31.03.2006 / Feuilleton / Seite 13

»So funktioniert das System«

Das US-Imperium soll in 15 Jahren fallen. Ein Gespräch mit dem Friedensforscher Johan Galtung

Stefan Valentin
Johan Galtung wirkt seit über 40 Jahren als Friedens- und Konfliktforscher. Der norwegische Politologe nahm in 45 großen Konflikten weltweit die Rolle eines Vermittlers ein, beispielsweise in Ecuador, Afghanistan und Sri Lanka. Die Begriffe »strukturelle Gewalt« sowie »positiver Friede« gehen auf ihn zurück. Er wirkte auch am Konzept der »sozialen Verteidigung« mit und setzte sich für eine Demokratisierung der Vereinten Nationen bzw. für ein Weltparlament ein. 1987 erhielt er den alternativen Nobelpreis

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks machten Sie eine Prophezeihung: Entweder würden die Grünen oder der Islam das neue Feindbild des Westens werden. Bezogen auf den Islam scheinen Sie Recht behalten zu haben.

Zunächst habe ich 1980 die Prophezeiung gewagt, daß vor 1990 die Mauer zusammenbrechen würde und danach das sowjetische Imperium. Diese Prognose war nicht verkehrt. Ich denke, mit dem feindlichen Islambild lag ich auch nicht daneben. Der Fall des Sowjetimperiums war ja in einem gewissen Sinn ein Teil der Vorhersage: Wenn ein Feind ausfällt, muß man einen neuen haben – zumindest wenn man so dichothom und apokalyptisch denkt wie die US-Amerikaner.

Wird so nur in den USA gedacht?

Es sind die Amerikaner, die anderen plappern nach, weil sie gute NATO-Mitglieder sind und dasselbe sagen müssen wie die Amerikaner. So funktioniert das System. Die Analyse der herrschenden Macht ist sozusagen die herrschende Analyse.

Wenn die Vereinigten Staaten Außenpolitik betreiben, und das tun sie ja immer, gibt es zwei Dinge: Die langfristige Zielsetzung und die aktuellen Vorwände für ihr praktisches Vorgehen. Also muß man trennen, was die Vereinigten Staaten eigentlich wünschen und was ein Vorwand ist. Ich bin nicht so überzeugt, daß sie wirklich an das Feindbild Islam glauben, aber das Feindbild ist nützlich.

Was die Zielsetzung angeht, so war diese immer ganz klar. Es gab immer zwei Zielsetzungen. Erstens Märkte und Rohstoffe und zweitens die Militärbasen, um das zu kontrollieren. Also könnte man sagen, daß es um eine ökonomische und eine militärische Zielsetzung geht. Darüber gibt es ein ausgezeichnetes Buch von John Perkins: »Bekenntnisse eines Economic Hit Man« (jW 5.1.2005). Wie das alles genau vor sich geht, kann man darin nachlesen.

Herr Galtung, haben Sie eine weitere Prognose?

Ja. Sie betrifft den Zusammenbruch des US-Imperiums. Diesen prognostizierte ich 2000 für den Zeitraum von 2020 bis 2025. Aber dann ist Herr Bush jr. Präsident geworden, und ich habe diese Frist um fünf Jahre abgekürzt, weil Bush beschleunigend wirkt. Deswegen sage ich jetzt: vor 2020.

Das heißt aber nicht, daß die USA zusammenklappen. Vielmehr wird es eine Befreiung für die USA sein. Sie werden erblühen, wenn sie von diesem Imperium befreit sein werden.

Die marxistische Theorie sagt ja schon im Kommunistischen Manifest, daß das bürgerliche Produktionsverhältnis keine Gnade kennt. Andererseits ist der Weltmarkt auch die Bedin...

Ja. Sie betrifft den Zusammenbruch des US-Imperiums. Diesen prognostizierte ich 2000 für den Zeitraum von 2020 bis 2025. Aber dann ist Herr Bush jr. Präsident geworden, und ich habe diese Frist um fünf Jahre abgekürzt, weil Bush beschleunigend wirkt. Deswegen sage ich jetzt: vor 2020.

Das heißt aber nicht, daß die USA zusammenklappen. Vielmehr wird es eine Befreiung für die USA sein. Sie werden erblühen, wenn sie von diesem Imperium befreit sein werden.



Es sind die Amerikaner, die anderen plappern nach, weil sie gute NATO-Mitglieder sind und dasselbe sagen müssen wie die Amerikaner. So funktioniert das System. Die Analyse der herrschenden Macht ist sozusagen die herrschende Analyse.

Wenn die Vereinigten Staaten Außenpolitik betreiben, und das tun sie ja immer, gibt es zwei Dinge: Die langfristige Zielsetzung und die aktuellen Vorwände für ihr praktisches Vorgehen. Also muß man trennen, was die Vereinigten Staaten eigentlich wünschen und was ein Vorwand ist. Ich bin nicht so überzeugt, daß sie wirklich an das Feindbild Islam glauben, aber das Feindbild ist nützlich.

Was die Zielsetzung angeht, so war diese immer ganz klar. Es gab immer zwei Zielsetzungen. Erstens Märkte und Rohstoffe und zweitens die Militärbasen, um das zu kontrollieren. Also könnte man sagen, daß es um eine ökonomische und eine militärische Zielsetzung geht. Darüber gibt es ein ausgezeichnetes Buch von John Perkins: »Bekenntnisse eines Economic Hit Man« (jW 5.1.2005). Wie das alles genau vor sich geht, kann man darin nachlesen.

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