#wsf2018

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Widerstehen heißt gestalten, widerstehen heißt verändern: Vom 13. bis 17. März 2018 fand in Salvador da Bahia im Nordosten Brasiliens das vierzehnte Weltsozialforum statt. junge Welt berichtete direkt vom Treffen der sozialen Bewegungen und NGO.

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    ATTAC zeigt auch in Bahia Flagge

    Frauke Distelrath

    Das Europäische ATTAC-Netzwerk wird mit mehreren Workshops auf dem Festival der
    sozialen Bewegungen in Salvador de Bahia vertreten sein, zu dem Zehntausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Teilen der Welt erwartet werden.

    Mit dem diesjährigen Veranstaltungsort im afrobrasilianischen Teil Brasiliens richten die Organisatoren den Fokus wieder auf die Probleme des globalen Südens und seine vielfältigen
    Formen des Widerstands. Der Bundesstaat Bahia gilt mit seiner Linksregierung als Hochburg der Protestbewegung gegen den brasilianischen Putschpräsidenten Michel Temer.

    Inhaltlich orientiert sich das Forum an Themenachsen wie Demokratie, ökonomische Alternativen, Umwelt und Kampf gegen Rassismus. Auch die zukünftige Orientierung des Weltsozialforums steht zur Debatte, die in einer Sitzung des Internationalen Rats im Anschluss fortgesetzt werden soll. Am Rande des Forums werden ATTAC-Aktive aus aller Welt zu einem globalen Treffen zusammenkommen.

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    Lernen und handeln

    Lorenz Gösta Beutin
    Lorenz Gösta Beutin war Teilnehmer der Podiumskonferenz auf der XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz von junge Welt am 13. Januar in Berlin

    Wir müssen reden! Der reiche Norden hat die Welt in die Klimakrise getrieben. Der ökologische Fußabdruck einer kleinen Minderheit der Menschheit zertrampelt die Lebenschancen der großen Mehrheit rund um den Globus. Die zehn reichsten Prozent der Erdbewohner pusten die Hälfte aller Klimagase in die Lust. Der wachstumsgeile Profitkapitalismus greift weiter um sich. Es reicht!

    Doch Widerstand ist möglich. In Seattle wird ein Fracking-Flüssiggas-Terminal besetzt, gegen den Bau der North-Dakota-Erdölpipeline werden Straßenblockaden gebaut. In den deutschen Braunkohlerevieren in der Lausitz und in NRW bringen Abertausende Ende-Gelände-Aktivistinnen und -aktivisten Kohlebagger und Braunkohlemeiler zum Stehen. Im Hambacher Forst bauen Waldschützer Baumhäuser, um die grünen Riesen vor dem abholzenden Kohledinosaurier RWE zu retten.

    In Brasilien, wo eine rechte Elite die Macht wieder an sich gerissen hat, stehen sich Arm und Reich direkt gegenüber. Amazonien, die grüne Lunge der Erde, wird weiter für Profite einer kleinen, weißen Oligarchie zerstört. Wir müssen handeln, die Kämpfe verbinden, voneinander lernen, zuhören, uns Mut machen. Darum fahre ich zum Weltsozialforum. Darum mache ich Politik. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen.

    Lorenz Gösta Beutin ist Energie- und Klimapolitiker der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke im Deutschen Bundestag

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    Exportmodell Bioökonomie – Top oder Flop?

    Uta Grunert (Kobra)
    Auf den Export orientiert: Das große Agrobusiness ist nicht nur in Brasilien auf dem Vormarsch

    »Agro é tech, é pop, é tudo« (Landwirtschaft ist Technologie, ist Pop, Landwirtschaft ist alles), hat der Fernsehsender Globo in einem Werbespot getönt. Die Agrarexportbilanzen Brasiliens scheinen dieses Loblied zu bestätigen. 2017 war der Agrarsektor für 44,1 Prozent der gesamten brasilianischen Exporte verantwortlich. Umgerechnet 96 Milliarden US-Dollar wurden umgesetzt, wobei allein fast 60 Milliarden in drei Sektoren erwirtschaftet wurden: Soja, Fleisch und Zucker (einschließlich Ethanol).

    Ein brasilianisches Erfolgsmodell, das man womöglich in die Welt tragen könnte? Es lohnt, genauer hinzuschauen. Ist Brasiliens Agrobusiness wirklich ein Vorbild für eine »Bioökonomie«? Welchen Standards und Paradigmen folgt dieses Entwicklungsmodell? Ist es »grün« oder gar »bio«, was in Europa ja häufig mit »gesund« assoziiert wird?

    Vieles in Brasilien ist auf eine Hochleistungsagrarproduktion ausgelegt. Die Landkonzentration der Flächeneinheiten, auf denen produziert wird, die Menge an Agrargiften, die zum Einsatz kommt (Brasilien ist hier Weltmeister), Arbeitsrechte in der Landwirtschaft, die mit Sklaverei verglichen werden können. Und schließlich die Macht der Politiker der sogenannten Bancada ruralista, der Agrarlobby im Parlament. Nicht zuletzt hat das südamerikanische Land mit Blairo Maggi derzeit einen Landwirtschaftsminister, der gleichzeitig Brasiliens »Sojakönig« ist.

