13.05.2006 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

Museum im Exil

Erinnerungen an die palästinensische Kultur vor 1948

Andrea Bistrich und Chris Kleinert (Fotos)
Margi: Jedes Jahr wird der 14.Mai 1948 von Israelis als Freudentag ihrer Staatsgründung gefeiert. Für Palästinenser aber bedeutete die Umwandlung eines mehrheitlich arabischen Landes in einen mehrheitlich jüdischen Staat »die Katastrophe«: Al Nakba. Der 15. Mai hat im palästinensischen Kalender eine herausragende Stellung als Gedenktag. An ihm soll die Geschichte Palästinas vergegenwärtigt und der Opfer der Massenvertreibungen gedacht werden.


Tyre, Libanon. Auf den massiven Holzregalen liegen ein paar Haushaltsgegenstände, ein französisches Feuerzeug, ein eingerosteter Löffel, ein Schraubschlüssel mit der Aufschrift »Made in Germany«, jahrzehntealte Tonkrüge und Kupferteller – auf den ersten Blick ein bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium wertloser Gebrauchsgegenstände.

»Und hier«, sagt Mahmoud Dakwar, »haben wir etwas ganz Besonderes.« Mit zwei kleinen Metallgegenständen in der Hand geht er mit raschem Schritt vor die Tür in die gleißende Mittagssonne. Er hält sie hoch. »Das sind die Schlüssel Palästinas.« Der schwärzlich angelaufene, rustikal geschwungene Schlüssel gehörte zu einem Haus in Nazareth. Bis 1948. Dann mußte sein Besitzer fliehen und hat den Hausschlüssel mitgenommen, in der Hoffnung, bald wieder in seine Heimat zurück zu können. Der andere Schlüssel ist poliert und stammt von einer Haustür in Safad mit der gleichen Geschichte.

Selbst wenn die Häuser heute, knapp sechzig Jahre nach der Nak­ba– Katastrophe –, noch stehen sollten, die Schlösser dürften inzwischen von den neuen Besitzern ausgewechselt worden sein. Was früher Palästina war, ist heute Israel. 750000 Palästinenser flohen vor den Massakern israelischer Truppen und deren systematischer Zerstörung ganzer palästinensischer Dörfer. Eins der in den arabischen Nachbarstaaten entstandenen großen Flüchtlingslager, Al Bass, liegt unmittelbar vor der südlibanesischen Stadt Tyre. Rund 10000 Menschen leben darin, Flüchtlinge mit ihren Kindern und Kindeskindern.

Am Rande des Lagers, im Matchouk-Viertel, hat Mahmoud Dakwar sein Museum eingerichtet. »Damit wir niemals vergessen, wo wir herkommen und wohin wir eines Tages wieder zurückkehren werden«, erklärt der 69jährige Gründer und Kurator. »Vielleicht nicht mehr wir Älteren, aber wohl doch unsere Kinder.« Für die Nachkommen hat er mehr als 2500 Gegenstände aus Palästina vor 1948 zusammengetragen – zur Erinnerung an die ursprüngliche materielle palästinensische Kultur«, sagt Dakwar. »Die junge Generation kann sich heute kaum mehr ein Bild davon machen, wie ihre Eltern und Großeltern im alten Palästina lebten.« Dakwars ansehnliche Sammlung ist das erste und bislang einzige Palästina-Museum.

Aus allen Teilen der Welt hat der ehemalige Schullehrer die Gegenstände zusammengetragen. Vieles davon stammt von palästinensischen Familien, die jetzt im Libanon, in Europa oder in den arabischen Ländern leben. Manches kommt aus Amerika. »Ich gehe oft zu den lokalen Märkten, und wenn ich etwas entdecke, frage ich die Leute, was sie dafür haben wollen.« Die meisten Palästinenser sind froh, wenn sie etwas für den Erhalt ihrer Kultur tun können und geben das eine oder andere, was sie noch aus der Zeit vor 1948 besitzen, als Spende.

