Was der Masse bleibt
Von Peter Köhler
Die Weltmacht USA auf eine Stufe mit dem antiken römischen Reich zu heben, liegt insofern nahe, als beider Erfolg auf derselben Strategie gründete: einerseits mit Gewalt und Krieg Unterwerfung, andererseits kulturelle Bereicherung, Hebung des zivilisatorischen Niveaus. Während für Roms ausgreifende Machtpolitik bis heute kein überzeugender Grund gefunden wurde, liegt er für Amerika zutage – hinter allem steht das Geschäft.
Schon Kolumbus suchte im Auftrag der spanischen Krone Gold und berichtete aus der Neuen Welt, die Eingeborenen »würden sich gut als Dienstboten eignen« und ließen sich »zu allem zwingen, was wir wollen« – was dann auch geschah, mit dem kleinen Unterschied, dass die Indianer nicht als Dienstboten beschäftigt, sondern versklavt oder hingemetzelt wurden.
So unverhüllt grausam gingen die Europäer in Nordamerika nicht vor. Die seit dem 17. Jahrhundert in Nordamerika anlandenden englischen Siedler (Holländer und Franzosen blendet der US-amerikanische Historiker Howard Zinn in seiner »Geschichte des amerikanischen Volkes« leider aus) begannen geschickter mit Verhandlungen, Landerwerb und Tauschwirtschaft; und sobald sie Terrain gewonnen hatten, setzten sie den Fuß aufs nächste Stück Land.
In der traditionellen Geschichtsschreibung werden die Geländegewinne, die oft auf Vertragsbruch gründeten, also Raub waren, als Beweis für die überlegene Zivilisation der mit Bibel und Knarre hochgerüsteten Weißen verbucht. Dass die Native Americans den Eindringlingen vielfach Widerstand entgegensetzten, dass siegreiche Auflehnung und erfolgreicher Aufstand dem Vorrücken der massenhaft eindringenden Fremden immer wieder Grenzen setzten, wird in der Historiographie der Sieger verschwiegen oder abgetan. Nicht so Zinn, der in dieser allgemeinverständlich geschriebenen und zum Standardwerk gewordenen Gegenerzählung auch die Hoffnung am Leben hält, dass die Geschichte nicht zu Ende ist, sondern besser ausgehen kann, und zwar nicht nur für die Urbevölkerung, die in den 1970ern wieder ihre Stimme erhob.
Gut gegangen ist es bisher allein für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Eliten, seit sie in der Revolution von 1776 die englische Vormundschaft abschüttelten, sich bald danach aggressiv dem amerikanischen Kontinent zuwandten und Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich dem Rest der Welt, um als Hegemon notfalls militärisch, lieber aber zivil mit Weltwährung, Weltbank und Weltwirtschaftsfonds die Welt sich nutzbar zu machen.
Was die davon hat, ist die eine Frage; militärisch bleibt bis auf das große Verdienst, Nazideutschland gemeinsam mit der Sowjetunion niedergekämpft zu haben, wenig Positives. Die anderen, geradezu regelhaft provozierten Kriege der USA waren, wie Zinn beweist, rein imperialistische. Auch der von Zinn übersehene von 1810/12 gegen England, um sich damals schon Kanada einzuverleiben.
»Freiheit« war in den USA von Anfang an das große Zauberwort, aber nicht alle hatten sie. Nicht die Schwarzen, nicht die Frauen, auch nicht die Millionen Einwanderer, die sich für die Überfahrt aus Europa bei amerikanischen Geldgebern verschuldeten und dann jahrelang in Schuldknechtschaft schuften mussten, bevor sie so frei waren, ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten zu dürfen und weiter ausgebeutet zu werden.
