erste Piratenpartei überhaupt gründete sich in Schweden als Reaktion auf einen Prozeß gegen Pirate Bay – eine Internetseite, auf der Daten zum freien Download angeboten wurden. Mittlerweile vertreten die deutschen Piraten eine gemäßigtere Position zum Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken. Was sind die wichtigsten Elemente?


Wir haben einen Programmantrag entwickelt, der ins Bundestagswahlprogramm eingehen soll. Es ist ein sehr detaillierter Entwurf, der 85 Einzelpunkte enthält. Dazu zählt die digitale Lernmittelfreiheit, denn die Schulbuchverlage weisen bereits darauf hin, wie sich Lehrer strafbar machen, wenn sie ihren Schülern geschützte Werke zugänglich machen. Das entsprechende Gesetz wird zum 1. Januar 2013 verschärft, weil dann eine Ausnahmeregel wegfällt. Wir wollen außerdem erreichen, daß Werke bereits zehn Jahre nach dem Tod des Autors frei verwendet werden dürfen und nicht, wie bis jetzt, nach 70 Jahren. Außerdem verlangen wir, Filesharing für private Zwecke zu entkriminalisieren, also das Teilen von Dateien über das Internet. Auch müssen die Urheber in ihren Rechten gegenüber den Verwertern gestärkt werden.

Was bedeutet digitale Lernmittelfreiheit?


Lehrer müssen in der Lage sein, ihren Schülern digitale Kopien von Lernmitteln zukommen zu lassen. Konkret bedeutet das, ihnen PDF-Dateien zur Verfügung zu stellen, die sie zu Hause nutzen können. Bisher müssen Lehrer dafür gesonderte Lizenzen gegen Bezahlung erwerben. In der Bildung darf es solche Restriktionen nicht geben. Für ein Umdenken bedarf es allerdings einer gesellschaftlichen Diskussion.

Wie wollen Sie die Position der Urheber stützen?

Die müssen bisher umfangreiche Nutzungsrechte an die Verlage abgeben. So verdienen Plattenfirmen mittlerweile einen Großteil ihrer Umsätze nicht mit der Musik, sondern mit Merchandising-Produkten und Fanartikeln. Zum Beispiel müssen die Rechte bei Nichtnutzung viel schneller wieder an den Urheber zurückfallen. Ich habe das selbst mit meinem Plattenvertrag erlebt: Als die Auflage für ein Album verkauft war, bot ich an, eine weitere Pressung auf meine Kosten zu übernehmen. Im Ergebnis mußte ich eine Lizenz auf mein eigenes Werk kaufen! Das ist völliger Unsinn. Das gilt auch für unbekannte Nutzungsarten. In meinem Vertrag mußte ich nicht nur die Rechte für Kassetten, Vinyl und CDs abtreten, sondern auch für alle zukünftigen Medien. Damit waren also auch Musikdateien im Internet abgegolten, obwohl das MP3-Format bei Unterzeichnung noch gar nicht verbreitet war. Wir müssen zudem die Bindung an gesetzliche Fristen reformieren. Die bisherige Regelung besagt, dem Verlag bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors die Rechte zu überlassen.

Sie wollen Filesharing entkriminalisieren. Für die Urheber ist es doch aber ein Problem, daß sie wegen der Raubkopien im Internet weniger Originale verkaufen, oder?


Das stimmt nicht. Die Verwertungsindustrie wartet zwar mit entsprechenden Studien auf, doch die sind sehr tendenziös. Zwar werden tatsächlich weniger physische Medien verkauft. Doch das liegt am veränderten Nutzerverhalten. Die Menschen bevorzugen immer stärker digitale Formate. Die CD ist auf dem Rückzug, während Liebhaber wiederum auf Vinylplatten zurückgreifen. Das Internet hat die Kulturszene demokratisiert. So ist es für kleine Bands erschwinglich geworden, eigene Musik zu produzieren und sie über das Netz zu verbreiten. Früher war ein Plattenvertrag die einzige Alternative zu billigen Demokassetten. Der Mainstream erleidet zwar Umsatz­einbußen, doch das geht zugunsten der unabhängigen Produktionen. Eine amerikanische Studie besagt zudem, daß Werke, die vor dem Veröffentlichungstermin illegal ins Netz gelangen, höhere Verkaufszahlen erzielen als ausschließlich regulär vertriebene. Die Erlöse des Musikverwerters ­GEMA aus legaler Zweitnutzung nehmen zu, in England wird pro Kopf doppelt so viel Geld für Musik ausgegeben wie in Deutschland, obwohl Filesharing 40mal so häufig ist.