Dakwars Museum ist gleichzeitig auch öffentliche Bibliothek. Mehr als 8000 Bücher – die meisten davon, 1500, über Palästina, 1000 über den Libanon und viele weitere zu Themen wie Religion, Wirtschaft und Sozialwissenschaft – und ganze Bündel von Zeitschriften drängen sich in den Regalen im linken Teil des Raumes. Ein kleiner Tisch mit Stühlen steht für Besucher bereit. Wer nicht unbedingt ausleihen möchte, kann die Werke gleich hier einsehen. Mitgliedsbeiträge oder Ausleihgebühren gibt es nicht.

»Wann immer ich nach Syrien oder Ägypten reiste, habe ich arabische Bücher gekauft. Manches davon sind seltene Editionen«, erzählt Dakwar. Mit der Zeit ist die Bibliothek, die ursprünglich sein Privatbesitz war, gewachsen. Heute sind die Bücher für alle zugänglich. Auch ausländische Bände sind darunter – englische, russische, persische und französische. »Wir haben sogar ein Buch über Deutschland«, Dakwar sucht in den Regalen. Schließlich zieht er triumphierend einen Band im DIN-A4-Format heraus. »Allerdings auf Arabisch«, wendet er ein und steckt ihn wieder zurück.

Mahmoud Dakwar ist selbst ein Flüchtling – seit 58 Jahren. »Wissen Sie, was ein Flüchtling ist?« Dakwar ist ernst geworden. Er senkt die Augen. »Ein Flüchtling ist jemand ohne Paß, ohne Rechte; ein Flüchtling ist jemand, der nirgendwo erwünscht ist.« Am 29. Oktober 1948, im Alter von elf Jahren, floh er mit seiner Familie vor den israelischen Granaten, die sein Dorf, die Olivenhaine, den gesamten Besitz der Familie zu zerstören drohten. »Um uns herum flogen Geschosse, ich hörte Gewehrsalven; israelische Flugzeuge bombardierten die Dörfer der umliegenden Nachbarschaft. Menschen beteten zu Allah, ich sah Verletzte ohne Gliedmaßen, manche ohne Kopf.« Nach zwei Nächten Fußmarsch schafften es Dakwar, sein jüngerer Bruder und seine Eltern über die libanesische Grenze. »Nun waren wir Flüchtlinge in einem fremden Land. Ohne Obdach, Essen, Kleidung – wir hatten nichts mehr.«

Doch Mahmoud Dakawar hatte Glück im Unglück: Er fand Arbeit bei der palästinensischen Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen, der United Nations Work and Relief Agency (UNRWA). 44 Jahre lang – von seinem 16. Lebensjahr bis zu seinem sechzigsten – arbeitete er als Lehrer in dem Flüchtlingslager Bourj Shemali in Südlibanon. Seine Heimat hat er nie mehr gesehen, obwohl er heute nur 15 Kilometer von der Grenze entfernt lebt. Bei gutem Wetter kann man von den Dächern in Matchouk mit bloßem Auge die palästinensische Stadt Al Naquora erkennen, die unmittelbar in der Nähe seines ehemaligen Dorfes liegt.

Ja, er sei stolz auf sein Lebenswerk, bekennt Dakwar nickend. Aber er weiß auch um die vielen Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und nicht zuletzt um die Kosten. Umgerechnet mehr als 140000 Dollar, nahezu seine gesamte Alterspension, hat er schon in das Museum hineingesteckt. »Ich stehe kurz vor dem Ruin«, bekennt er. Dennoch wolle er weitermachen. »Die Geschichte unseres Volkes ist mehr wert als Geld.« Als er in den achtziger Jahren erkannte, daß nur noch sehr wenig von dem Palästina seiner Kindheit übriggeblieben war, von dem Moment an, machte er sich zur Mission, zumindest noch das wenige zu bewahren, was die palästinensische Kultur einst ausgemacht hatte. »Mein ganz persönlicher Beitrag zum palästinensischen Kampf um unsere Freiheit und Rechte.« Dakwar lächelt. Eines Tages, so hofft er, wenn wir wieder Frieden haben, wird das Museum in Palästina stehen.

