15.12.2008 / Abgeschrieben / Seite 8

Zügellos

Der israelische Friedensaktivist Michael Warschawski, Mitbegründer des Alternativen Informationszentrums in Jerusalem (AIC), kritisiert die EU-Politik gegenüber Israel:

»Gaza brennt« schreibt die französische Aktivistin Liliane Kaczerginski und benützt dabei genau die Wörter eines bekannten Liedes über ein jüdisches Dorf, das von den Nazis zerstört wurde. Wie vor 60 Jahren brennt Gaza – und die Welt schaut weg und wartet auf das Ergebnis des nicht existierenden Friedensprozesses. »Eine feindselige Entität« – so definierte die israelische Führung vor einem Jahr einen Landstrich mit 1,5 Millionen Zivilisten, in dem Frauen, Alte und Kinder zu überleben versuchen. Als solches hat der israelische Staat das Recht, ja die Pflicht, einen Vernichtungskrieg zu führen.

Vor ein paar Jahren verwendete die inzwischen verstorbene Tanya Reinhardt das Wort »Genozid«, um die harte Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten durch Israel zu beschreiben. Ich gehörte zu denen, die sie dafür kritisierten, solch ein starkes Wort zu benützen. Egal, wo du jetzt bist, vergib mir Tanya, denn du hattest recht; du hattest die wahren israelischen Pläne richtig vorausgesehen – und ich hatte völlig unrecht. Der Staat Israel führt einen zügellosen Genozid gegen die Bevölkerung im Gazastreifen aus, verwendet als Waffe das Fast-Verhungern-Lassen, die Nichtlieferung von Strom und Trinkwasser, provoziert Epidemien und verhindert grundlegende Gesundheitsversorgung. Gaza wird belagert. Der Kriegsverbrecher Ehud Barak hat gerade den Befehl gegeben, die humanitäre Notversorgung durch die UNRWA zu halbieren.

(…) Als der Irak Kuwait besetzte, begann die internationale Gemeinschaft mit einem militärischen Angriff auf den Irak, und ein radikales Embargo verursachte den Tod Hunderttausender unschuldiger Kinder. Heute ist dieselbe internationale Gemeinschaft vollkommen stumm und teilnahmslos gegenüber dem Leiden der Menschen im Gazastreifen. Es ist unsere Pflicht, die Pflicht der zivilen Gesellschaften in aller Welt, von den internationalen Institutionen und Regierungen dringende und drastische Aktionen gegen Israel zu fordern, einem Staat, der die Grundregeln des Völkerrechts verletzt und Hunderte von UN-Resolutionen und jede Konvention, bei der es um den Schutz der Menschenrechte geht, mißachtet.

Die Kriegsverbrechen, die vom israelischen Staat gegenüber der Bevölkerung des Gazastreifens verübt werden, schließt Israel aus der Gemeinschaft der Nationen aus. Wie dem Apartheidstaat Südafrika sollten Israel Sanktionen auferlegt, es sollte boykottiert und nicht mit Verbesserungen eines Partnerschaftsabkommens mit der EU belohnt werden.

Als Bürger Israels erwarte ich von der EU, daß sie uns hilft, Druck auf unsere Regierung auszuüben, damit die Verbrechen gegen die palästinensische Bevölkerung des Gazastreifens endlich gestoppt werden. Indem man Israel mit Verbesserungen seiner Beziehungen zur europäischen Gemeinschaft belohnt, würde diese EU-Botschaft für alle Europäer, für die menschliche Würde noch ein Wert darstellt, ein Schandfleck sein. Sie sollte verurteilt und bekämpft werden.

Übersetzung: Ellen Rohlfs

Artikel-Länge: 3129 Zeichen

Willkommen bei der Tageszeitung junge Welt

Zum Aufrufen dieser Seite ist ein Onlineabo erforderlich.

Bitte einloggen

Hilfe und Informationen

Abo abschließen

Welche Vorteile bietet ein Onlineabo?

  • Zugriff auf das Archiv seit 1997, alle Artikel und Recherchewerkzeuge.
  • E-Mail-Abo im Text-, HTML- oder E-Pub-Format.
  • Zugriff auf Seiten im PDF-Format.
  • Verwalten eigener Lesezeichen.

Zur aktuellen Ausgabe