Und wie soll die Medienbranche nach Ihrer Meinung reagieren?


Sie muß die Bedürfnisse der Nutzer besser befriedigen. Populäre US-amerikanische Fernsehserien werden in Deutschland deshalb so oft als Raubkopien verbreitete, weil die TV-Sender sie erst Jahre später anbieten.

Sie muß die Bedürfnisse der Nutzer besser befriedigen. Populäre US-amerikanische Fernsehserien werden in Deutschland deshalb so oft als Raubkopien verbreitete, weil die TV-Sender sie erst Jahre später anbieten.
Und wie soll die Medienbranche nach Ihrer Meinung reagieren?

Das stimmt nicht. Die Verwertungsindustrie wartet zwar mit entsprechenden Studien auf, doch die sind sehr tendenziös. Zwar werden tatsächlich weniger physische Medien verkauft. Doch das liegt am veränderten Nutzerverhalten. Die Menschen bevorzugen immer stärker digitale Formate. Die CD ist auf dem Rückzug, während Liebhaber wiederum auf Vinylplatten zurückgreifen. Das Internet hat die Kulturszene demokratisiert. So ist es für kleine Bands erschwinglich geworden, eigene Musik zu produzieren und sie über das Netz zu verbreiten. Früher war ein Plattenvertrag die einzige Alternative zu billigen Demokassetten. Der Mainstream erleidet zwar Umsatz­einbußen, doch das geht zugunsten der unabhängigen Produktionen. Eine amerikanische Studie besagt zudem, daß Werke, die vor dem Veröffentlichungstermin illegal ins Netz gelangen, höhere Verkaufszahlen erzielen als ausschließlich regulär vertriebene. Die Erlöse des Musikverwerters ­GEMA aus legaler Zweitnutzung nehmen zu, in England wird pro Kopf doppelt so viel Geld für Musik ausgegeben wie in Deutschland, obwohl Filesharing 40mal so häufig ist.

Sie wollen Filesharing entkriminalisieren. Für die Urheber ist es doch aber ein Problem, daß sie wegen der Raubkopien im Internet weniger Originale verkaufen, oder?
Die müssen bisher umfangreiche Nutzungsrechte an die Verlage abgeben. So verdienen Plattenfirmen mittlerweile einen Großteil ihrer Umsätze nicht mit der Musik, sondern mit Merchandising-Produkten und Fanartikeln. Zum Beispiel müssen die Rechte bei Nichtnutzung viel schneller wieder an den Urheber zurückfallen. Ich habe das selbst mit meinem Plattenvertrag erlebt: Als die Auflage für ein Album verkauft war, bot ich an, eine weitere Pressung auf meine Kosten zu übernehmen. Im Ergebnis mußte ich eine Lizenz auf mein eigenes Werk kaufen! Das ist völliger Unsinn. Das gilt auch für unbekannte Nutzungsarten. In meinem Vertrag mußte ich nicht nur die Rechte für Kassetten, Vinyl und CDs abtreten, sondern auch für alle zukünftigen Medien. Damit waren also auch Musikdateien im Internet abgegolten, obwohl das MP3-Format bei Unterzeichnung noch gar nicht verbreitet war. Wir müssen zudem die Bindung an gesetzliche Fristen reformieren. Die bisherige Regelung besagt, dem Verlag bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors die Rechte zu überlassen.

Wie wollen Sie die Position der Urheber stützen?

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