Vorerst muß er sich allerdings mit den libanesischen Gegebenheiten auseinandersetzen: »Im Grunde darf ich das Museum gar nicht so nennen«, verrät er. Nach dem libanesischen Gesetz ist es offiziell verboten, eine palästinensische Körperschaft – einen Verein, eine Stiftung, eine Gesellschaft und sogar ein Museum – zu gründen. »Ich könnte dafür bestraft werden«, aber auch das scheint ihn nicht zu stören.

Durch den Raum streicht der kühle Luftzug der Klimaanlage. Papiere rascheln. Besucher zeigen neugierig auf die ordentlich aufgereihten Plastikbeutel im hinteren Teil des Raumes. »Das«, sagt Dakwar bedächtig, als ließe er jedes Wort auf der Zunge zergehen, »das sind Reste von Olivenbaumblättern und kleinen Zweigen aus unseren Dörfern in Palästina vor 1948.« Er ist sichtlich bewegt und nimmt einen der Plastikbeutel vom Regal. »Und das hier ist echte palästinensische Erde.«

Eine ganze Reihe von Gegenständen im Fundus stammt aus osmanischer Zeit und läßt erkennen, wie ländlich die palästinensische Gesellschaft von einst gewesen ist. Tierhaltung, Ackerbau, die Kultivierung von Datteln und Oliven waren die Pfeiler des täglichen Lebens. In den zwanziger Jahren, während des britischen Mandats, kam viel Importware nach Palästina. Gebrauchsgegenstände »Made in Germany«, »Sweden« oder »England«. Neben einer schwedischen Kaffeemühle mit Handkurbel findet man ein leeres Glas, aus dem, sobald man den Deckel abnimmt, noch der Geruch von getrockneten Gewürzen ausströmt; auf den Ständern daneben farbenfrohe traditionelle Frauenkleidung; Schmuck; Tücher, denen man ansieht, daß sie häufig getragen wurden; auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes mehr als 3000 originale, mittlerweile aber völlig wertlose Urkunden aus der osmanischen Zeit und der des britischen Mandats – Lizenzen zum Anbau von Tabak, ein Scheck, ausgestellt von der Osmanischen Bank für Agrarwirtschaft, mehrere beglaubigte Dokumente, die den Haus- und Grundbesitz palästinensischer Familien belegen. Es gibt englisches, arabisches und hebräisches Papiergeld und ein komplettes Set Münzen aus der britischen Mandatszeit. »Die palästinensischen Münzen habe ich in Amerika gekauft. Eine absolute Rarität, aber sehr teuer«, gesteht Dakwar. Auch das Schloß des berüchtigten Gefängnisses von Acre zählt er zu seiner Sammlung: Hier hat die britische Armee während der Revolte von 1936 die ersten palästinensischen Freiheitskämpfer eingekerkert und exekutiert. Heute gehört die Altstadt von Acre zum UNESCO-Weltkulturerbe, das Gefängnis von einst ist zum Touristenmagnet unter israelischer Herrschaft mutiert.

Dakwar geht auf die andere Seite des großen Tisches und zeigt auf ein Buch mit arabischer Schrift. »Ich habe dieses Buch kürzlich geschrieben – eine Dokumentation über Palästina vor der Nakba. Jedes Dorf, jeder Garten, jeder Olivenhain, jeder Fluß und jeder Friedhof von einst sind darin aufgezeichnet – damit die Jungen wissen, wie das Land ausgesehen hat, in das sie eines Tages zurückkehren werden.«

Die Rückkehr. Das ist der alte palästinensische Traum, an dem Schulkinder wie Teenager und Erwachsene gleichsam festhalten. Israel hat dies bislang hartnäckig verweigert. Ob er sich überhaupt vorstellen kann, mit seinen ehemaligen Peinigern in einem gemeinsamen Staat zu leben? »Ja, schon«, sagt Dakwar, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Wir haben auch früher zusammengelebt – Christen, Juden und Muslime.« Und dann fügt er noch hinzu: »Peace is possible«, Frieden ist möglich.