Reibungslos ging das nicht ab. Zinns von Sympathie mit den Arbeitern und Angestellten, den Armen und Unterdrückten getragene faktenreiche Darstellung stellt auf den breiten Widerstand gegen die herrschenden Klassen und regierenden Kasten ab, zitiert zeitgenössische Reden, Lieder, Berichte, Briefe und Tagebücher und führt mit breiten Schilderungen von Massendemonstrationen und großen Streiks anschaulich vor, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vieles möglich gewesen wäre.
Aber nicht wurde. Die Macht der Räuberbarone (Stichwort: Rockefeller, Carnegie, J. P. Morgan) wurde beschnitten, nachdem sie ihre Riesenvermögen in Sicherheit gebracht hatten, die breite Masse hatte davon nichts. Die bis in die Roosevelt-Ära, den New Deal, halbwegs mächtigen Gewerkschaften wurden in den 1950ern gezähmt; die gar nicht so kleine kommunistische Partei wurde verfolgt und ward seither nicht mehr gesehen. Als Senator Joseph McCarthy 1954 den Vorsitz im Ausschuss für unamerikanische Umtriebe aufgeben musste, hatte er seine Arbeit getan.
Dass sich bis heute in den USA keine neue starke oppositionelle Partei herausbildete, hat allerdings eine tiefere Ursache als jene Kommunistenhatz: Konsensherstellung durch Konsum lautete das Zaubermittel. »In modernen Zeiten braucht man mehr als Gewalt und Gesetze, um Macht auszuüben«, schreibt Zinn: Der wirtschaftliche Boom der ersten Nachkriegsjahrzehnte ließ eine Mittelschicht entstehen, die ökonomisch saturiert und politisch entsprechend brav war. Die Freiheit, kaufen zu können, was man will, ersetzte die politische: Noch die meisten der aufmüpfigen jungen Leute in den 1960er und 70er Jahren ließen sich so wieder einfangen.
Die wenig kaufkräftige Unterschicht hingegen darf mosern: Es gab (und gibt) »Stimmen des Protests, lokale Aktionen in jedem Teil des Landes, die versuchten, die Aufmerksamkeit auf tiefgreifende Missstände zu lenken, und forderten, dass ein bisschen Gerechtigkeit umgesetzt wird« – Zinn schreibt »forderten«, aber nicht »erfolgreich«, obwohl es nur um »ein bisschen« geht. Ein bisschen Emanzipation konnten sich immerhin die Schwarzen, die Frauen und last but not least die Native Americans erkämpfen; nicht wissen konnte der 2003 verstorbene Autor, dass auch sexuelle Minderheiten sich neue Freiheiten erstritten. Ebenso wenig konnte er ahnen, dass unter Donald Trump innenpolitisch ein umfassender Rollback einsetzt – und die USA außenpolitisch auf dem Weg zum Schurkenstaat sind.
Zinns Traum, dass die USA »nach einem drastischen Politikwechsel keine militärische Supermacht mehr« wären, sondern »sich zu einer humanitären Supermacht entwickeln, die ihren Reichtum für die Menschen aufwendet, die Not leiden«, ist erst einmal ausgeträumt. Und dass die USA wie Rom an ihren inneren Widersprüchen und auswärtigen Kriegen zugrunde gehen, könnte ein Alptraum werden.
Ein Wort noch zur Übersetzung. Sie ist hervorragend – mit einem der politischen Scheinkorrektheit geschuldeten Schönheitsfehler. Die Schreibweise »N****« macht das Wort zum Unwort, selbst wenn es neutral oder wie bei Martin Luther King positiv gemeint war. Mehr noch: Die Leser müssen, was sie sonst passiv registrieren und abtun könnten, aktiv denken (z. B. den Dativ »N****n«) – und sogar Spürsinn aufwenden, um »M******« zu entziffern: »Mulatte«.
Howard Zinn: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes. Aus dem amerikanischen Englisch von Sonja Bonin und mit einem Vorwort von Norbert Finzsch. März-Verlag, Berlin 2025, 927 Seiten, 48 Euro
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