    Höher, schneller, weiter – oder in den Kategorien der Agrarindustrie: Mehr Produktion, perfektere Ware und höhere Erträge durch mehr Gentechnik ergeben steigende Exportgewinne. Dass das nur die eine Seite der Medaille sein kann, ist klar.

    Auf der anderen Seite stehen die Kämpfe für Nahrungsmittelsouveränität, für gentechnikfreies Essen, für sauberes Wasser und gesunde Böden. Für kleinbäuerliche Landwirtschaft im lokalen Kontext. Für einen nachhaltigen Umgang mit Natur und Mensch. Es geht um den Export von sogenannten Biokraftstoffen, die in Europa einen Beitrag zum Klimaschutz leisten sollen. Aber auch um die Einsicht, dass Natur nicht rücksichtslos zur Ware degradiert und zu Markte getragen werden darf. Und dass im Zeitalter der Globalisierung längst Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa durch ihren Konsum die Bedingungen im Süden mit verantworten.

    In einem Workshop von Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Brot für die Welt, dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) sowie dem Netzwerk »Kooperation Brasilien e. V.« (Kobra) wird auf dem Weltsozialforum darüber diskutiert, welche neuen Entwicklungen sich in Sachen Bioökonomie abzeichnen. Mit dabei sind Camila Moreno von der Universität von Rio de Janeiro (UFRRJ), Naiara Bittencourt (Landrechte-NGO Terra de Direitos), Thomas Fatheuer (FDCL/Kobra) und Stig Tanzmann (Brot für die Welt).

    Das Forum findet am Dienstag, 15.3.2018, von 11 bis 12.45 Uhr statt.

    Wer es nicht bis nach Salvador schafft und sich trotzdem für die Materie interessiert, kann entweder an der Kobra-Frühjahrstagung in Köln (17.–19.4.) zum Thema »Wahlen, Wut und Widerstand … und die neue Macht des Agrobusiness« teilnehmen oder das aktuelle Brasilicum bei Kobra bestellen, das im März, inhaltlich passend, zur Tagung erscheint.

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    Weite und Vielfalt

    Unser Amerika und seine Präsidenten: Evo Morales (Bolivien), Lul
    Unser Amerika und seine Präsidenten: Evo Morales (Bolivien), Lula da Silva (Brasilien), Rafael Correa (Ecuador), Hugo Chávez (Venezuela) und Fernando Lugo (Paraguay) verfolgen auf dem 9. Weltsozialforum eine Rede der Gouverneurin von Pará, Ana Julia Carepa (Belém, 29.1.2009)

    Nicht ein starres Programm, sondern von den teilnehmenden Aktivisten selbstorganisierte Veranstaltungen bilden das auch wenige Tage vor Beginn noch im Entstehen befindliche Gerüst des Weltsozialforums.

    Neben denen am zentralen Veranstaltungsort, der staatlichen Universidade Federal da Bahia (Ufba) und ihrem Campus, sind zahlreiche weitere an verschiedenen Orten in der Stadt Salvador geplant. Allein die Universität selbst ist mit 202 Initiativen beteiligt, darunter Konferenzen, Ausstellungen, wissenschaftliche und künstlerische Beiträge.

    Thematische Achsen sollen den Aktivisten Orientierung bei der Vorbereitung ihrer Veranstaltungen geben. Befassen will sich das Forum mit einer großen Breite an Themen. Sinngemäß handelt es sich um Demokratie und deren Radikalisierung, um wirtschaftliche Alternativen, um Umweltgerechtigkeit – insbesondere mit Blick auf die indigenen Völker, um den Kampf gegen Rassismus und Intoleranz, um Feminismus und Genderfragen, um die Vielfalt sexueller Orientierungen, um den Kampf für Wasser und Land als Gemeingüter, um Stadtentwicklung und Wohnen, um Migration, um Arbeitsrechte und deren Verteidigung, um Bildung, Kultur, Gesundheit und Soziales, um Antiimperialismus und Frieden – und auch die Zukunft des Weltsozialforums selbst wird verhandelt. Kurz gesagt: Es geht um alles! Nicht zu vergessen Kommunikationskultur und alternative Medien.

    Arbeitsgemeinschaften der Gewerkschaften, kirchliche und andere entwicklungspolitische Organisationen aus Europa sind traditionell stark vertreten. Eine Reihe fester Partner hat das WSF auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hierzulande zählen dazu etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der bundesweite Zusammenschluss der Brasilien-Solidarität Kobra, das Netzwerk ATTAC, die Friedrich-Ebert- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung, das katholische Hilfswerk Misereor und sein evangelisches Gegenstück »Brot für die Welt«. In einem Workshop wird letzteres das Recht auf Nahrung und Wasser thematisieren, das durch die Aneignung der Ressource Wasser durch das exportorientierte Agrobusiness bedroht wird. Gerade auch für Brasilien ist das Thema brisant.

    Den Auftakt zum Weltsozialforum bildet am 13. März eine Großdemonstration durch Salvador. Zur Website des Weltsozialforums: wsf2018.org

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