Tyre, Libanon. Auf den massiven Holzregalen liegen ein paar Haushaltsgegenstände, ein französisches Feuerzeug, ein eingerosteter Löffel, ein Schraubschlüssel mit der Aufschrift »Made in Germany«, jahrzehntealte Tonkrüge und Kupferteller – auf den ersten Blick ein bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium wertloser Gebrauchsgegenstände.

»Und hier«, sagt Mahmoud Dakwar, »haben wir etwas ganz Besonderes.« Mit zwei kleinen Metallgegenständen in der Hand geht er mit raschem Schritt vor die Tür in die gleißende Mittagssonne. Er hält sie hoch. »Das sind die Schlüssel Palästinas.« Der schwärzlich angelaufene, rustikal geschwungene Schlüssel gehörte zu einem Haus in Nazareth. Bis 1948. Dann mußte sein Besitzer fliehen und hat den Hausschlüssel mitgenommen, in der Hoffnung, bald wieder in seine Heimat zurück zu können. Der andere Schlüssel ist poliert und stammt von einer Haustür in Safad mit der gleichen Geschichte.

Selbst wenn die Häuser heute, knapp sechzig Jahre nach der Nak­ba– Katastrophe –, noch stehen sollten, die Schlösser dürften inzwischen von den neuen Besitzern ausgewechselt worden sein. Was früher Palästina war, ist heute Israel. 750000 Palästinenser flohen vor den Massakern israelischer Truppen und deren systematischer Zerstörung ganzer palästinensischer Dörfer. Eins der in den arabischen Nachbarstaaten entstandenen großen Flüchtlingslager, Al Bass, liegt unmittelbar vor der südlibanesischen Stadt Tyre. Rund 10000 Menschen leben darin, Flüchtlinge mit ihren Kindern und Kindeskindern.

Am Rande des Lagers, im Matchouk-Viertel, hat Mahmoud Dakwar sein Museum eingerichtet. »Damit wir niemals vergessen, wo wir herkommen und wohin wir eines Tages wieder zurückkehren werden«, erklärt der 69jährige Gründer und Kurator. »Vielleicht nicht mehr wir Älteren, aber wohl doch unsere Kinder.« Für die Nachkommen hat er mehr als 2500 Gegenstände aus Palästina vor 1948 zusammengetragen – zur Erinnerung an die ursprüngliche materielle palästinensische Kultur«, sagt Dakwar. »Die junge Generation kann sich heute kaum mehr ein Bild davon machen, wie ihre Eltern und Großeltern im alten Palästina lebten.« Dakwars ansehnliche Sammlung ist das erste und bislang einzige Palästina-Museum.

Aus allen Teilen der Welt hat der ehemalige Schullehrer die Gegenstände zusammengetragen. Vieles davon stammt von palästinensischen Familien, die jetzt im Libanon, in Europa oder in den arabischen Ländern leben. Manches kommt aus Amerika. »Ich gehe oft zu den lokalen Märkten, und wenn ich etwas entdecke, frage ich die Leute, was sie dafür haben wollen.« Die meisten Palästinenser sind froh, wenn sie etwas für den Erhalt ihrer Kultur tun können und geben das eine oder andere, was sie noch aus der Zeit vor 1948 besitzen, als Spende.

Dakwars Museum ist gleichzeitig auch öffentliche Bibliothek. Mehr als 8000 Bücher – die meisten davon, 1500, über Palästina, 1000 über den Libanon und viele weitere zu Themen wie Religion, Wirtschaft und Sozialwissenschaft – und ganze Bündel von Zeitschriften drängen sich in den Regalen im linken Teil des Raumes. Ein kleiner Tisch mit Stühlen steht für Besucher bereit. Wer nicht unbedingt ausleihen möchte, kann die Werke gleich hier einsehen. Mitgliedsbeiträge oder Ausleihgebühren gibt es nicht.

