13.01.2011 / Ausland / Seite 2

»Zuviel zum Sterben, zu wenig zum Leben«

Die Blockade Israels führt im Gazastreifen langfristig zu enormen Gesundheitsschäden. Ein Gespräch mit Tsafrir Cohen

Gitta Düperthal
Tsafrir Cohen ist Nahost­referent bei Medico International

Die Organisation »Ärzte für Menschenrechte – Israel«, die mit Medico kooperiert, hat in einem aktuellen Bericht die Lage im Gazastreifen zusammengefaßt: Die Blockade und die israelische Politik des »humanitären Minimums« fügen den 1,5 Millionen Einwohnern schweren Schaden zu. Was müssen wir unter diesem Begriff verstehen?

Israelische Behörden haben ihn im Zusammenhang mit der jetzt schon vier Jahre dauernden Blockade des Gazastreifens geprägt. Die Idee dahinter ist, zwar eine humanitäre Krise zu vermeiden, aber zugleich jede Entwicklung der Bevölkerung zu verhindern. Man will mit den Palästinensern in Gaza so umgehen, wie man es für richtig hält, ohne den politischen Preis dafür zahlen zu müssen und zur Verantwortung gezogen zu werden.

Was ist damit gemeint, wenn es im Bericht heißt, 61 Prozent der Bevölkerung in Gaza litten unter »Ernährungsunsicherheit«? Bedeutet es, daß die Menschen nicht wissen, ob sie am nächsten Tag etwas zu essen haben?

So ist es, sie verhungern aber nicht. Die israelischen Behörden lassen ja internationale Hilfsorganisationen nach Gaza rein. Das geht aber gegen die Würde dieser Menschen, sie sind zu Almosenempfängern degradiert. Gemüse auf dem Markt ist teuer, viele Menschen haben keine Arbeit – gesunde Ernährung kann sich kaum jemand leisten. Langfristig kann das bei Erwachsenen zu Gesundheitsschäden und bei Kindern zu Wachstumsproblemen führen.

Warum klappt eigener Anbau von Gemüse und Obst in Gaza nicht?

1,5 Millionen Menschen leben dort, das Land ist 350 Quadratkilometer groß. Es gibt also wenig Platz für die Landwirtschaft. An den Außengrenzen gibt es Anbau, aber genau dort haben die Israelis eine Sicherheitszone eingerichtet, die nach Gaza hineinragt. Landwirte können sich dort gar nicht bewegen – oder nur unter Lebensgefahr Gemüse anpflanzen.

90 bis 95 Prozent der Wasserquellen seien verschmutzt, heißt es im Bericht weiter.

Der Gazastreifen liegt direkt am Meer, dadurch gibt es viel Salz-, aber kaum Süßwasser. Der Landstrich ist in über 40 Jahren Besatzung und nach den Attacken vor zwei Jahren verödet. Gaza ist sowieso eine der trockensten Regionen, hinzu kommt, daß kaum Infrastruktur für die Wasserversorgung vorhanden ist. Israel läßt viele Materialien, mit denen die erstellt werden könnte, nicht ins Land hinein. Meist erklärt man sie als »zweiseitig nutzbar« – für zivile und militärische Zwecke. Bis vor einem halben Jahr war beispielsweise Zement nicht zugelassen – jetzt nur in kleinsten Mengen, mit denen kein Mensch etwas anfangen kann. Das bedeutet, daß nach dem Bombardement der Israelis vor zwei Jahren durch die »Operation gegossenes Blei« zerstörte Bauten nicht wieder aufgebaut werden konnten. Das betrifft nicht nur die Wasserinfrastruktur, sondern auch Krankenhäuser.

71 Prozent der Bevölkerung sind abhängig von internationaler Unterstützung – was können die Hilfsorganisationen bewirken?

Medico arbeitet dort zusammen mit den »Ärzten für Menschenrechte – Israel«. Weder sie noch wir sind unmittelbar eingeschränkt in unserer Arbeit. Allerdings bekommen wir keinen Zement, um eine Klinik zu renovieren. Wir haben entsprechende Anträge gestellt – alles bedarf ja einer Genehmigung der Israelis! Medikament-Spenden und medizinische Geräte können hingegen eingeführt werden. Immer das gleiche Prinzip: Die Menschen werden von ausländischer Hilfe abhängig gehalten. Die Folge sind 35 Prozent Arbeitslosigkeit – man darf nicht vergessen, daß 50 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahren sind, die haben nahezu alle kein Geld, sich etwas zu kaufen. Sie können nichts exportieren. Sie haben zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben.

Werden kritische Berichte von medico oder deren Partnerorganisation wahrgenommen?

International nimmt man uns ernst – doch die israelische Regierung will das Leiden der Palästinenser nicht wahrnehmen. Wir beobachten mit großer Sorge den Abbau der Demokratie, der in Gaza zu beobachten ist. Wer permanent kontrolliert und in seinen Freiheiten eingeschränkt wird, kann sich nicht entwickeln.

Die Situation spitzt sich zu, es ist soweit, daß Palästinenser sich gegenseitig foltern. Das alles bestärkt wiederum die israelische Blockadepolitik. Wir empfehlen aufgrund des Reports, die Blockade unbedingt aufzuheben.

International nimmt man uns ernst – doch die israelische Regierung will das Leiden der Palästinenser nicht wahrnehmen. Wir beobachten mit großer Sorge den Abbau der Demokratie, der in Gaza zu beobachten ist. Wer permanent kontrolliert und in seinen Freiheiten eingeschränkt wird, kann sich nicht entwickeln.

Die Situation spitzt sich zu, es ist soweit, daß Palästinenser sich gegenseitig foltern. Das alles bestärkt wiederum die israelische Blockadepolitik. Wir empfehlen aufgrund des Reports, die Blockade unbedingt aufzuheben.

Medico arbeitet dort zusammen mit den »Ärzten für Menschenrechte – Israel«. Weder sie noch wir sind unmittelbar eingeschränkt in unserer Arbeit. Allerdings bekommen wir keinen Zement, um eine Klinik zu renovieren. Wir haben entsprechende Anträge gestellt – alles bedarf ja einer Genehmigung der Israelis! Medikament-Spenden und medizinische Geräte können hingegen eingeführt werden. Immer das gleiche Prinzip: Die Menschen werden von ausländischer Hilfe abhängig gehalten. Die Folge sind 35 Prozent Arbeitslosigkeit – man darf nicht vergessen, daß 50 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahren sind, die haben nahezu alle kein Geld, sich etwas zu kaufen. Sie können nichts exportieren. Sie haben zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben.



Der Gazastreifen liegt direkt am Meer, dadurch gibt es viel Salz-, aber kaum Süßwasser. Der Landstrich ist in über 40 Jahren Besatzung und nach den Attacken vor zwei Jahren verödet. Gaza ist sowieso eine der trockensten Regionen, hinzu kommt, daß kaum Infrastruktur für die Wasserversorgung vorhanden ist. Israel läßt viele Materialien, mit denen die erstellt werden könnte, nicht ins Land hinein. Meist erklärt man sie als »zweiseitig nutzbar« – für zivile und militärische Zwecke. Bis vor einem halben Jahr war beispielsweise Zement nicht zugelassen – jetzt nur in kleinsten Mengen, mit denen kein Mensch etwas anfangen kann. Das bedeutet, daß nach dem Bombardement der Israelis vor zwei Jahren durch die »Operation gegossenes Blei« zerstörte Bauten nicht wieder aufgebaut werden konnten. Das betrifft nicht nur die Wasserinfrastruktur, sondern auch Krankenhäuser.

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