»Wann immer ich nach Syrien oder Ägypten reiste, habe ich arabische Bücher gekauft. Manches davon sind seltene Editionen«, erzählt Dakwar. Mit der Zeit ist die Bibliothek, die ursprünglich sein Privatbesitz war, gewachsen. Heute sind die Bücher für alle zugänglich. Auch ausländische Bände sind darunter – englische, russische, persische und französische. »Wir haben sogar ein Buch über Deutschland«, Dakwar sucht in den Regalen. Schließlich zieht er triumphierend einen Band im DIN-A4-Format heraus. »Allerdings auf Arabisch«, wendet er ein und steckt ihn wieder zurück.

Mahmoud Dakwar ist selbst ein Flüchtling – seit 58 Jahren. »Wissen Sie, was ein Flüchtling ist?« Dakwar ist ernst geworden. Er senkt die Augen. »Ein Flüchtling ist jemand ohne Paß, ohne Rechte; ein Flüchtling ist jemand, der nirgendwo erwünscht ist.« Am 29. Oktober 1948, im Alter von elf Jahren, floh er mit seiner Familie vor den israelischen Granaten, die sein Dorf, die Olivenhaine, den gesamten Besitz der Familie zu zerstören drohten. »Um uns herum flogen Geschosse, ich hörte Gewehrsalven; israelische Flugzeuge bombardierten die Dörfer der umliegenden Nachbarschaft. Menschen beteten zu Allah, ich sah Verletzte ohne Gliedmaßen, manche ohne Kopf.« Nach zwei Nächten Fußmarsch schafften es Dakwar, sein jüngerer Bruder und seine Eltern über die libanesische Grenze. »Nun waren wir Flüchtlinge in einem fremden Land. Ohne Obdach, Essen, Kleidung – wir hatten nichts mehr.«

Doch Mahmoud Dakawar hatte Glück im Unglück: Er fand Arbeit bei der palästinensischen Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen, der United Nations Work and Relief Agency (UNRWA). 44 Jahre lang – von seinem 16. Lebensjahr bis zu seinem sechzigsten – arbeitete er als Lehrer in dem Flüchtlingslager Bourj Shemali in Südlibanon. Seine Heimat hat er nie mehr gesehen, obwohl er heute nur 15 Kilometer von der Grenze entfernt lebt. Bei gutem Wetter kann man von den Dächern in Matchouk mit bloßem Auge die palästinensische Stadt Al Naquora erkennen, die unmittelbar in der Nähe seines ehemaligen Dorfes liegt.

Ja, er sei stolz auf sein Lebenswerk, bekennt Dakwar nickend. Aber er weiß auch um die vielen Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und nicht zuletzt um die Kosten. Umgerechnet mehr als 140000 Dollar, nahezu seine gesamte Alterspension, hat er schon in das Museum hineingesteckt. »Ich stehe kurz vor dem Ruin«, bekennt er. Dennoch wolle er weitermachen. »Die Geschichte unseres Volkes ist mehr wert als Geld.« Als er in den achtziger Jahren erkannte, daß nur noch sehr wenig von dem Palästina seiner Kindheit übriggeblieben war, von dem Moment an, machte er sich zur Mission, zumindest noch das wenige zu bewahren, was die palästinensische Kultur einst ausgemacht hatte. »Mein ganz persönlicher Beitrag zum palästinensischen Kampf um unsere Freiheit und Rechte.« Dakwar lächelt. Eines Tages, so hofft er, wenn wir wieder Frieden haben, wird das Museum in Palästina stehen.

Vorerst muß er sich allerdings mit den libanesischen Gegebenheiten auseinandersetzen: »Im Grunde darf ich das Museum gar nicht so nennen«, verrät er. Nach dem libanesischen Gesetz ist es offiziell verboten, eine palästinensische Körperschaft – einen Verein, eine Stiftung, eine Gesellschaft und sogar ein Museum – zu gründen. »Ich könnte dafür bestraft werden«, aber auch das scheint ihn nicht zu stören.

Durch den Raum streicht der kühle Luftzug der Klimaanlage. Papiere rascheln. Besucher zeigen neugierig auf die ordentlich aufgereihten Plastikbeutel im hinteren Teil des Raumes. »Das«, sagt Dakwar bedächtig, als ließe er jedes Wort auf der Zunge zergehen, »das sind Reste von Olivenbaumblättern und kleinen Zweigen aus unseren Dörfern in Palästina vor 1948.« Er ist sichtlich bewegt und nimmt einen der Plastikbeutel vom Regal. »Und das hier ist echte palästinensische Erde.«

Eine ganze Reihe von Gegenständen im Fundus stammt aus osmanischer Zeit und läßt erkennen, wie ländlich die palästinensische Gesellschaft von einst gewesen ist. Tierhaltung, Ackerbau, die Kultivierung von Datteln und Oliven waren die Pfeiler des täglichen Lebens. In den zwanziger Jahren, während des britischen Mandats, kam viel Importware nach Palästina. Gebrauchsgegenstände »Made in Germany«, »Sweden« oder »England«. Neben einer schwedischen Kaffeemühle mit Handkurbel findet man ein leeres Glas, aus dem, sobald man den Deckel abnimmt, noch der Geruch von getrockneten Gewürzen ausströmt; auf den Ständern daneben farbenfrohe traditionelle Frauenkleidung; Schmuck; Tücher, denen man ansieht, daß sie häufig getragen wurden; auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes mehr als 3000 originale, mittlerweile aber völlig wertlose Urkunden aus der osmanischen Zeit und der des britischen Mandats – Lizenzen zum Anbau von Tabak, ein Scheck, ausgestellt von der Osmanischen Bank für Agrarwirtschaft, mehrere beglaubigte Dokumente, die den Haus- und Grundbesitz palästinensischer Familien belegen. Es gibt englisches, arabisches und hebräisches Papiergeld und ein komplettes Set Münzen aus der britischen Mandatszeit. »Die palästinensischen Münzen habe ich in Amerika gekauft. Eine absolute Rarität, aber sehr teuer«, gesteht Dakwar. Auch das Schloß des berüchtigten Gefängnisses von Acre zählt er zu seiner Sammlung: Hier hat die britische Armee während der Revolte von 1936 die ersten palästinensischen Freiheitskämpfer eingekerkert und exekutiert. Heute gehört die Altstadt von Acre zum UNESCO-Weltkulturerbe, das Gefängnis von einst ist zum Touristenmagnet unter israelischer Herrschaft mutiert.

Dakwar geht auf die andere Seite des großen Tisches und zeigt auf ein Buch mit arabischer Schrift. »Ich habe dieses Buch kürzlich geschrieben – eine Dokumentation über Palästina vor der Nakba. Jedes Dorf, jeder Garten, jeder Olivenhain, jeder Fluß und jeder Friedhof von einst sind darin aufgezeichnet – damit die Jungen wissen, wie das Land ausgesehen hat, in das sie eines Tages zurückkehren werden.«

Die Rückkehr. Das ist der alte palästinensische Traum, an dem Schulkinder wie Teenager und Erwachsene gleichsam festhalten. Israel hat dies bislang hartnäckig verweigert. Ob er sich überhaupt vorstellen kann, mit seinen ehemaligen Peinigern in einem gemeinsamen Staat zu leben? »Ja, schon«, sagt Dakwar, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Wir haben auch früher zusammengelebt – Christen, Juden und Muslime.« Und dann fügt er noch hinzu: »Peace is possible«, Frieden ist möglich.

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